Zitat von whynot60: Viel wesentlicher scheint mit doch, was man damit anfängt, ob es gelingt, kreativ damit umzugehen.
Ja, manchen mag das Leben tatsächlich unerträglich werden, und ich habe ja absolut nichts dagegen, dann Medikamente, Dro., Alk oder sonst irgendwelche Substanzen zu sich zu nehmen, um die Unerträglichkeit bis zur Erträglichkeit runterzupushen. Aber dennoch wird man damit, auf das gesamte Leben gesehen, nicht allein auskommen, sondern sollte sich die Frage stellen, wie weit habe ich mich von meinem ureigenen Leben entfernt.
Wenn die Lebensfreude weg ist, ist man auch nicht mehr kreativ. Man müsste sich quasi von seinem Schmerz entfernen, um ihm zu begegnen und mit ihm um zu gehen. Aber das gelingt vielen nicht.
Mein Mann leidet unter Depressionen - vermutlich. Das hat zumindest der Arzt diagnostiziert. Ein anderer sagte Anpassungsstörung. Neue Situationen überfordern ihn oft, dann ist er wie blockiert und möchte nur noch aus der Situation raus. Gut zureden hilft da nicht, es bewirkt nichts. Er wird irgenwie kopflos, ich kenne seine Mine auswendig.
Er kann einigermaßen damit umgehen, aber er nimmt Medikamente - Sertralin, was ihm eine Gewichtszunahme bescherte. Letzthin wollte er das Zeug wieder absetzen. Einige Tage ging es gut. Aber die Depression griff wieder nach ihm. Sprich, er kommt von dem Zeug nicht mehr weg. Die Depression hat ihn im Griff, nicht umgekehrt.
Wenn die Stimmung nur noch duster ist, hat man keine Kraft mehr, kreativ mit etwas umzugehen.
Für einen funktionierenden Menschen ist es nicht zu verstehen, er begreift es nicht.
Ich wollte heuer gerne ins Baltikum. Wie kommt man hin? Mit dem Auto nach Kiel quer durch die Republik und dann noch über 20 Stunden Fähre nach Klaipeda? Das dauert zu lange.
Mit dem Auto durch ganz Polen? Da fahren wir 2 volle Tage und es gibt obendrauf noch Grenzkontrollen. Scheidet auch aus.
Fliegen also. Die Vorstellung, der Flughafen mit all den Menschen, die Schalter, das Einchecken usw. machte ihm irgendwie Angst. Er hat keine Flugangst, aber große Menschenansammlungen verträgt er schlecht.
Ich wurde wütend und sagte, wenn Du nicht mitfährst, mach ich was allein, aber daheim rum sitzen will ich nicht.
Er sagte nichts, schaute nur traurig, legte sich hin und machte die Augen zu.
Ich war so wütend, enttäuscht und verletzt, dass ich heulte. Am nächsten Tag sagte ich zu ihm, ich storniere den Termin im Reisebüro, den ich vereinbart hatte.
Er: Nein, nicht stornieren.
Ich: Doch, Du hast mir unmissverständlich klar gemacht, dass Du dieses Reiseziel nicht attraktiv findest. Und das tat ich dann auch.
Es hat ja keinen Sinn, ihn dorthin zu "prügeln".
Er erzählte, dass ein Exkollege, den er getroffen war, kürzlich im Elsaß war und dass es ihm dort gut gefallen hatte.
Ich sagte nicht viel. Außer ja, ich war auch mal dort, aber während der Schulzeit und habe keine Erinnerung mehr, nur noch sporadisch.
Dann meinte er. Und wenn wir dorthin fahren?
Na gut, also dann Elsass. Nächstes Jahre mache ich wieder einen Vorstoss wegen des Baltkums.
Ein bißchen überlegt, Reiseführer angeschaut, Colmar ist ein gutes Ziel. Ich sagte, es ist dort aber sehr touristisch, darauf musst du dich einstellen. Er schaute nach Hotels, aber es war nichts Rechtes dabei, meinte er. Typisch, dieses Unentschlossene bei ihm.
Also schaute ich, wurde fündig und buchte und legte ihm die Bestätigung hin. Darüber war er froh.
Er kann mit der Depression, die keine Melancholie ist, nicht "kreativ" umgehen, er ist blockiert durch sie. Nervt mich oft, aber ich weiß auch, er kann nichts dafür. Eine Fehlschaltung im Gehirn, die immer wieder auftritt. Früher war er nicht so, das kam erst in den letzten 15 Jahren. Da kann man nichts machen, außer sich daran anzupassen.