Raupenfrau
Gast
seit fast einem Dreivierteljahr bin ich nun stille Mitleserin. Und jetzt, wo der Schmerz (zumindest für den Moment) langsam weniger wird, habe ich doch noch so viele Fragen, die ich ihm nicht mehr stellen kann (weil wir nie etwas wirklich klären konnten) und jetzt erst habe ich die Kraft überhaupt zu schreiben. Vorher war das Gefühls- und Gedankenchaos so groß, dass ich keinen klaren Text hätte formulieren können.
Zunächst aber möchte ich mich bedanken, bei allen, die den Mut hatten und haben, ihr Leid hier niederzuschreiben. Es hat mir geholfen in schweren Stunden klarer zu fühlen, zu erkennen, dass ich nicht wahnsinnig bin. Denn oft habe ich mich durch sein Verhalten wie durch den Fleischwolf gedreht gefühlt, verletzt, unwohl, aber die "Angriffe" waren so willkürlich, allgemein und doch auf mich gerichtet, dadurch so schwer zu greifen, dass ich oft dachte, ich bin diejenige, die falsch empfindet, die vollkommen überempfindlich ist und total überreagiert. Das hat er mir ja oft genug weis machen wollen.
Ich möchte ihn nicht pathologisieren, das wäre anmaßend, aber nach vielen Gesprächen, der Lektüre dieses Forums und anderer Seiten, die sich mit dem Thema "(versteckte) emotionale Gewalt" beschäftigen sowie der Lektüre zweier in diesem Forum mehrfach empfohlener Bücher, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass er zumindest starke narzisstische und passiv-aggressive Persönlichkeitsmerkmale hat. Die Leidensgenossinnen, die eine solche, meist anstrengende und zermürbende Beziehung (eine echte *Partner*schaft ist es ja nicht) hinter sich haben, wissen wohl zu genau, was Zuckerbrot und Peitsche bedeutet, und durch welche Höllen und 7. Himmel man im Wechsel gehen kann.
Wegen der Peitsche bin ich gerade dabei zu gehen, diesmal ist es nicht nur eine Ankündigung meinerseits. Tatsächlich haben wir uns seit zwei Wochen nicht gesehen und haben nur Telefon- / SMS-Kontakt. Das ist für mich ein großer Fortschritt. Denn die Male vorher habe ich mich breitschlagen und um den Finger wickeln lassen, keine Grenzen gesetzt. Ich habe auch nicht vor, ihn noch mal zu treffen. Höchstens, um ihm seine Sachen zu geben, die er bei mir hatte.
Wegen des Zuckerbrotes bin ich so lange geblieben. Lange? Nun, es waren "nur" neun Monate. Aber die haben mich so viel Kraft gekostet, dass ich mich fast selbst verloren hätte. Ich dachte, er wäre "der Eine", mit dem ich alles erleben will, gemeinsam die Welt entdecken, ein tolles Team sein, das ganze Paket eben. So viele Übereinstimmungen. Dachte ich.
Um was trauere ich nun eigentlich? Um das, was er mir so gerne gegeben hätte, aber tatsächlich habe ich mich in seinen Armen nie wirklich fallen lassen können, nie wirklich unbeschwert und geborgen gefühlt, weil er mit seinem sonstigen Verhalten, der ständigen latenten Aggressivität, der plötzlichen eiskalten Fassade, den immer wiederkehrenden Abwertungen, dem über meine Gefühle Hinwegtrampeln, alles Schöne wie mit einer Planierraupe plattgemacht hat. Ich trauere um das, was hätte sein können. Eine Illusion.
Ich trauere um den Verlust meines Urvertrauens, das ich mit meinen Mitte Dreißig trotz anderer, letztendlich irgendwann gescheiterter Beziehungen noch hatte. Ich habe Angst, die Angst, die Unsicherheit, all die unangenehmen Gefühle bezüglich eines Partners, die ich bis dato an mir gar nicht kannte, mitzunehmen und mir damit eine potentielle neue, glückliche Partnetschaft selbst zu ruinieren, weil ich den Sondermüll, den er in unsere Beziehung gekippt hat, alleine entsorgen darf. Doch wohin damit?
Überhaupt habe ich Angst, einem nächsten Mann mit zu großer Skepsis gegenüberzutreten, ihm nicht vertrauen zu können, weil mein Vertrauen missbraucht wurde.
Mir geht es gut mit mir selbst. Ich mag mich, ich mag mein Leben. Ich habe alle Freiheit und die Möglichkeiten es schön zu gestalten. Ich liebe meinen Beruf und meine Arbeitsstelle. Ich habe Freunde und kann auch gut alleine sein. Ich habe Pläne und so viel vor. Ich freu mich auf meine Zukunft. Aber auf Dauer gesehen wäre es schön, wenn ich das mit jemandem teilen könnte. Mit einem echten Gefährten.
Danke für's Lesen.
