Ich bin ein bisschen überrascht, dass anscheinend viele Menschen die Vorstellung haben, ähnlich wie bei Übergewicht könne man einer ausgewachsenen Adipositas mit etwas mehr Disziplin und ein paar Diättipps schon Herr werden.
Menschen welche mit Bulimie oder Magersucht zu kämpfen haben, würde man sicher keine Tipps zu Ernährung und Bewegung geben und anraten, er oder sie müsse nur mehr Disziplin aufbringen, dann würde das schon laufen. Aber wenn es um Fettsucht geht, zeigen die Leute oft wenig Problemverständnis. Vielleicht fehlt "Naturschlanken", die "essen können was sie wollen", schlichtweg die Fantasie um sich vorstellen zu können, dass Adipositas oftmals ein komplexes Störungsbild ist, welches auch tief sitzende Ursachen/Wirkungen auf psychischer Ebene haben kann.
Ich fürchte, die üblichen Tipps zu Ernährung und Bewegung helfen Betroffenen nicht wirklich weiter. Denn meist weiß niemand besser, wie man sich eigentlich ernähren sollte, als jemand, der sich seit Jahren mit diesem Thema herumplagt. Das Problem ist in der Regel ja nicht das fehlende Wissen, sondern die fehlenden inneren Ressourcen, besagtes Wissen langfristig bei sich selbst anzuwenden.
Nur in Ausnahmefällen wird jemand sein Aussehen, seine körperliche Gesundheit, seine Beweglichkeit, sein Selbstwertgefühl, seine Selbstliebe (Fressanfälle können unglaubliche Selbsthassphasen verursachen) aufgeben aus reiner Disziplinlosigkeit. Soweit ich weiß, haben Adipöse generell nicht mehr Probleme mit Disziplin als Nicht-Adipöse. Menschen mit Adipositas arbeiten, halten ihre Wohnungen sauber, gehen ihren Pflichten genauso gewissenhaft oder weniger gewissenhaft nach wie alle anderen, oftmals fällt ihnen dies sogar aufgrund ihrer körperlichen und seelischen Belastungen, welche mit der Adipositas einhergehen, viel schwerer als anderen und trotzdem schaffen sie ihren Alltag. An fehlender Disziplin als solcher kann es also nicht liegen, dass sie adipös sind.
Adipositas geht jedoch häufig mit psychischen Komorbiditäten wie Depressionen oder Angststörungen einher, oft in einer fiesen Ursache-Wirkung-Verstärkungsspirale. Auch die physischen Komorbiditäten verursachen wiederum erhöhten psychischen Leidensdruck, was den Teufelskreis weiter befeuern kann. Für manche Betroffenen ist Essen in emotionaler Hinsicht eine der wenigen, womöglich die einzige Sache im Leben, die absolut verlässlich ist und Trost, Nähe, Ablenkung, Sicherheit, Selbstberuhigung oder andere positive Gefühle vermittelt. Insbesondere zwanghaftes Essen (Fressanfälle) hat oft die (unbewusste) Aufgabe, belastenden psychischen Zuständen Erleichterung zu verschaffen. Wer den Begriff Suchtdruck kennt, wird mit dem Begriff Essdruck etwas anfangen können.
Es gibt natürlich auch physische Konditionen, welche Adipositas mitverursachen bzw. verstärken können. So verändern sich die Abläufe im Körper zunehmend krankhaft, je mehr Gewicht bereits vorhanden ist, wodurch eine erfolgreiche Gewichtsreduktion immer schwieriger wird. Eine nicht erkannte Insulinresistenz sorgt zum Beispiel für Veränderungen im Stoffwechsel, die zu einem regelrechten Teufelskreis der Gewichtszunahme führen können; ohne Medikamente ist ein Abnehmen dann nur sehr schwer möglich. Auch andere körperlich bedingte Ursachen können die Entwicklung einer Adipositas begünstigen. Bei Frauen kann z. B. ein PCO-Syndrom eine Rolle spielen. Viele solcher Diagnosen werden nicht oder Jahre zu spät gestellt, was womöglich auch damit zu tun hat, dass viele Ärzte weder ganzheitlich behandeln noch bereit sind, Zeit und echte Ursachenforschung sowie umfassende Betreuung in eine Patientin zu investieren, welche aus seiner Sicht eh nur "nicht genug Disziplin" hat. Wer viel mit unklaren Symptomen zu tun hat und schon mal von Arzt zu Arzt musste, um womöglich Jahre später mit seinem Problem ernst genommen zu werden, hat vielleicht auch ohne an Adipositas zu leiden eine Idee, von welcher Art Arzt ich rede...
Lange Rede kurzer Sinn, ich glaube, ohne authentische intrinsische Motivation ist es extrem schwer, eine Adipositas überhaupt in den Griff zu bekommen, und würde unsere Gesellschaft etwas mehr Problembewusstsein aufbringen für Menschen, die es hier im Wortsinn "schwerer" haben als der Durchschnitt, könnte Betroffenen zudem deutlich schnellere und effektivere Hilfe angeboten werden. Es ist doch ein Unding, dass Shedia zum Beispiel in der Adipositas-Ambulanz mit ihrem Hilfegesuch abgewiesen wurde, weil sie noch nicht krank genug (!) ist. Die reinste Perversion von Prävention.