Liebe Ortrere,
da saß ich gestern Nacht und las Deine Zeilen, hangelte nach dem nächsten Taschentuch und musste doch gleichzeitig lächeln. War innerlich so klein, dass ich unter der Türritze durchgepasst hätte. So beschämt darüber, so außerordentlichen Zuspruch zu erhalten, der mich gleichzeitig so erfüllte dass der Raum davon hätte platzen können.
Deine, Eure Worte sind Hammer und Meisel, die den festgebackenen Zement zu feinstem Staub zerschlagen. Noch wirbelt er durch die Luft. Und ich begreife die Chance, ihn jetzt neu anordnen zu können, ihm neue Bestandteile hinzufügen zu können, bevor er sich wieder setzt.
Du hast recht, ich bin sehr streng zu mir selbst. Allerdings fehlt mir das Ideal in meinem Kopf, wie ich gerne wäre. Das ist nicht zynisch gemeint, nicht mitleidheischend: ich wäre gerne nicht ich. Weder im Innen noch im Außen. Das ist der Status quo, aber ich habe ja nun eine Menge wertvoller Aufgaben geschenkt bekommen, die daran vielleicht etwas ändern können.
Der Fatalismus den Du zurecht erkennst, entspringt aus dem, was ich unter dem Strich der Summe meiner Erfahrungen sehe: die ersten zweiundzwanzig Jahre meines Lebens waren grau. Es folgten über zehn Jahre Farbfilm, Dolby Surround, der mich wohl vergessen ließ, wie es vorher gewesen war. Mich übermütig werden ließ. Und seit vier Jahren ist da nicht nur schwarz-weiß, sondern auch noch Stummfilm.
Es heißt ja, das Leben leben könne man nur vorwärts, es verstehen nur rückwärts. Das ist es, was ich mir zugegeben sinnloserweise vorwerfe. Dass ich nicht dankbar genug war.
Nicht gesehen habe, gegen was ich meine Unzufriedenheit eintausche. Es zugelassen habe, einen anderen Mann attraktiv zu finden und dessen Eigenschaften an meinem Partner zu vermissen. Ich habe Äpfel mit Birnen verglichen. Er konnte nicht gewinnen. Das, was ich auf einmal suchte, hatte er nicht. Das war nicht er. Konnte er nicht sein. Dass ich diese Veränderung, diese einmal losgebrochene und unaufhaltbare Lawine in mir nicht stoppen konnte, nicht so bleiben konnte wie ich war, einfach zufrieden das verzeihe ich mir nicht.
Und so kam es, dass die Entscheidung die ich damals getroffen habe, aus der Situation heraus richtig war. Sonst hätte ich sie nicht getroffen. (Ein T-Konto habe ich damals auch geführt, es hat mir sehr geholfen. Danke für die gute Idee, es noch einmal zu versuchen!) Heute glorifiziere ich die ersten ca. 8 Jahre absoluter Zufriedenheit. Vermutlich aus dem Wunsch heraus, mich wenigstens in der Erinnerung noch einmal geborgen zu fühlen.
Ich blende aus, wie es zum Ende hin war, weil ich dann wohl loslassen müsste. Und dann wirklich alleine wäre. Obwohl ich es längst bin, denn ich bin nicht mehr dieselbe.
Und ja, da ist auch noch dieser wohl-auch-irgendwie-Fatalismus, den viele hier kennen: der Glaube, nie wieder so einem Menschen zu begegnen, der so gut passt. In dessen Seele ich mich verweben kann. Ich einfach sein kann und gut bin. Und angenommen.
Puh, ich hab gerade Staub im Auge.
Zitat von Ortrere:Mach ein Date mit Dir selbst. Koch was leckeres, deck den Tisch, zünde eine Kerze an und spiel Deine Lieblingsmusik (aus Zeiten, in denen es Dir gut ging, vielleicht sogar Teenie-Zeiten). Zieh Dich schön an, pfeif auf irgendwelche Zuviel-Kilos, mach Dir die Haare, zelebriere Dich. Niemand außer Dir bekommt das mit, es ist nur für Dich! Und dann beginnst Du eine Beziehungsanbahnung. Mit Dir. Das kann aufregender werden als jeder bedürftig-angestrengte Herrenkontakt....ich wünsche Dir aufregende Zeiten nur mit Dir, schau überhaupt gar nicht auf andere, nur Du bist wichtig. Und vielleicht verliebst Du Dich ja ein bisschen, dann strahlst Du das aus
Es fällt mir sehr schwer trotz dieser offensichtlich fantastischen Idee den inneren Rollladen nicht sofort nach unten rauschen zu lassen. Zuzulassen, es mir auch nur vorzustellen. Es liest sich so simpel, wie atmen ist. Und doch fühle ich mich dabei wie ein Fisch, der im Pudding schwimmen soll.
ToDo-Liste: Kopf hoch, Mut fassen, nicht nachdenken. Machen.