Moin Anna,
ich habe mal ein wenig über deine Aussagen nachgedacht. Was und auch das WIE waren sehr interessant. Also nicht schockiert sein, wenn ich hier
einige Zitate kommentiere.
Zitat von Anna_A: Ja, ich hinterfrage mich schon sehr, da hast du Recht. Manchmal denke ich, ist es viel einfacher, alles beiseite zu drängen und stur geradeaus zu sehen. Das bekomme ich leider nicht hin und wäre ja auch das andere Extrem. Ich reflektiere viel und erinnere mich auch an vieles.
Zu sehr vielleicht? Weißt du, viele Dinge davon sind in der Vergangenheit. Du kannst sie aufgreifen, durchdenken, analysieren und doch - der Zweifel bleibt, ob deine Schlüsse korrekt sind und vor allem, ob sie dir helfen können. Er kann und wird dazu nicht mehr Stellung beziehen können und selbst wenn, so wirst du nie die Wahrheit kennen. Es gibt sehr viele Menschen, die spüren zwar, dass eine Trennung einer der größten Vertrauensbrüche ist, ihnen ist es aber nicht wirklich bewusst. Und wie will man etwas/einem Menschen noch glauben, was und wer nicht mehr vertrauenswürdig ist. Auch glaube ich wie du, dass Extreme nicht gewinnbringend sind. Aber ich glaube, wird DÜRFEN es uns erlauben gewisse Dinge wegzuschieben, weil wir uns eben an vieles erinnern. Erinnerungen verfestigen sich, sobald man sie immer wieder ins Bewusstsein ruft. Vielleicht ist es ja eine Möglichkeit, ein paar Dinge einfach mal "sein" zu lassen. Dinge, die du auch nicht ändern kannst und bei denen du zu keinem GLAUBWÜRDIGEN und relevanten Ergebnis kommst. Sicherlich ist es nicht einfach, diese Dinge zu erkennen und zu differenzieren: Wo fangen DU und deine Anteile an, wo enden sie bzw. sind/waren einer bilateralen Dynamik geschuldet? Gar nicht so einfach, ich weiss.
Zitat von Anna_A: Wir sind im Außen verschieden, aber im Inneren ähnlich - so empfand ich es immer.
Empfand oder empfindest du es noch so? Ich glaube tatsächlich, dass du da irrst. Wenn ihr im inneren so gleich gewesen wärt, dann hättet ihr euch gemeinsam entwickelt. Was ich von ihm lese ist durchgängiges Vermeiden einer echten Bindung. Bei dir vielleicht anfangs oder bei deinem Ex auch. Na und? Menschen reagieren aufeinander. Du wolltest mehr Bindung, er nicht. Da ändern auch seine "Taten" wie ein erstes "Ich liebe dich" oder die von ihm initiierten Vorschläge der Hochzeit und des Zusammenzuges nichts.
1. Weil es nach der ersten Trennung war und er was "anbieten" musste um dich wieder zu gewinnen. Wobei ich nicht sagen möchte, dass es reine Manipulation war, sondern schon glaube, dass er es in dem Moment wirklich wollte - vielleicht aus einer Art Verlustangst.
2. Weil es ein Unterschied ist einen ANDEREN Menschen zu binden oder sich selbst binden zu wollen/es zu können. Wenn du hier im Forum mal querliest, wirst du viele Themen sehen, die mit Bindungsvermeidern (und ich pathologisiere nicht, sondern finde kein passenderes Wort dafür) zu tun haben. Der Klassiker: Mann legt wie die Feuerwehr los, bindet die Frau damit aber er ist selbst nicht in der Lage sich wirklich einzulassen. Es ist eher ein Wunsch und Streben nach Sicherheit, ganz salopp: Sie will mich und würde nicht einfach gehen, ich habe aber Optionen. Auf der anderen Seite ist es aber auch bei einigen Fällen so, das Verweigerer Angst haben sich zu öffnen und sich eben damit auch angreifbar, verletzlich machen.
Nicht vergessen dabei, dass das Streben nach Sicherheit in vielen von uns liegt und ich glaube kaum, dass das oft bewusst getan wird.
Es geht in meinen Augen (bitte nicht negativ konnotieren das Wort, sondern wertfrei belassen) oft dabei um
Kontrolle. Kontrolle bietet Sicherheit. In der heutigen Zeit ist Sicherheit aber auch ein seltenes Gut. Sicherheit dem eigenen Selbst gegenüber, der Partnerschaft und dem eigenen/gemeinsamen Leben gegenüber.
Zitat von Anna_A: Rückblickend sehe ich, dass wir beide eher vermeidend waren. In meiner Beziehung vorher hatte ich das ganz stak gespürt, aber noch nicht einordnen können - meinen Ex-Ex hatte ich auf Distanz gehalten. Mein Ex und ich passten daher zunächst gut zusammen, dachte ich. Er ist recht autonom, was ich gut fand, weil ich dadurch Raum hatte und niemand an mir zerrte. Manches fiel mir aber doch auf und verletzte mich teilweise: der Abstand nach dem Urlaub z. B. Ich fühlte mich auch se*uell nicht sonderlich begehrt, muss ich sagen. Der Laptop war immer mit dabei, auch im Urlaub wurde gearbeitet (ich hatte Verständnis, weil er selbstständig ist. Aber er hat auch einige Mitarbeiter, die das Tagesgeschäft ohnehin ohne ihn erledigen). Er wollte - bis auf wenige Ausnahmen - nicht mit zu meinen Freunden. Der erste Gedanke bei gutem Wetter war meist nicht "ach cool, was kann ich mit Anna machen", sondern "ich könnte eine Runde golfen gehen".
Genau das meinte ich weiter oben. Ihr wart vielleicht anfangs "gleich" - was ich noch nicht mal so ausdrücken würde. Ich würde eher sagen, ihr hattet am Anfang jeweils eine Vorstellung von einer Partnerschaft, wie ihr sie euch idealerweise wünschen würdet. Was lese ich da sonst an "Gleichheit"? Nur das Autonomiebedürfnis - aber das halte ich für sehr gesund in JEDER Partnerschaft. Weiterhin (und ich sehe ja nur einen Ausschnitt) erkenne ich da eher unterschiedliche Bedürfnisse. Verstehst du, was ich meine, wenn ich das sage nachdem ich diesen Absatz gelesen habe?
Zitat von Anna_A: Aber vor allem der letzte Punkt scheint so nicht zu stimmen, denn sie wohnt dort, kennt die Leute dort, ist immer dabei + er und sie sehen sich jeden Tag bei ihr.
Zitat von Anna_A: 1. interessiert mich das Thema nicht, 2. sagte er ja zu Beginn, er mache nichts, worauf er keine Lust habe, also müsse ich das auch nicht, 3. dachte ich, dass es seine Zuflucht ist, er auch froh ist, mich nicht immer um sich zu haben.
Aber dafür stimmt der erste Punkt bei "ihr". Sie interessiert sich für das Thema. Ich kenne übrigens keinen Mann, der es nicht gut findet, wenn die Frau zumindest Interesse an SEINEM geliebten Hobby zeigt. Interesse kann man aufbauen - und hier ist es nicht das Interesse an dem Hobby "Golfen" sondern vielmehr Interesse an dem, womit ein geliebter Mensch seine Zeit verbringt. Übrigens sehe ich diesen Punkt als sehr wichtig in einer Partnerschaft an.
Als Beispiel: Ich konnte nie was mit Feldhockey anfangen. Meine Ex-Partnerin hat aber in der Feldhockey-Bundesliga gespielt. Mehrmals die Woche Training, Freundschaftsspiele und an den Wochenenden eben die Ligaspiele. Und doch habe ich mich mit ihr gefreut, wenn sie gesiegt hat, bin immer mal wieder zu den Auswärtsspielen mitgefahren, habe bei Olympia die Live-Streams im Internet rausgesucht damit wir auch unterwegs die Spiele schauen konnten.
Es geht darum Zeit miteinander zu verbringen,
Interesse an der Person zu zeigen, sich mit ihr zu freuen aber auch traurig zu sein, wenn was nicht so gut geklappt hat.
Mich hat Punkt 1 bei dir schon etwas getriggert, muss ich sagen. Denn mir wurde mal genau DAS von einer Ex-Partnerin gesagt, als ich von meinem Hobby sprach: "Es interessiert mich nicht". Das war wirklich sehr verletzend. Ich glaube, das kann man so pauschal sagen: Wenn kein Interesse am Hobby oder gar Abwertung des Hobbys, dann sagt das auch was über das Standing der Person zu einem aus.
Hast du ihm das mal so gesagt?
Zu Punkt 3: Dachtest du das nur oder war das auch seine Haltung? Habt ihr darüber geredet oder waren das wirklich nur deine Gedanken? Denn genau bei sowas liegen in Partnerschaften extreme, wenn nicht sogar DIE Konfliktpotentiale. Der eine denkt sich etwas zurecht und handelt danach - ohne den anderen mit einzubeziehen.
Zitat von Anna_A: ...zu der er mir den Antrag gemacht hat. Was dachte er, würde passieren?
.... dass eure Partnerschaft weiterläuft wie bisher vielleicht? Also dieses autonome Leben, was du ja auch anfangs gut fandest, aber du eben mehr und mehr "gemeinsam" wolltest? Verstehe das bitte nicht als Vorwurf. Ich glaube, das ist ein völlig "normales" Verhalten, wenn sich eine Partnerschaft entwickelt.
Zitat von Anna_A: Als er nach Absage und Trennung wiederkam, hatte ich mir Gedanken darum gemacht, was ich im Leben möchte und er signalisierte mir, dass er ähnliches möchte: eine Familie z. B.
Zitat von Anna_A: In der Wiederannäherung sagte er, er wünscht sich eine Familie und könne sich das nur mit mir vorstellen.
Er musste ja was "anbieten", dir eine Zukunftsperspektive schenken um dich wieder zu erobern. Bei dem "Love-Bombern" wird das gerne "Future-Faking" genannt.
Ich vermag aber nicht zu sagen, ob er das in dem Moment/in der Phase wirklich so meinte, weil er dich wiederhaben wollte (in solch emotionalen Situationen sagen/denken/tun Menschen echt komische Dinge) oder ob das wirklich pures "Future-Faking" war.
Zitat von Anna_A: Nun verbringt er jeden Tag dort, packt mit an. Was ist verbindlicher als ein ganzer Haufen Tiere?
Ach, ist er das? Er lebt dort sein Hobby, vielleicht ist es sogar mehr als das. Für mich sagt das nicht so viel über sein Standing der neuen Frau gegenüber aus. Sie bietet ihm da Unterkunft, wo er am liebsten seine Zeit verbringt. Als Bonus gibt's dann noch Sex, warmes Essen, Ego-Streicheleinheiten, usw. obendrauf. Dafür muss er aber auch was investieren, da er ja sonst ziemlich schnell und eindeutig als Schmarotzer dastehen würde. Das ist natürlich nur eine Vermutung. Es kann auch sein, dass die beiden sich eben wegen und über ihre Verbindung zum golfen gut ergänzen. Vermutlich herrscht da eine ganz andere Dynamik als bei euch.
So hart es vielleicht auch klingen mag (und auch hier ging es als Affaire los): Warum gibt es Affären? Sie sind Bedürfnisbefriedigung. Bedürfnisse, die nicht in der Partnerschaft gestillt werden. Er hat durch die Partnerschaft mit dir eben auch gelernt, was er möchte und was nicht. Ein Rechenbeispiel: Was ist, wenn du 7 von 10 Bedürfnissen erfüllt hast aber sie nun 8 oder 9 von 10? Zumindest das mit dem Golfen erfüllt sie "besser" als du. Auch entwickeln sich Menschen und Bedürfnisse. Gerade Männer werden "mit dem Alter" bindungsWILLIGER. Nicht umsonst spricht man (auch bei Frauen) in den Zwanzigern von "Austoben" und später von "Ankommen".
Zitat von Anna_A: Gleichzeitig ist er aber mit einer Frau zusammen, die dort wohnt, wo sein liebstes Hobby stattfindet. Es ist quasi untrennbar mit ihr verbunden...es "darf" gar nicht schief gehen, weil das jedes mal ungute Gefühlt bedeuten würde, weiterhin hinzufahren.
Ist das dann nicht etwas widersprüchlich?
Nein, denn ich glaube nicht, dass er sich darum vorher oder währenddessen Gedanken gemacht hat. Warum sollte er soweit denken? Schau doch, wie viele Menschen Partnerschaften oder Affairen in der Firma eingehen. Da denkt doch niemand dran: Oha, wenn ich das nun mit ihr/ihm mache und das in die Brüche geht, dann wirds hier aber sehr unangenehm. Gehst du Partnerschaften mit dem Gedanken ein "Wenn das dann auseinandergeht...." oder eher mit "Der ist toll, ich bin verliebt und will diesen Menschen an meiner Seite..."?
Zitat von Anna_A: Er sagte mir nach der Trennung, er sei nicht mehr gerne nach Hause gekommen, ich hätte ihn runtergezogen.
Auch wenn es verletzend war und ist. Vermutlich ist er da sehr ehrlich gewesen, aber eben auch so direkt, dass es dir weh getan hat. Zur Wahrheit gehört auch immer ein Stück Empathie und auch Diplomatie. Das vergessen viele Menschen sehr gerne ("Bin direkt und ehrlich").
Zitat von Anna_A: Er hätte es mir vorher nicht sagen können, weil es nich den richtigen Zeitpunkt gegeben hätte und es mir ja eh schon nicht gut gegangen sei. Er hätte mich nicht zusätzlich belasten wollen.
Und das ist einfach nur feige. Er schiebt damit seinen Anteil ganz weit von sich weg. Du bist seine Partnerin gewesen, es wäre auch an ihm gewesen dich mal in den Arm zu nehmen und zu fragen: Was brauchst du? Wie kann ich dich unterstützen?
Einfach nur eine feige Ausrede.
Huch, nun wurde es doch sehr viel. Ich hoffe, ich kann deine Gedanken damit etwas anregen, vielleicht aus anderen Blickwinkeln draufzuschauen, wenn es dir so wichtig ist das weiter durchzuanalysieren. ;P