Zitat von ZeitlosEcht: Wir alle starten mit einem "emotionalen Erbe" - das ich jetzt erst kennenlerne, und wundern unter dem Druck des Alltags, warum das Fundament plötzlich Risse bekommt.
Der Autopilot: Wir
Warum wird mir jetzt erst so richtig schmerzhaft klar dass ich und meine Frau die Muster unserer Eltern unbewusst, wie im Autopilot, wiederholen.
Emotionales Erbe ist ein sehr guter Ausdruck für das, wie wir alle geprägt wurden und was wir weiter mit uns rumschleppen - in der Regel unbewusst. Da bilden wir uns noch ein, wir seien Wunder wie selbstständig und autark und würden es anders, was nichts anderes heißt als besser machen als unsere Eltern.
Und dann spulen wir doch das erlernte Programm ab und laufen im Hamsterrad weiter wie blöd und dumm und kurzsichtig.
Und dann kommt eine Krise, die alles auf den Kopf stellt. Und wir sind hilflos, überfordert, voller Angst und Zweifel. Kaum ist mal für einige Minuten innere Ruhe eingekehrt, kommen schon wieder die innere Unruhe und vor allem die Ängste.
Es wissen hier viele, wie du dich fühlst. Allein gelassen, wies der einsame Steppenwolf, der keine positiven Gefühle mitteilen konnte und jetzt vor dem gefühlten Nichts steht. Die Frau, die sich abgenabelt hat und womöglich den Kollegen als Sprungbrett in ein Leben ohne Dich benützt.
Und diese Gedanken drehen sich ständig weiter, sie hören nicht auf und sie werden nicht ruhiger.
Nimm die Trennung deiner Frau als gegeben hin. Sie eiert auch rum und weiß auch nicht, wie sie ihr künftiges Leben aufstellen wird. Sie hat nur den Vorteil dass sie eine Entscheidung getroffen hat durch die du die Kontrolle über euch verloren hast. Das ist megahart, wenn über einen entschieden wird weil es Machtverlust bedeutet und Ausgeliefertsein.
Ich finde die Paartherapie dennoch eine gute Idee. Es kann euch helfen, eure Mechanismen besser zu erkennen, wenn ein unparteiischer Dritter zuhört und vielleicht auch neue Gedanken ins Spiel bringt. Das kann auch zu mehr Verständnis führen.
Es dauerte sehr lange, bis ich erkannte, wie mich meine Mutter drangsaliert hat. Mit ihrem Leistungsanspruch, ihren Erwartungen. Erst musste ich das gute Kind sein, das anständig ist, sich gut benimmt und später die gute Schülerin. Ich wurde alles was man von mir erwartete. Ein gutes Kind, das sich benehmen konnte und eine gute Schülerin. Ich ging gern in die Schule und schaute schon in der Vorschulzeit voller Neid auf die älteren Kinder die schon zur Schule gehen durften.
Ich glaube, es war unbewusst so, dass ich die Schule als legitime Chance begriff, mich von daheim absentieren zu können.
Am zweiten Schultag saß ich auf meinem Stühlchen und bemerkte irritiert dass viele Kinder weinten. Wieso weinen die denn, die sollen doch froh sein, dass sie in die Schule gehen dürfen? Ich begriff es dann, dass sie nach ihrer Mama weinten. Ich weinte nicht, ich war froh und stolz, dass ich nun Schülerin war.
Eigentlich kein Wunder, denn meine Hauptbezugsperson, also meine Mutter, war launisch und ich hatte sehr schnell gelernt, ihre Befindlichkeit zu lesen. Heute singt sie, heute ist sie fröhlich. Gott sei Dank es könnte ein friedlicher Tag werden. Aber das konnte am nächsten Tag schon anders aussehen. Sie war gereizt, innerlich wütend, unzufrieden und ich ging in Deckung um sie nicht noch mehr zu reizen. Ich begriff irgendwann dass ihre Wut nicht unmittelbar mir galt, sondern andere Ursachen hatte, aber ich bekam sie ab und das habe ich ihr lange nicht verziehen. Auch heute noch nicht richtig. Aber ich weiß heute dass sie vermutlich durch die Kriegserfahrungen traumatisiert war. Sie hat sich nie mit den inneren Dämonen auseinandergesetzt, sondern fand einen anderen Weg zur Bewältigung, die keine war. Sie wurde chronisch krank und litt unter einer unheilbaren Autoimmunerkrankung, die schubweise auftrat. Ein allmählicher Abbau, ständig schwere Medikamente, die immer mehr wurden, lange Krankenhausaufenthalte die mir Ungewissheit bescherten. Obwohl sie schwierig war, wirkte die Wohnung leer ohne sie, wenn sie wieder mal in einer Klinik war.
Das nur nebenbei, dass seelische Defizite die den Menschen quälen, auch Krankheiten auslösen können. Die Krankheit muss nicht daher kommen, aber ich glaube schon, dass es bei ihr der Fall war. Auch sie perfektionistisch, supergründlich, womit sie sich selbst oft unter Druck setzte. Es musste alles perfekt sein, aber es war selten perfekt und dann wurde sie unzufrieden und unleidlich. Vielleicht erkennst du dich selbst wieder in dieser Beschreibung.
Jede Krise hat ihr Gutes. Wenn wir was draus machen.Liest sich jetzt blöd für dich, aber es ist was Wahres dran. Denn durch Krisen werden wir mit uns selbst konfrontiert und fangen an uns über uns selbst Gedanken zu machen.. Und wir erkennen viel, wie wir geformt wurden und das einfach weitergelebt haben ohne einen Gedanken daran, dass es auch anders sein könnte.
Du bist jetzt auf dem Weg, dich anzuschauen, Zusammenhänge und dein emotionales Erbe, w ie du es so schön sagst, zu erkennen. Das ist gut denn du beginnst dich selbst zu hinterfragen. Das tut oft ganz schön weh, aber auch das ist heilsam denn dann kommen wir darauf, dass wir auch anders leben könnte. Innerlich zufriedener, wenn wir uns vom eigenen Antrieb der uns peitscht, ein wenig verabschieden. Es ist nichts perfekt im Leben, gar nichts. Das Unperfekte ist Bestandteil des Lebens.
Selbsterkenntnis ist eine Voraussetzung dafür dass wir mit uns und den inneren Fallstricken besser zurecht kommen können und letztendlich auch in ein friedlichicheres Leben finden, in dem wir nicht perfekt sein müssen. Gut reicht schon, perfekt ist unerreichbar und das brauchen wir auch nicht.
Du bist jetzt auf dem Weg in ganz neue Gefilde, denn nachgedacht über dich hast du bisher nicht. Nur fremdgesteuert gelebt, funktioniert, aber die emotionale Seite kam nicht zu Wort. Die wurde weggedrängt, ist ja auch nicht hilfreich, wenn man perfekt sein will. Perfektsein kann eine Maschine, ein gut programmiertes Programm, aber da ist kein Platz fürs Menschsein.
Du wirst davon profitieren, denn gerade der Verlassene steht vor riesigen Mauern die Angst machen. Aber es findet sich auch immer eine Tür, durch die wir gehen können. Mal schauen, was dahinter ist. Vielleicht was Gutes?
Schön, dass du einschlägige Bücher liest. Such dir Möglichkeiten friedlicher mit dir selbst zu werden. Du musst nur passende Mechanismen finden.
Mir wurde irgendwann bewusst, dass ich beständig auf meinen inneren Kritiker hörte. Schwarze Kobolde saßen auf meiner Schulter und machten mich schlecht. Haha, du willst wieder mal was, ja, aber schaffst es doch eh nicht. Du bist nicht wie Sandra und Anna die leistungsfähig, selbstbewusst und stark sind und die nichts umwirft. Du tätest ja gerne was wollen aber du scheiterst eh wieder. Und dann können wir dich wieder hämisch auslachen und dir sagen, dass du es einfach nicht bringst.
Wir wissen Bescheid über dich.
irgendwann schickte ich die Kobolde in einen Schrank und drehte den Schlüssel um. Ich war es leid mich ständig in Frage zu stellen und mich als schlechter einzuordnen als ich war. So übel war ich doch gar nicht, auch ich durfte an mich glauben. Neuland für mich. Heute bin ich anders, ich gehe gnädiger mit mir um. Selbstachtsamkeit ist etwas was wir lernen sollten, wenn sie zu kurz kam. Du kannst sie auch nicht, denn du peitscht dich selbst durchs Leben und dann wirst du grantig weil du ja doch überfordert bist.
Du darfst auch schwach sein, ängstlich und verzagt. Aber du darfst den kleinen Buben in Dir auch an die Hand nehmen und ihm sagen, gemeinsam schaffen wir es. Du lernst die andere Instanz in Dir wahrzunehmen und sie zu pflegen. Es könnte sogar sein, dass sich dein allzu impulsives Verhalten dadurch abschwächt.
Du bist auf dem Weg zu Dir, gehe ihn weiter. Durchlebe den Kummer, die Verzagtheit, lass Ängste und Trauer zu, der kleine Bub in dir wird darüber froh sein, wenn er auch mal zu Wort kommen darf. Aber dann nimmst du ihn wieder an die Hand und machst ihm Mut weil du weißt, dass auch dunkle Zeiten hellere kommen.
Jede Krise ist auch eine Chance!