Grüß dich liebe Holly,
ich habe deinen Hilferuf gerade erst gesehen und mich mal durch die 7 Seiten gearbeitet. Es berührt mich sehr, wie du diese Zeit meisterst, obwohl sie zum Schwierigsten gehört, was ein Mensch durchmachen kann. So wie du das machst tieftraurig, aber ohne Hass und Rachegelüste wirst du das bewältigen. Da bin ich ganz sicher. Und ebenso sicher bin ich, dass es dir in spätestens einem Jahr wieder wirklich gut geht, wenn du das willst. Ob das mit einem neuen Partner, als glückliche Alleinerziehende oder nach einem ernsthaften Neuanfang sein wird das ist offen. Und ebenso offen scheinst auch du bisher noch zu sein.
Tatsächlich ist es nicht ungewöhnlich, dass Menschen diese Ausbruchstendenzen zeigen, wenn sie ihre Jugendliebe geheiratet haben. Und tatsächlich haben sie dem dann oft wenig entgegen zu setzen. Du kannst (wenn du willst) deinem Mann also glauben, dass er ziemlich wehrlos war gegenüber dem, was da mit ihm passiert ist. Entscheidend ist, dass er jetzt verantwortungsvoll damit umgeht und dazu steht, was er getan hat und weiterhin tut.
Zitat:>>Was mich so fassungslos macht, ist, dass er alles mit sich allein ausgemacht und mich dann vor vollendete Tatsachen gestellt hat. Er hat schon länger gemerkt, dass die Gefühle für mich schwächer werden und zeitgleich die Gefühle für die Nachbarin stärker. Ihm hat in unserer Beziehung Zärtlichkeit gefehlt. Nicht, dass es gar keine gab, aber für ihn war es nicht mehr genug. Nur gesagt hat er nichts. Er hat die letzten Wochen einfach nichts gesagt und mir damit jegliche Chance genommen, zu reagieren, etwas zu ändern.<<
Es wäre in den letzten Wochen auch schon viel zu spät gewesen, um daran etwas zu ändern. Das hätte eher passieren müssen. In den letzten Wochen hat er vermutlich gegen sich und seine Gefühle gekämpft, weil das, was er gefühlt hat, einfach nicht sein durfte. Und meistens verliert man in der hormonellen Hochphase diese Kämpfe. Während dieser Zeit konnte er dich also schon nicht mehr an seinen Gedanken teilhaben lassen, da war er schon in einer anderen Welt.
Zitat:>>Mir ist ja auch aufgefallen, dass es schon mal mehr Umarmungen, Küsse, S. gegeben hat. Aber für mich war das okay, das Kind ist jetzt größer und selbständiger und ich dachte, JETZT können wir das wieder in Angriff nehmen, wieder mehr Paarzeit verbringen etc. Weil wir ansonsten ein super Team sind, habe ich gedacht, wir halten das aus. Tja, falsch gedacht. <<
Es ist gut, dass du deine Anteile an der Krise sehen kannst, aus der heraus er sich fremdverliebt hat. Allerdings hatte er eine Wahl. Er hätte dir deutlicher machen können, was da bei ihm passiert. Er hätte natürlich auch nicht fremd gehen oder sich neu verlieben MÜSSEN. Das er aber durch die frühe Beziehung mit dir in diesen Liebesdingen völlig unerfahren war und ist, hat er möglicherweise auch den Ernst der Lage nicht erfasst und war der Meinung, einfach wieder aufhören zu können.
Zitat:>>Und ich kriege einfach keine Chance! Er sagt, sein Herz kann er nicht überhören. Er ist bis über beide Ohren verliebt und kann das nicht abstellen. Er möchte es auch gar nicht versuchen (habe ihm gesagt, dass man durchaus über Gefühle hinwegkommen kann, wenn man WILL, Kontaktabbruch etc.).<<
Ja, so fühlt sich das an für ihn. Es fühlt sich so an, als sei es unmöglich, diesem Zwang nicht nachzukommen. Allerdings ändert sich das noch. Meist ist es dann zu spät und der Jammer ist groß. Und ja, es ist unfair, dass er dir und eurer Beziehung keine Chance gegeben hat. Vielleicht tröstet es dich ein wenig, dass es auch ihm damit sicher nicht durchgehend gut geht. denn die konsequenzen sind ja auch für ihn nicht ohne.
Ich habe immer wieder erlebt, dass es dem Verlassenen (nach einer langen Beziehung) schon nach kurzer Zeit besser geht als demjenigen, der verlassen hat, der ausgebrochen ist. denn der hat ja obendrauf noch mit seinen Schuldgefühlen zu tun.
Zitat:>>Warum schmeißt er 22 Jahre und eine FAMILIE einfach so weg? Ohne wenigstens zu versuchen, zu kämpfen? Er sagt, es zerreißt ihm das Herz, wenn sich unser Sohn an ihn hängt und sagt, er vermisst ihn, er will, dass er wieder zurückkommt. Und dann versucht es nicht einmal? Warum sind diese Schmetterlinge so viel stärker?<<
Glaube mir, diese Frage stellt er sich auch immer wieder und ist ratlos dabei. Menschen in seiner Situation fühlen sich oft auch als Opfer ihrer unerwarteten Gefühle. Sie haben sich zwar selber dorthin gebracht, weil sie mit dem Feuer gespielt haben (sind also damit natürlich SCHULDIG), mussten aber feststellen, dass sie plötzlich nicht mehr Herr ihres Handelns waren.
Aus deiner Sicht schmeißt er seine Familie weg, aus seiner Sicht, ist sie ihm plötzlich entglitten. Das ändert sich oft noch, wenn die Hormone sich verflüchtigen. Und es kann sehr spannend werden, was er dann sagt und tut. Trotzdem solltest du nicht endlos auf ihn warten. Jetzt stehst DU im Mittelpunkt deiner Sorge und dein Kind. Tu also das, wobei du dich am besten fühlst.
Zitat:>>Was das ganze noch fieser macht, ist natürlich, dass sie nebenan wohnt.<<
Das ist unerträglich und darf auf keinen Fall Dauerzustand werden.
Zitat:>>Immerhin sagt er, dass er nicht nebenan einziehen wird. Ob sie sich jetzt gleich zusammen was suchen oder erst für sich allein, weiß ich nicht.<<
Sag ihm, was für dich inakzeptabel ist. Du bist da nicht ohne Einfluss.
Zitat:>>Ich versuche, für meinen Sohn stark zu sein. Aber ich schaffe es einfach nicht. Seit 2 Wochen heule ich täglich und fühle einfach keine Besserung. Heute bin ich den ersten Tag wieder arbeiten. Immerhin sitze ich schon länger am Schreibtisch als heulend auf dem Klo.<<
Zwei Wochen sind auch extrem kurz. Die Heilung braucht viel mehr Zeit. Und es gibt normalerweise zwei Wege, um diese tiefen Verletzungen zu heilen. Diese Wege kann man aber erst in Angriff nehmen, wenn man akzeptiert, was da geschehen ist. Solange man sich noch zurückwünscht in den alten Status, gibt es keine durchgreifenden Verbesserungen.
Zitat:>>Wie komme ich durch diese schwere Zeit? Immer wenn ich denke, dass es mir ein klitzekleines bisschen besser geht, haut es mir im nächsten Moment wieder den Boden weg. Ich habe nonstop Magenschmerzen, habe tierisch abgenommen.<<
Lass dir etwas gegen die Magenschmerzen verschreiben und akzeptiere deinen Gewichtsverlust. Das gleicht sich meist schneller wieder aus, als einem lieb ist.
Zitat:>>Eschwerend kommt ja auch hinzu, dass ich nicht einfach einen Cut machen kann! Ich sehe ihn derzeit fast täglich weil er unseren Sohn besuchen kommt, frische Wäsche holt, etc. Er hat halt noch keine eigene Wohnung, kann also seine Sachen noch nicht holen. Er ist also quasi ständig um mich, er oder seine Sachen.<<
Das musst du nicht akzeptieren. Wehre dich dagegen, stell Forderungen, an die er sich zu halten hat. Mach es ihm nicht leicht, er darf und soll es schwer haben. Er darf und muss die ganzen Konsequenzen aus seinem Verhalten zu spüren bekommen. Es muss damit leben, dass du nicht mehr in seinem Sinne handelst, sondern gegen ihn.
Zitat:>>Ich war noch nie allein. Er ist meine erste richtige Beziehung gewesen, wir sind damals in unsere erste Wohnung gemeinsam gezogen. Ich weiß gar nicht, wie allein sein geht.<<
Das ist bitter, aber es ist auch eine große Chance für dich, deinen Selbstwert zu steigern und von partnerschaftlicher Anerkennung unabhängig zu machen. Trotzdem ist es ein schreckliches Gefühl bis vor wenigen Tagen sich noch als der wichtigste Mensch in seinem Leben zu fühlen und plötzlich ausgetauscht zu werden. Es fühlt sich an wie eine Amputation. Ein Körperteil fehlt und schmerzt trotzdem noch, Phantomschmerzen. Man sieht es und kann es nicht glauben.
Wenn man es aber glaubt, geht es voran.
Zitat:>>Vorgestern habe ich ihm einen Brief geschrieben, viele gemeinsame Erlebnisse angesprochen und ihm gesagt, dass die Tür noch nicht zu ist. Heute schreibt er mir eine Nachricht und fragt, wie weit ich mit einem eigenen Auto bin (er übernimmt das Familienauto). Auch eine Art zu antworten. <<
Dazu Folgendes: Ich halte solche Briefe, wie du ihn geschrieben hast, für SEHR WICHTIG. Man muss nur wissen, dass die Erwartungen, die man daran knüpft, NIE erfüllt werden. Unabhängig von diesen nicht erfüllten Erwartungen hat er den Brief aber bekommen und gelesen. Er ist auf dem Stand der Dinge, den du ihm mitgeteilt hast, auch wenn er nicht in der Lage ist darauf einzugehen. Dieses Wissen verursacht etwas in ihm, er bewirkt etwas. Er zeigt es nicht, weil völlig außerstande ist, damit klug umzugehen und das zu tun, was du erwartet hast. Aber er weiß, dass die Uhr abläuft und dass die Tür sehr bald zu sein wird. Geh also davon aus, dass dein Brief nicht vergebens war.
Zitat:>>Wann wird es endlich besser? WIE wird es endlich besser?<<
Das ist sehr unterschiedlich. Aber so gut wie sicher ist, DASS es besser wird, wenn du willst, dass es besser wird. Du bist nicht mehr langes Opfer dieses Geschehens, sondern du hast die Möglichkeit, das Geschehen wieder selber zu lenken und dir Ziele zu setzen, die erreichbar sind. Das wird für deinen Mann übrigens ein sehr wichtiger (und meist auch schmerzhafter) Moment sein, wenn er spürt, dass du nun alles tust, damit es dir besser geht und gegen ihn auch klare Forderungen erhebst. Das ist der Moment, in dem du die DISTANZ zwischen euch aushalten und bewusst vergrößern kannst
Zitat:>>Nur noch auf Elternebene zu kommunizieren habe ich mir ganz fest vorgenommen. Ich hoffe, ich packe es!<<
Unbedingt, such dir da auch professionelle Helfer. Es gibt Einrichtung, die sich darauf spezialisiert haben, Kinder in diesem Alter in Trennungen zu begleiten und die machen das richtig gut. Such gezielt danach, notfalls fragt beim Jugendamt, bei Familienberatungsstellen oder bei der Telefonseelsorge. Die helfen dir weiter.
Viel Kraft wünsche ich dir.