Liebe @Salijah,
was du darüber berichtest, wie dein Freund dich behandelt, tut mir beim Lesen weh. Nicht so sehr wegen dem was er macht, sondern wegen deinem verzweifelten Bemühen, für sein Sche*ßverhalten noch Gründe zu finden, um nicht an den Punkt gelangen zu müssen, es als das zu erkennen, was es ist: inakzeptabel.
Du betreibst in dieser Beziehung eine Art Selbstwert-Limbo und merkst es selber nicht, weil du dich viel zu sehr um ihn und seine möglichen Beweggründe für sein Verhalten sorgst, als darum, wie es dir selbst mit seinem Verhalten ergeht.
Weißt du, die Art, wie man sich von jemandem behandeln lässt, ist immer auch ein Spiegel dafür, wie man sich selbst behandelt. Und ich lese hier eine sensible und einfühlsame Frau, die es versäumt, ihre Qualitäten auf sich selbst anzuwenden. Dir fehlt wahrscheinlich das, was dein Freund auf ungesunde Weise viel zu viel hat: eine kleine Portion Egoismus, im Sinne von Selbstfürsorge und Selbstschutz - insbesondere die Fähigkeit, sich gegen schlechte Behandlung klar abgrenzen zu können.
Mit deinen Analysen eurer Situation kreist du um ihn, anstatt bei dir selbst und deiner Befindlichkeit zu bleiben. Dabei sollte diese doch die höchste Priorität haben! Denn am Ende des Tages ist es völlig egal, ob er dich aus Bosheit, Doofheit oder aufgrund einer psychischen Störung am Stall stehen lässt. Das Ergebnis für dich ist in jedem dieser Fälle, dass du anderthalb Stunden in der Kälte auf ihn wartest und nichtmal eine Entschuldigung dafür hörst. Dass du deinen Kater betrauerst und von ihm derweil lustige Sprachnachrichten bekommst.
Deine Fragen in solchen Situationen müsste also nicht lauten:
warum tut er das? sondern vielmehr:
möchte ich mich so behandeln lassen? Wenn du nicht so behandelt werden möchtest, dann schließt sich daran die Frage an:
was kann ich tun, um nicht weiter so behandelt zu werden? Frauen neigen häufiger als Männer dazu, sich nicht gegen schlechte Behandlung abzugrenzen, weil wir generell zu mehr Anpassung und Duldsamkeit erzogen werden. Das Schlimme daran ist, dass dieses Dulden oftmals dazu führt, dass die Behandlung daraufhin noch schlechter wird, weil der andere dadurch, dass er damit durchkommt, erst recht den Respekt verliert. Das ist eine echte Abwärtsspirale. Allerdings habe ich aus meinen eigenen diesbezüglichen Erfahrungen extrem viel gelernt - insbesondere, eine gute von einer schlechten Beziehung unterscheiden zu können, und in dem Sinne auch einen "guten" von einem "schlechten" Mann, denn um eine gesunde Beziehung führen zu können müssen die Protagonisten auch die dazu nötigen Eigenschaften mitbringen.
Denn der Punkt ist doch, dass man eine Beziehung nicht (nur) daran messen darf, was man für die andere Person fühlt, sondern auch (und vor allem) wie man von dieser Person behandelt wird.
Zitat von Salijah: Ich hab mir mein Leben wieder zurückgeholt und arbeite grade daran ihn in der Beziehung loslassen zu können.
Liebe Salijah, das klingt ja erstmal gut mit dem loslassen, aber dann liest man es genauer und erkennt dass da eigentlich nur steht, dass du jetzt übst noch weniger Ansprüche an (d)eine Beziehung zu stellen, indem du emotionalen Kannibalismus betreibst.
Sich selbst zu geben, was man braucht, bedeutet nämlich gerade NICHT, in einer unschönen und ungesunden Beziehung zu verharren und sich zu verbiegen, damit man nicht die Konsequenz aus der Erkenntnis ziehen muss, dass der erwählte Partner keinerlei partnerschaftliche Qualitäten mitbringt, die man sich selbst für eine wirklich schöne und erfüllende Beziehung wünscht.
Es bedeutet vielmehr die Fähigkeit zu erkennen, dass eine Beziehung zu führen nur dann Sinn ergibt, wenn sie einen Mehrwert für das eigene Leben darstellt und keine Belastung ist. Mit Belastung meine ich natürlich nicht die normalen Krisen, die man mal alle Jubeljahre miteinander durchsteht, sondern solche offensichtlichen und systemimmanenten Dysfunktionalitäten, wie du sie hier beschreibst.
Zitat von Salijah: Ich hatte schon früher das Problem, dass ich mich nicht von meinen Partnern geliebt gefühlt habe.
Das tut mir sehr leid liebe Salijah. Ganz unbekannt ist mir das nicht, was du da benennst, deshalb nehme ich mir folgenden Rat heraus. Es ist Zeit, deinen Selbstwert zu steigern und deine Ansprüche an einen Mann zu überdenken. Ich lese aus deinen Schilderungen hier heraus, dass du große Schwierigkeiten damit hast dir das Recht auf solche Standards überhaupt zuzugestehen. Vielleicht wäre es hilfreich, dir dieses Thema mal näher anzusehen.
Und zum Schluss, aber nicht zuletzt, mein Beileid für deinen Verlust. Trauer um die, die man liebt, ist speziesübergreifend. Es dauert, aber am Ende überwiegen die schönen Erinnerungen und die Dankbarkeit.
Vielleicht kommst du ja auch noch (wie ich selbst, bezogen auf meine eigene Biographie) auf den Gedanken, dass dein Haustier dir jahrelang nur Freude gemacht hat, während dieser Mann das nicht mal ein paar Wochen am Stück schafft.