Guten Morgen zusammen,
danke für eure Antworten und Rückmeldungen zu meinem Thread am Montag.
Eure Eindrücke und das Gespräch mit meinem Therapeuten haben meine Gedanken durcheinander gewirbelt und erst langsam legt sich das Chaos ein wenig. Die Nächte sind kurz und essen kann ich wenig, es läuft alles wie in Zeitlupe ab und ich merke, ich muss etwas ruhiger machen.
Zitat von LillyP:Wenn für mich hier jemand gewonnen hat, falls man das überhaupt so ausdrücken möchte, dann bist du es. Aus dem einfachem Grunde, da du dein Wertebild nicht verkauft hast.
Etwas ähnliches hat auch der Therapeut zu mir gesagt - ich ginge für ihn als "moralische Siegerin" aus dieser Geschichte hervor. Allerdings bin ich mir noch unschlüssig darüber, was mir das aktuell bringen sollte. Langfristig hilft es mir bestimmt, meine eigenen Schuldgefühle zu verarbeiten und die Selbstzweifel aufzulösen, aber aktuell fühle ich mich schlicht wie eine Verliererin - ich stehe draußen am Fenster in der Kälte, während es drinnen warm und gemütlich ist. Ich schaue nur zu, wie meine Wünsche und meine Hoffnungen langsam dahingehen.
Zitat von LillyP:Ich kann mir gut vorstellen, dass du deinen Hänger während der Beziehung auch hattest, weil die Beziehung vielleicht nicht so nah verlaufen ist, wie du dir das tief drinnen gewünscht hättest und du dich ein bisschen weggedrückt hast, sowas raubt viel Energie.
Ja, es kann durchaus sein, dass die fehlende Nähe in der Beziehung zu meinem Hänger beigetragen hat. Es war vergangenes Jahr auch so: je mehr Aufmerksamkeit ich mir wünschte und einforderte, desto weiter hat er sich entfernt. Gleichzeitig habe ich aber auch häufig versucht, meinen Unmut, der generell durch Corona, Arbeit, Schwierigkeiten mit meiner Familie etc. entstand, bei ihm abzuladen. Dabei habe ich mir rückblickend betrachtet in erster Linie erhofft, dass er Verständnis zeigt, mir Zuspruch gibt, mich fragt, wie er mir helfen kann, mich fragt, was ich brauche. Dass er nicht meine Probleme lösen kann und soll, weiß und wusste ich. Ich habe mir Mitgefühl erhofft - dass er mir sagt "Es werden bessere Zeiten kommen, es wird alles gut" - das war eigentlich schon alles. Er sagte mir erst im November, dass ihn das damals sehr beschäftigt habe und er nicht wusste, wie und wann er ansprechen solle, dass er sich unwohl fühlte, dass es ihn runterzog und unzufriedener wurde. Ich glaube, das bemerkte er in Wahrheit auch erst, als die andere Frau auf den Plan trat. Sie habe ihm vor der Trennung wohl auch den "freundschaftlichen" Rat gegeben, dass er wohl die Konsequenzen ziehen müsse, wenn er unzufrieden sei....nun denn, mein freundschaftlicher Rat hätte wohl eher gelautet: "Ihr wolltet doch heiraten, euch verbindet etwas, such das Gespräch, bevor es zu spät ist".
Zitat von LillyP:Das erklärt auch das Ablaufdatum der Beziehungen nach ca 4 Jahren, die nur auf Bauchgefühl (seiner Seite, deine nicht) beruhen.
Sehr interessant - das habe ich vergangenes Jahr bereits irgendwo gelesen. Ich werde mal reinschauen, danke!
Für mich war und ist es mehr als Bauchgefühl - so viel kann ich mit ziemlicher Sicherheit von mir sagen. Ich habe mich bewusst für ihn entschieden. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich auf Biegen und Brechen mit einem Menschen zusammen bleiben würde, der gewalttätig wird o. ä.! Ich meine es so, dass ich ihn so sehr wollte, weil ich auch seine Eigenheiten, seine Fehler und Unzulänglichkeiten sehen und ihn mit allem lieben konnte. Ich dachte eigentlich, dass es ihm auch so geht - zumindest sagte er stets, dass er am Ende nur mich sieht, wenn er in die Zukunft blickt, sich niemand anderen mehr an seine Seite wünscht und wir ein super Team seien - das waren wir auch bis zum vergangenen Jahr.
Letztes Jahr in der Trennung sagte er etwas wie eine Beziehung sollte doch von sich aus einfach sein und nicht so viel Arbeit bedeuten - nach dem Motto "entweder es passt oder es passt nicht". Das stellt man doch nicht erst nach viereinhalb Jahren, einem Heiratsantrag und einer bevorstehenden Hochzeit fest?! Als er im November zurückkam, sagte er dann, er wisse jetzt, dass sich etwas verändern kann, wenn man es möchte und gemeinsam daran arbeitet. Nun sagte er wieder etwas wie, wenn man sich wirklich liebe, wolle man den anderen doch die ganze Zeit um sich herum haben und ihn überraschen wollen etc. - wie ich es in dieser Intensität nur von Frischverliebten kenne?!
(Anmerkung: er sagte mir das am Samstag vor zwei Wochen, an dem er mir auch sagte, er denke doch oft an die andere, nachdem er mir zwei Tage zuvor gesagt hatte, sie sei unser geringstes Problem. Für diesen Samstag hatte er VON SICH AUS vorgeschlagen, Waffeln zu machen und alles besorgt, weil ich die so gerne mag...hä?!)
Zitat von LillyP:Und ohne ein Wertesystem, welches die Impulse bewertet und einsortiert, bzw, die Impulse unterdrückt, brandgefährlich für die Umwelt.
Zitat von LillyP:Vielleicht misst er einfach mit anderem Maßstab bei sich und anderen.
Zitat von Femira:ER kann es nicht. Das hat nichts mit dir zu tun. NICHTS! Er kann das mit Verpflichtungen udn Verantwortungen nicht. Das macht ihm offensichtlich Angst und er kann sich nicht angemessen verhalten.
Zitat von Anna_A:Im Grunde sehr gesund, man hat etwas falsch gemacht und das Schuldgefühl weist darauf hin. Die wird er auch so innerlich haben, allerdings zur Zeit wegwischen um dem Bauchgefühl nachzugeben.
Hierauf möchte ich gerne nochmal eingehen bzw. euch Fragen hierzu stellen.
Ich stimme euch zu und im Grunde sind das auch die Dinge, die mein Therapeut gesagt hat.
Was ich nicht verstehe oder eventuell noch nicht verstehen kann - Impulse spielen an sich doch auch eine wichtige Rolle, oder? Irgendwie entstehen sie ja durch eine innere Eingebung, einem Drang danach, etwas tun oder nicht tun zu wollen. Sie haben demnach doch eine gewisse Berechtigung. Ist es also normalerweise so, dass das übergeordnete Wertesystem diese Impulse zunächst einmal ausführlich bewertet und einordnet? Meint ihr, er gibt seinen Impulsen unmittelbar nach, obwohl sein Wertesystem (das er wohl hat - schlechtes Gewissen) ihnen entgegensteht? Wie könnten diese Impulse aussehen - Angst vor Verpflichtungen, (sexuelle) Anziehung zu einer anderen, Lustmaximierung?
Liebe @löwin45, danke für deine Geschichte. Es tut mir Leid, dass dir/euch das widerfahren ist. Ich finde es super stark, wie du den Prozess des Verzeihens in deinem Fall schilderst.
Zitat von Löwin45:Wirkliches Verzeihen ist ein Riesenakt, der nicht so schnell Mal eben gelingt, damit alles möglich schnell wieder "läuft".
Auch wenn sich dein Ex genau das gewünscht hätte, konnte das nicht klappen.
Zitat von Löwin45:Zudem waren es alles Erwartungen, die eigentlich dein Ex an dich hatte.
Fragte er dich auch nach deinen Erwartungen?
Zitat von Löwin45:Er log weiter und gab nur zu, was er nicht leugnen konnte.
So ein Verhalten verhindert neues Vertrauen.
Ohne neues Vertrauen kannst du nicht wirklich verzeihen.
Ein Teufelskreis, der letztendlich nicht zu bewältigen ist.
Zitat von Löwin45:Was hättest du stattdessen gebraucht?
Spielte das bei ihm eine Rolle?
Was ich gebraucht hätte: Ehrlichkeit, Offenheit, Verständnis und "Opferbereitschaft".
Ich sagte ihm bereits im November, dass ich alles wissen möchte und muss, was da im Sommer passiert ist. Erfuhr es aber erst häppchenweise im Januar...auf mehrmaliges Nachfragen zunächst die Info, dass sie an dem Abend, den ich schon im Verdacht hatte, dabei gewesen war. Er hätte mir das nicht erzählt, weil ich mir dann bereits eine Meinung gebildet oder mich in meinem Verdacht bestätigt gesehen hätte, obwohl mein Bild gar nicht der Wahrheit entsprechen müsste. Nach zwei Tagen Funkstille meinerseits dann das Geständnis, dass er mich an dem besagten Abend betrogen habe. Alles, was er mir danach erzählte, konnte ich endgültig nicht mehr glauben. Wenn ich äußerte, ich möchte nicht, dass da irgendein Kontakt besteht und dass ich auch verlange, dass er sich von irgendwelchen Aktivitäten fern hält, wenn er weiß, dass sie dabei ist, sagte er nicht "ich verstehe das und ich tue mein Bestes, um dem nachzukommen", sondern "na ich kann ja nicht einfach vom Tisch aufstehen, wenn sie sich dazu setzt". Auch erzählte er mir erst Tage später davon, dass sie ihn einen Tag, nachdem sie vor drei Wochen das erste mal am Golfplatz wieder aufeinander getroffen waren, angerufen hatte. Ich war und bin der Meinung, dass er mir das direkt hätte sagen müssen, um mir zu zeigen, dass es ihm wichtig ist, ehrlich zu mir zu sein.
Mir zu sagen, sie sei unser geringstes Problem, wir hätten andere Probleme, spielte zum einen meine Befindlichkeiten in diese Richtung herunter, zum anderen verlor diese Aussage ja zwei Tage später an Bedeutung, als er mir sagte, er hätte da ein gewisses Gefühl, er denke an sie, er wolle ihr schreiben, er fühle sich hingezogen etc....
Das ist auch etwas: wenn er mir von Anfang an gesagt hätte, sie sei interessant für ihn, es hätte eine gewisse Anziehung gegeben und es war eine schöne Zeit mit ihr, die er nicht missen möchte, aber doch gemerkt habe, dass die Bindung zu mir sehr stark sei - okay, hätte auch wehgetan, aber okay! Stattdessen hat er diese Verbindung heruntergespielt, mir gesagt, es hätte da keine Beziehung nach uns gegeben, es täte ihm einfach Leid für sie.
Zitat von Löwin45:Mein Mann musste mit dem, was er angerichtet hatte, klarkommen.
Zu erkennen, wie sehr er mich verletzt hatte und wie enttäuscht ich über ihn war, empfand er als beschämend.
Nun, Scham ist schwer ertragbar.
Sein Selbsbild litt.
Zitat von Löwin45:Na, um sein schlechtes Gewissen und das beschämende Gefühl endlich loszuwerden.
Du warst Mittel zum Zweck.
Ich glaube, meinem Ex war auch gar nicht bewusst, wie tief mich diese ganze Geschichte im vergangenen Jahr getroffen hat - auch ohne den Betrug schon. Dass ich wochenlang bei meinen Eltern wohnen musste, weil ich nicht alleine sein konnte, dass ich nicht essen konnte, nicht mehr als zwei Stunden die Nacht schlafen, dass ich stundenlang heulend wie ein Kleinkind in den Armen meines Vaters lag. Hinzu kam dann der Betrug, der mich nochmal zurückwarf. Er sagte hin und wieder, meine Vorwürfe und meine Wut seien berechtigt, aber zeigten auch, wie viel eigentlich kaputt gegangen und wie tief ich verletzt sei. Es sei fraglich, ob sich das wieder in Ordnung bringen lasse.
Nur Mittel zum Zweck gewesen zu sein tut weh...aber ist auch genau das, was mein Therapeut sagt. Ich sollte wohl seinen Konflikt auflösen, ihm Absolution erteilen. Was wäre gewesen, wenn ich das "geschafft" hätte - wäre er dennoch wieder gegangen, dann aber mit leichterem Gepäck?
Wie gesagt...es ist schrecklich für mich, dass ich so wenig Wert für ihn habe.
Zitat von Löwin45:Nun, ich erkannte, dass Wut und Groll keine Gefühle sind, die ich dauerhaft haben möchte.
Somit war letztendlich der Akt des Verzeihens auch für mich und mein Wohl sehr wichtig.
Zitat von Löwin45:Trotzdem ist Verzeihen nicht leicht, denn eines muss dabei sichergestellt sein:
Verzeihen heißt, dass es ab dann auch bei Streitigkeiten keine Rolle mehr spielen darf.
Erst als ich mir dessen sicher war, konnte mir dies dann auch gelingen.
Ich äußerte auch oft, dass ich nicht ewig in Wut leben wolle, dass das für mich selbst irgendwann ein Ende haben müsse, weil ich so nicht weitermachen könne. Aber zwischen Betrugsgeständnis und dann doch wieder eher Schluss lagen 6 Wochen....6 Wochen....
Zitat von Heffalump:Die Frage ist folglich nicht, wird er es wieder versuchen, sondern lasse ich es wieder zu, das er mich verletzen kann.
Zitat von Pinkstar:Ich hoffe sehr, dass du eine Frau bist, die soviel Stärke und Selbstwert hat, dass du diesen Typen, der dich in keinster Weise mehr schätzt, nicht mehr in dein Leben lässt.
Einige meiner Freundinnen sagen, er wird es bestimmt versuchen. Ich bezweifle es eigentlich deshalb stark, weil ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass jemand so dreist ist und nach dieser zweiten Aktion überhaupt den Mumm hat, es noch einmal zu versuchen. Ich selbst würde mich in Grund und Boden schämen und schauen, dass ich das Weite suche.
Nein, ich will das nicht mehr zulassen! Ich hoffe sehr, dass ich weit genug bin, sollte er es doch nochmal in irgendeiner Form bei mir versuchen. Gleichzeitig wünsche ich mir insgeheim die Genugtuung, dass er es tut und ich längst weiter bin und ihn abblitzen lassen kann.
Folgendes verstehe ich auch nicht - letztendlich ist es doch so: er hat nun wieder etwas mit dieser Frau angefangen. Eigentlich müsste er sich seiner Sache doch nun ziemlich sicher sein, oder? Denn wenn er sie nun auch ein zweites mal sitzen lässt, steht er doch wieder vor dem gleichen Problem und fühlt sich unwohl, wenn er zum Golfplatz fährt, weil sie verletzt ist.
Sie wurde bereits letztes Jahr von ihm enttäuscht - nach einigen Wochen "Beziehung". Das bedeutet, ihr liegt etwas an ihm und selbst wenn sie jetzt sagt, sie wolle es langsam angehen, bestehen doch auch da irgendwann Forderungen und Ansprüche an den Partner. Wenn sie am Golfplatz, seinem "Rückzugsort" und Ort der Freiheit für ihn, immer anwesend und präsent ist und er eigentlich jemand ist, der seine Freiheit braucht und genießen möchte, wird ihn das nicht irgendwann nerven? Sie hat Pferde, Hund und Katze, ist quasi rund um die Uhr mit ihren Tieren beschäftigt, hat Verpflichtungen, er ist (in nicht-Corona-Zeiten) viel unterwegs, besucht verschiedene Veranstaltungen, verreist oft und gerne, feiert etc.
Zitat von Anna_A:Er habe sich in den letzten Wochen schon selbst von mir abgegrenzt
Hierzu habe ich eine abschließende Frage, die ich meinen Therapeuten am Montag nicht mehr fragen konnte: Kann es auch sein, dass er sich zum Selbstschutz abgegrenzt hat? Weil er gemerkt hat, es geht nicht weiter, er und ich tun uns mit der Situation schwer und gegenseitig nicht gut, sodass er trotz Liebe entschieden hat, es sein lassen zu wollen und seine Gefühle durch die Abgrenzung beiseite geschoben hat? Kann es sein, dass er die andere Frau als Ausweg sah/sieht (das "Licht am Ende des Tunnels"), um das, was an Gefühl für mich noch da ist, beiseite zu schieben?
Keine Sorge, ich möchte hier nichts reinlesen oder reininterpretieren, möchte ihn nicht zurück. Ich möchte versuchen, die Geschehnisse zu verstehen, soweit das möglich ist und mir ein möglichst umfangreiches Bild machen.
Viele Grüße und allen einen schönen Tag
Anna