Zitat von Margerite: Medikamente sind immer Chemie,die die Stimmung beeinflusst. Sie stellen ruhig, machen gelassen, so dass man alles aus einer inneren Distanz betrachtet, sie können aber auch belebend und aufputschend wirken.
Die Frage ist immer, will ich das? Ist die Lage tatsächlich so unerträglich, dass ich sie ohne Medikamente nicht bewältigen kann? Oder bin ich bereit, meine wechselnden Stiimmungen auszuhalten und zu ertragen?
Ja, aber auch die allgemeine Lebenslage beeinflusst doch auch die Stimmung. Eine neues Interesse etwa kann zu einer ganz anderen Stimmung führen. Das kennt vermutlich ja jeder. Man lebt auf, blüht auf - nicht zu reden von einer neuen Verliebtheit.
Wozu die Stimmung dann mit Medikamenten beeinflussen, damit man es irgendwie noch aushält? Die zentrale und wesentliche Frage sollte doch sein - was stimmt hier nicht, dass meine Stimmung im Keller ist?
Mir geht diese ganze Psychologie, ob medikamentös oder sprachtherapeutisch, halt am Wesentlichen vorbei. Denn beides setzt doch voraus, dass es gewissermaßen eine Art von Fühlpegel geben müsse, der einzupendeln sei, einen Gefühls- und Stimmungsnormalismus. Aber das scheint mir doch ziemlich irre und beinahe gewalttätig zu sein.
Die sogenannte Melancholie etwa hat doch auch ihre schönen und tiefen Seiten, und gäbe es diese Gemütszustände nicht, dann wäre etwa die Kunst eine leere Hülse.
Viel wesentlicher scheint mit doch, was man damit anfängt, ob es gelingt, kreativ damit umzugehen.
Ja, manchen mag das Leben tatsächlich unerträglich werden, und ich habe ja absolut nichts dagegen, dann Medikamente, Dro., Alk oder sonst irgendwelche Substanzen zu sich zu nehmen, um die Unerträglichkeit bis zur Erträglichkeit runterzupushen. Aber dennoch wird man damit, auf das gesamte Leben gesehen, nicht allein auskommen, sondern sollte sich die Frage stellen, wie weit habe ich mich von meinem ureigenen Leben entfernt.
Denn ich glaube halt, Leid ist nicht einfach ein Unglück, sondern, wie ja schon gesagt, eine Art von "Anzeiger", dass man im falschen Leben und Umfeld ist und eine, manchmal auch drastische, Veränderung nötig ist. Und gerade das mit Medikamenten oder sonstigen gehirnbeeinflussenden Substanzen zu dämpfen scheint mir nicht eben der Königsweg zu sein. Vorübergehend mag das nützlich sein, um nicht im Unaushaltbaren zu darben und womöglich seinen letzten Ausweg zu gehen. Aber insgesamt betrachtet, kann ja nur die reale, konkrete Lebensänderung zu einem wirklichen und nachhaltigen Erfolg führen.
Vielleicht darf ich das an meinem eigenen Lebensbeispiel noch erläutern. Mich hat es, wie praktisch ja alle, in diesen Normstrudel hineingezogen (damals, als Jugendlicher, waren mir alle diese Dinge halt auch noch nicht bewusst). Ich bin dann immer mehr abgehalfert an diesem für mich aufgewungenen Normalitätsleben und bin letztendlich mit 22 Jahren mehr oder weniger tödlich erkrankt. Die Überlebenschance (und das ist alles kein Witz oder eine Angeberei oder sonst etwas) betrug gerade mal 5%.
Und die habe ich, natürlich auch dank der Ärzte und Schwestern, die wirklich sehr liebevoll waren, wofür ich ihnen ewig dankbar bin, genützt - und obwohl gewisse Einschränkungen körperlicher Art geblieben sind (nichts Dramatisches, sondern dünn, kein "Muskelmann", ein Unmann zusagen, der nicht der verlockenden Norm entspricht), hat mir gerade das zu einem völligen anderen Leben verholfen.
Wenn ich daran zurückdenke, dann war das meine Lebenswendung schlechthin. Zunächst zwar kaum auszuhalten, Schmerzen über Monate, als würde man in der Körpermitte durchgesägt, kaum etwas essen können, Dauerkotzen usw., kein Schlaf mehr - aber gerade all diese unglückseligen Erfahrungen haben mich zu einem anderen Menschen gemacht und mein Leben und Denken vollkommen verändert. Und nach wie vor halte ich das als das größte Geschenk, das mir das Leben auch nur machen konnte.
Ich habe etwa, wieder nur als Beispiel, einen vollkommen anderen Bezug zu Tieren und Pfanzen entwickelt, und erachte und behandlie sie als Mitwesen, die nicht weniger Respekt verdienen als das Mitwesen Mensch.
So, nun hoffe ich, dass ich mit dieser Erläuterung nicht zu sehr ausgeschweift bin.
Aber Verständnis erfordert halt bisweilen auch eine etwas ausführlichere Offenlegen.