Hallo Gast ohne Worte,
ja, die Gefühlswelt ist momentan recht stabil. Ist jetzt schon der dritte Tag ohne dass ich in ein emotionales Loch gefallen bin. Mag daran liegen, dass ich diese Woche schon dabei bin, meinen Laden so langsam zu räumen, weil ich ja am 03.11. meinen neuen Job antrete. Ist viel zu tun, viel zu organisieren, viel zu packen... das lenkt ab und mit der Aussicht auf ein besseres Berufsleben steigt auch die Zufriedenheit bei mir.
Gestern habe ich, nachdem ich am Sonntag noch mal das Gespräch mit meiner Frau gesucht habe, einen wirklich sehr schönen Liebesbrief von ihr bekommen. Keine Entschuldigung, sondern eher eine Art Zwischenbilanz, die ihre Hoffnung und ihre Dankbarkeit zum Ausdruck bringt. Dankbarkeit für den Weg, den wir jetzt gehen, nicht unbedingt nur auf mich bezogen.
Ein Satz war "Wenn ich könnte, würde ich die Zeit zurück drehen um es ungeschehen zu machen. Aber vielleicht würde ich es dann auch doch nicht tun. Nicht weil ich es nicht bereuen würde, sondern einfach weil ich Angst hätte, dabei auch die schönen Dinge der letzten 12 Jahre zu löschen.". Das hat mir gestern sehr viel bedeutet.
Tja, wie oft reden wir noch drüber? Einmal pro Woche momentan, würde ich sagen. Eigentlich immer dann, wenn einer von uns das Bedürfnis hat, mit dem anderen zu reden. Wobei ich glaube, dass das sehr individuell ist. Oftmal reden wir die ersten 10 Minuten über den Seitensprung und daraus ergeben sich plötzlich ganz andere Themen. Kleines Beispiel: wir haben früher immer zusammen eine Fernsehserie gesehen. In ihrem Chat mit Thomas hat sie diese Serie in einem nicht ganz so schönen Zusammenhang erwähnt (sinngemäß: Wir gucken gerade unsere Serie und er hat keine Ahnung dass wir uns hier gerade heiß machen). Meine Frau fragt mich letzte Woche, ob wir nicht wieder diese Serie zusammen sehen wollten und ich habe ihr dann verständlich gemacht, dass ich das einfach nicht will. Ist jetzt einfach negativ belastet für mich, warum soll ich mich damit quälen? Hat knapp 10 Minuten gedauert bis ich ihr das erklärt hatte und danach ging das Gespräch in eine völlig andere Richtung. Nämlich: was machen wir dann mit der "Serienstunde"? Das Ende vom Lied war, dass wir uns eine Stunde später zu einem Tanzkreis angemeldet hatten und ab jetzt jeden Dienstag Abend wieder zusammen tanzen gehen werden. So wie wir es gemacht haben, bevor die Kinder da waren. - Wie man sieht: Die Gespräche werden seltener, aber nicht weniger intensiv oder weniger produktiv. Aber das ist eine echte Zeitfrage. Und ich glaube auch, dass sich das auch wieder ändern kann. Wenn wieder irgendwas hoch kommt. Du hast ja selbst schon festgestellt, dass man auf rohen Eiern lebt.
Alltag... ich sag mal: geht. Einerseits wünscht man sich wieder mehr Alltag, andererseits hält man ihn für Verrat an der Bewältigung. Wenn es einem gerade schlecht geht, dann wünscht man sich nichts mehr als seinen gewohnten Alltag zurück. Wenn er dann da ist, dann will man eigentlich lieber leiden. Ist komisch und schlecht zu erklären. Aber der Alltag kommt von ganz allein irgendwann, denn schließlich geht das Leben weiter. Job, Kinder, Haus, Hund, Freunde, Partys... und man nimmt es irgendwann auch an. Wir haben inzwischen einen ganz guten Mittelweg gefunden für uns. In den ersten Wochen haben wir natürlich jeden Abend auf dem Sofa gesessen und geredet, geweint, uns im Arm gehalten. Irgendwann sind wir dazu übergegangen, eine Kanne Tee aufzusetzen, bevor es aufs Sofa ging. Und dann haben wir Tee getrunken beim Reden. Irgendwann kam dann der Tag, an dem keiner von uns reden wollte, ganz einfach weil wir beide eine Pause brauchten. Nur der Tee ist geblieben. Und so ist das inzwischen so eine Art Ritual geworden. Wir bringen die Kinder ins Bett, meine Frau kocht einen Tee während ich den Hund füttere und dann setzen wir uns hin und trinken Tee. Wir sagen uns dann wie es uns so geht und was am Tag so los war. Wenn es etwas zu bereden gibt, dann reden wir drüber. Über uns, die Kinder, die Famile, den Job, das Geld. Waht ever. Letzte Woche haben wir über mögliche Urlaubsziele geredet. Völlig ungeplant. Ergab sich einfach so. War auch schön. Wenn es nichts zu bereden gibt, schalten wir den Fernseher ein oder pflegen unsere Hobbys oder lesen oder oder oder.
Vorteil ist: Alltag darf plötzlich wieder sein weil man weiß, dass man Abends auf jeden Fall noch die Gelegenheit haben wird, seine Sorgen los zu werden. Wenn man denn welche hat. Wenn nicht, hat man zumindest die Gewissheit, dass es dem anderen auch gerade gut geht.
So, das war jetzt eine hoffentlich nicht zu ausführliche Antwort auf Deine Fragen.
