Also, ich versuch's malwieder mit Einfühlen, allerdings hab ich bei dir wirklich keine Ahnung ob da was ankommt.
Ich sage immer, Menschen sind komische Tiere und ihr Hauptproblem ist, dass sie glauben ein Bewusstsein zu haben.
Vieles läuft doch viel unbewusster ab, als wir es gerne glauben wollen.
Wenn du dir deine Beziehung mal anschaust, dann sollte dir doch auch klar sein, dass du noch in deiner "Jugendliebe" lebst.
In den Jahren, in denen andere Menschen sich getrennt haben, neues ausprobiert haben, Fehler gemacht haben (soll nicht heißen, dass ihr keine gemacht habt), aus den Fehlern ihre Schlüsse gezogen haben, neue Versuche unternommen haben, neue Interessen entwickelt haben, neue Beziehungen eingegangen sind, wieder falsch lagen, wieder neue Schlüsse gezogen haben und so gewisse Entwicklungen durchgemacht haben, von denen sie vielleicht nie gedacht hätten, dass sie diesem Weg einschlagen würden, habt ihr zumindest eine Konstante gehabt - ihr wart ein Paar.
Sicher habt ihr auch Fehler gemacht und neue Wege versucht zu finden, vielleicht neue Interessen entdeckt, aber ihr wart immer eine gewisse Einheit.
Ich denke, dass sowas grundsätzlich eigentlich ein Traum ist, der recht früh entsteht und sich viele wünschen würden, genau sowas zu erleben, aber ich persönlich kenne niemanden bei dem das tatsächlich funktioniert hat.
Ich kenne ein Paar, bei dem das alles sehr ähnlich war.
Sie hatten allerdings drei Kinder und waren verheiratet.
Sie haben sich alles gemeinsam, mit ein bisschen Hilfe von den Eltern, aufgebaut.
Mit Anfang dreißig war er dann mit seinem Studium endgültig durch, hatte einen richtig guten Job, das Haus war fertig und alles war prima.
Tja und dann kam eben das was offensichtlich immer kommt. Die große Frage "war das alles".
Klar könnte man sagen, dass es doch toll ist, wenn man so jung schon so weit ist, gemeinsam soviel erreicht hat, aber offensichtlich ist der Mensch so, dass er nie einfach zufrieden ist.
In gewisser Weise ist das ja auch gut so, weil wir sonst alle noch in Höhlen leben würden, aber es ist sicher auch in manchen Situationen sehr traurig.
Was glaubst du, wie es einer Frau mit 32 und drei Kindern geht?
Glaubst du, dass die dann "juhu" ruft und sich denkt "jetzt kann ich es mal krachen lassen"..?
Wohl eher weniger, oder?!
Sie hatte ihn unterstützt wo es ging, hat ihm das Studium ermöglicht, drei Kinder geboren, sie aufgezogen (sie waren damals 11/9/3) sich um alles gekümmert und jetzt sollte sie plötzlich, so wie er vermutlich, das Leben neu erfinden.
Ich kann dich schon auch verstehen.
Du hast dir deine Familie immer gewünscht und du wolltest diese Familie auch, weil deine eigene Familie nicht so toll war.
Für dich war deine "selbst gemachte" Familie das ein und alles, da es endlich das Leben war, das du dir immer gewünscht hast.
Vielleicht war die Kindheit deiner "Frau" auch nicht so toll und auch sie wollte etwas schaffen, das sie sich immer gewünscht hat.
Aber vielleicht ist jetzt mit der Diagnose und der Aussicht darauf, dass sich ihr Leben völlig verändern könnte und ihre alten Vorstellungen gar nicht mehr umsetzbar sind, auch der Zweifel entstanden, ob ihr Leben überhaupt so ist wie sie es sich wünscht oder es sein könnte.
Natürlich bricht da eine Welt zusammen und eigentlich sind es sogar zwei.
Ihre Welt ist mit der Diagnose schwer ins Wanken gekommen und sie versucht jetzt alles zu überdenken, in Frage zu stellen und vielleicht völlig auf den Kopf zu stellen, aus Verletzung, Verzweiflung und Angst und bei dir bricht deine ganze Sicherheit zusammen, die du offensichtlich in deiner Kindheit nicht hattest, alles was du aufgebaut hast und was so für dich weiterlaufen sollte.
Jetzt kommen bei dir auch alle Ängste hoch, völlige Hilflosigkeit, die du vielleicht auch von früher kennst, dir gleitet alles durch die Hände und du kannst einfach nichts machen.
Wusstest du, dass Zerstörung das größte Wachstumspotential bietet.
Das mag jetzt erstmal für dich egal erscheinen, aber du bist noch jung!
Du hast keine drei Kinder, du bist nicht die Mutter, die gezwungenermaßen für die Kinder da sein musst.
Du kannst durchaus ein völlig neues Leben anfangen.
Du kannst, und dazu wirst du gerade leider auch gezwungen, nochmal alles neu überdenken, neue Wege einschlagen, neue Fehler machen und neu lernen.
Du kannst dich neu kennenlernen.
Ich verstehe dich da schon und weiß wie viel Angst dahintersteckt könnte, aber versuche etwas daraus zu machen.
Zerstörung hat die größte Kraft zum Wachstum.
Auch für dich.