@whynot60
Zitat:Ich hatte bei dem, was ich zuletzt bzw. vorletzt geschrieben habe, Ltw gar nicht im Sinn. Sondern ganz allgemein das Stichwort "psychische Leiden".
Achso, okay. Aber meine Gedanken bezogen sich ja keineswegs nur auf Ltw, sondern auf`s Thema allegmein.
Zitat:Es ist ja so, daß ich früher sehr gerne und ausführlich mit alten Leuten geredet habe, ich glaube, diese Gespräche waren eine ganz wesentliche Inspirationsquelle für mich und jedenfalls sehr lehrreich, lehrreicher als jedes Buch.
Und eine Frau (geb. ungefähr 1920) z. B. hat mir erzählt, daß sie schon mit zehn Jahren auf einen Bauernhof in der Umgebung gekommen ist, weil die Kinder zu Hause nicht ernährt werden konnten. Sie ist dort nicht nur geschlagen und schlecht behandelt worden, mußte nicht nur arbeiten, sondern wenn die Bäuerin "unpässlich" war, mußte sie - wie sie es genannt hat - "herhalten". ("Das war damals halt so", nach ihren Worten.) Dann noch die Kriegsjahre natürlich und überhaupt ein arbeitsreiches, kärgliches Leben, dazu noch ein Ehemann, der nicht eben einfach und auch dem Alk. zugeneigt war.
Aber meinst Du, ich hätte diese Frau auch nur ein einziges Mal unglücklich, verhärmt, depressiv erlebt? Im Gegenteil: immer gut gelaunt, lachend, aktiv, dem Leben zugewandt.
Woran das liegt, warum das heute völlig unvorstellbar wäre, ein solcher Mensch vor Traumen nur noch am Boden liegen würde, weiß ich nicht. Ich kann nur sagen, daß es so war. Und irgendeinen Grund muß es dafür ja geben, daß heutzutage schon ein falscher Blick traumatisieren kann, damals aber nicht einmal die schlimmsten Zeiten, die heute keiner mehr überleben würde, das zuwege bringen konnten.
Ja, ich kenne solche Geschichten auch. Habe viele Begegnungen mit alten Menschen gehabt, muss aber sagen, dass es unter ihnen genau so viele starke wie schwächelnde Persönlichkeiten gab. Ich denke aber nicht, dass das so sehr mit dem Zeitgeist zusammen hängt. Auch damals gabs schon wehleidige oder depressive Menschen. Und auch heute gibt es Menschen, die trotz Widrigkeiten etwas in sich tragen, sich dem Leben in positiver Weise zuzuwenden.
Mich hat vor wenigen Monaten eine 90. jährige Frau im Kaufhaus angesprochen. Sie war geistig und körperlich noch sehr fit. Nachdem wir einige Minuten geplaudert hatten, erzählte sie mir, dass sie bis heute die Kriegserlebnisse, die Armut etc. nicht verarbeitet habe und es sehr bedaure, dass es damals für all die schwer traumatisierten Leute keine Therapie gab. Sie habe einfach weiter arbeiten müssen aber es sei hart gewesen. Ihr großes Leidensthema waren die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen im Krieg, wovon auch sie betroffen war. Sie sagte, sie könne es einfach nicht verarbeiten und rede deswegen auf eine wildfremde Frau im Kaufhaus ein. Leider habe ich diese Frau nicht umarmt.
Solche Geschichten habe ich oft gehört.
Ja, es gibt starke Naturelle...aber das ist nicht jedem gegeben.
Und weil mich genau diese Frage- warum wirft den einen Menschen das kleinste Problem um, während ein anderer größte Katastrophen heil übersteht- so sehr interessierte, habe ich eine zeitlang sehr viel drüber gelesen...Ob Fachmänner oder Betroffene- fast immer wird als eine der Ursachen für eine starke, optimistische Persönlichkeit die Liebe, die man erfahren hat, genannt

Und zwar meistens vor den traumatischen Ereignissen. Wer die ersten Jahre nur einen Hauch echter Liebe erfahren hat (müssen nicht die Eltern sein), der hat die Chance, eine starke Persönlichkeit zu entwickeln und neue negative Erlebnisse immer mit dem alten inneren Bild abzugleichen.
Und gewiss spielt auch einfach das Naturell mit hinein...Nicht alles ist Prägung...
toller Beitrag @Elerya
Zitat:Der moderne Mensch ist total verweichlicht, glaube ich.
ja, verweichlicht aber nicht verwöhnt, bzw. mit allem verwöhnt, was man nicht braucht, um eine starke Persönlichkeit zu werden.