@Whynot
Zitat:Ich habe mich nun gerade gefragt: Was sind psychische Probleme? Woher kommen sie?
Mein Gedanke war folgender: Wenn der absolute Großteil der Menschen z. B. depressiv oder autistisch wäre - was wäre dann das, was heute als das Normale erscheint und anerkannt wird? Anders gesagt: Wäre Autismus, das, was man darunter versteht, das Normale, Gewöhnliche - als was schiene dann in den psychologischen und psychiatrischen (autistischen) Lehrbüchern das Phänomen der heutigen Normalität auf? Welche klinischen Symptome wären angeführt? Welche Tests und Diagnoseverfahren würden angewandt werden? Wie würde behandelt und therapiert werden? Wie erfolgreich könnte eine Therapie der heutigen Normalität (nennen wir sie "hypersensible semiaktive Tristessopathie") in Richtung Autismus (in dem Fall eben Normalität) sein? Wie hoch wäre der Leidensdruck des hypersensiblen semiaktiven Tristessopathen? Ich könnte mir nämlich durchaus vorstellen, daß der leidet bis an den Wahnsinn heran und sich alles einschmeißen würde, was ihn von seinem Leiden halbwegs befreit.
Ich glaube nämlich, daß psychische Probleme ja nur deshalb ein Problem sind bzw. zu einem werden, weil sie eine relativistische Andersartigkeit aufweisen und dies dem Sozialwesen Mensch den Druck und das Leiden erzeugt. Wie dies vermutlich auch bei einem Wildschwein der Fall wäre, dem ein Hühnerhirn gewachsen ist. Es würde sich höchstwahrscheinlich nicht rudelwohl fühlen und daran leiden.
Selbst wenn die Allermeisten meinetwegen ungehemmt ihre Mordlust und ihren Blutrausch ausleben würden, würden sich ja nicht diese Allermeisten als die Verrückten und Kranken vorkommen, würden natürlich auch nichts leiden, sondern der aus aller Art geschlagene Friedfertige wäre der Kranke, Abartige und Leidende.
Daher scheinen mir psychische Probleme nichts sozusagen Autochthones zu sein, sondern etwas Induziertes. Abhängig vom jeweiligen Gesellschaftszustand und seinen Konventionen und Richtlinien.
Ach Du süßer Theoretiker
Ja, da ist viel dran...zweifellos... (siehe z.B. das Buch "Irre, wir behandeln die falschen").
Könnte jetzt viel dazu schreiben aber ich denke, dass das an Ltw`s hauptsächlichen Problem vorbei ginge.
Denn zum einen schrieb ich in meinem letzten Beitrag, dass ich, wenn ich von Ltw`s psychischen Leiden spreche, nicht vorrangig den Autismus meine, sondern u.A. seine massive Selbstablehnung...
Und auch wenn wir in einer Gesellschaft lebten, in der es als normal gelten würde, dass jedermann sich für wertlos und unfähig hielte, würde das sicherlich nicht die Beschwerden lindern.
Ebenso verschwänden nicht die übelsten Zahnschmerzen, wenn es ganz normal wäre, dass 90% der Bevölkerung darunter litten.
Ich selbst hatte jahrelang die Diagnose mittelschwere Depression. Meine Depressionen hatten damals aber gewiss nicht ihre Ursache darin, dass ich gesellschaftlich ein kleiner Aussenseiter war, sondern u.A. in schwerwiegenden nicht bewussten, nicht verarbeiteten Erlebnissen, in einem mir nicht bewussten sehr geringem Selbstwertgefühl: ich kann nichts, bin nichts und kann meine Lage nicht ändern. Die Überzeugung saß so tief, dass ich nicht einmal ahnte, dass ich etwas ändern kann.
Ich werde nie vergessen, wie damals ein Freund betroffen zu mir sagte "Du musst mal die Erfahrung machen, wie es ist, dein Leben in den eigenen Händen zu haben."
Ich hatte keinen blassen Schimmer, was er damit meinte. Nicht ein wenig. Heute verstehe ich es natürlich.
Was hätte es mir also geholfen wenn ein Großteil der Gesellschaft damals Depressionen gehabt hätte und der Überzeugung gewesen wäre, dass man ohnmächtig ist?
Dennoch weiß ich, was Du meinst...Doch denke ich, dass ein Mensch, der
keine tiefgreifenden psychischen Probleme hat (unverarbeitete Schmerzen, kein Selbstwertgefühl oder Bewusstheit, wer er überhaupt ist, Ohnmacht uvm.) und in irgend einer Weise mit gesellschaftlichen Konventionen kollidiert, zwar in Schwierigkeiten geraten kann und auch darunter leiden wird, aber diese Leiden/Probleme doch ganz andere sind, als die eines z.B. depressiven Menschen.
Du stellst es ja so dar, als ob jedes psychische Leiden nur dadurch entsteht, dass man aus irgend einer Norm heraus fällt.
Dabei sind doch sehr oft die Zusammenhänge zwischen einem schmerzhaftem Ereignis im Leben eines Menschen und den darauffolgenden Problemen nur zu offensichtlich: ein Mensch verliert bsw. seinen Partner und fängt an, sich mit Al,kohol zuzuschütten.
Wo besteht da bitte schön ein gesellschaftliches Problem?
Zudem bin ich in meinem ganzem Leben noch nie einem problembeladenen Menschen (ich meine jetzt wirklich schwerwiegendes) begegnet, der nicht zugleich eine schwierige Kindheit hatte.
Schaut man sich z.B. die Biografien der von Dir erwähnten Mörder an, begegnet man immer (so weit mein Auge bisher reicht) extremer Lieblosigkeit, Misshandlungen usw. im Elternhaus. Die Gesellschaft, irgend welche Konventionen, denen man nicht gerecht wird, ist zunächst einmal nicht das Problem.
Natürlich kann man versuchen, die Sache zu lösen, indem es als normal gilt, dass alle leiden, herum wüten, morden, ihre Kinder missbrauchen uvm. Aber dadurch verschwinden ja nicht die Leiden.
Oder ging es z.B. den Tätern und Opfern im Nationalsozialismus gut weil es eben normaler Alltag war zu morden? Selbst viele Täter litten und waren alles andere als zufrieden, obwohl es doch ganz normal war, seinen Tag mordend zu gestalten.