Es tut mir leid für Dich. Aber hier ist keiner, der Deine unbewussten Kräfte entschlüsseln kann. Einige haben versucht, Dir eine mögliche Erklärung für Deine übersteigerten Gefühle und Dein Festhalten an etwas, was lange vorbei ist, zu geben. Aber es gibt für derlei Dinge keine "Gebrauchsanweisung", die sagt, mach dies oder das und es wird vorbei gehen.
Jeder und das ausnahmslos muss sich im Leiden mit sich selbst auseinander setzen und versuchen, sein Leben und seine Gefühle wieder auf eine Spur zu bringen. Heißt, Deine eigenen Baustellen musst Du im Endeffekt selbst bearbeiten. Es gibt vielleicht Therapeuten, die sich auf so was verstehen, aber auch mit professioneller Unterstützung bleibt die Arbeit an dem großen Thema bei Dir selbst. Ein Therapeut kann Dich zu neuen Erikenntnissen über Deine seelische Struktur fühlen, was Du aber letztendlich daraus machst und wie Du damit umgehst, bleibt Deine Sache. Er kann Dich unterstützen, sofern er was drauf hat, mehr aber nicht. Die Hauptarbeit mit Dir bleibt immer bei Dir.
Die innerliche Versteifung auf Tom ist mit Logik und Ratio nicht zu erklären. Du kennst ihn ja gar nicht richtig, dafür war Euer Kontakt zu wenig und auch nicht eng genug.
Tatsache ist, Tom hat sich für seine Freundin entschieden. Und das spricht Bände. Du warst nicht die Frau, für die er alles stehen und liegen ließt und postwendend in ein anderes Leben wechselte. Möglicherweise waren Deine übersteigerten Emotionen, die er ja sicher auch gespürt hat, sogar der Grund dafür, kein reales Leben in einer Beziehung mit Dir führen zu wollen. Nur auf Emotionen kann man keine alltagstaugliche Beziehung aufbauen, denn Emotionen sind wechselhaft. Vermutlich war Isabel die alltagstauglichere Frau von Euch beiden.
Auch dieses Dreieck konnte auf Dauer nicht funktionieren. Ein Dreieck ist immer irgendwie spannungsgeladen und drei sind einer zu viel, zumindest auf längere Sicht.
Was mir schon zu denken gibt, ist Dein Verhältnis zu Deinem Mann. Natürlich brauchst Du Dich nicht zu trennen, denn die Ehe scheint ja ganz gut zu funktionieren. Aber kannst Du Dich eigentlich richtig auf Deinen Mann einlassen, wenn permanent Tom noch in Deinen Gedanken rumspukt? Du hast Deinem Mann ja von Deiner Jugendliebe erzählt, aber weiß er auch, wie sehr Du Dich immer noch an die Träumereien von damals innerlich anklammerst? Irgendwie hintergehst Du Deinen Mann damit ja auch, zwar nicht real, aber die Versessenheit auf Tom düfte Deine emotionale Hinwendung zu Deinem Mann, vielleicht sogar zu Deinen Kindern, ja wohl etwas behindern.
Als ich mein Wunderwesen damals das erste Mal traf, begegneten sich unsere Blicke und ich sah in ihm den Mann, auf den ich immer gewartet hatte. Mir sind derlei emotionale Zustände also nicht ganz fremd. Die berühmte "Liebe auf den ersten Blick", die ja keine Liebe ist, sondern nur so etwas wie ein gegensetiges Erkennen ist. Mit etwas Glück ist es gegenseitig, aber durchaus nicht immer. Ich war damals, als ich ihn traf, ja eigentlich ganz zufrieden mit meinem Leben, redete ich mir ein. Das "eigentlich" beinhaltet immer eine Einschränkung. Im Grund genommen war ich innerlich unzufrieden und irgendwie leer. Mein Leben plätscherte so ziemlich gleichbleibend vor sich hin. Und dann kam er und ich war geblendet und merkte sofort, dieser Mann interessiert mich wie kein anderer.
Einige Monate später kamen wir ja dann zusammen, aber die Beziehung wurde ein Fiasko. Dabei hatte ja alles mit einer tiefen Verbundenheit begonnen, die wir beide anfangs fühlten.
Später fragte ich ihn mal, wie er unsere erste Begegnung damals empfunden hat. Ob er auch diese "magische" Verbundenheit gefühlt habe?
Und was erfuhr ich?. Nein, das hatte er nicht gefühlt und nicht wahrgenommen. Er fand mich sympathisch, mehr aber nicht. Aha, das war für mich dann durchaus desillusionierend. Er habe sich erst später durch den Mailverkehr mit mir in mich verliebt, sagte er.
Da ging mir dann ein Kronleuchter auf. Was ich damals empfunden hatte, was ich gefühlt hatte, ging nur von mir aus. Ich interpretierte eine große Bedeutung in diese eher zufällige Begegnung hinein, die er aber keinesfalls teilte.
Was will ich Dir damit sagen? Was Du für Tom empfunden hast, wie Du ihn gesehen hast und was Du in ihn hinein interpretierst hast, beruht zu einem Großteil auf Deinen inneren Sehnsüchten, die im realen Leben zu wenig erfüllt werden. Er wird Dich sicher auch sehr gerne gemocht haben, aber für eine Entscheidung für Dich hat es nicht gereicht. Daher glaube nicht, nur weil Du Euer Verhältnis so empfunden hast, muss er es nicht in gleicher Weise empfunden haben. Auch die Knutscherei, die sich ergeben hat, ist nicht so bedeutsam, wie Du gerne hättest.
Diese (und viele andere ) Erkenntnisse über mich habe ich aus der damaligen Beziehung gewonnen. Der Mensch geht immer von sich aus und glaubt, das Gegenüber müsste die Empfindungen ebenso intensiv fühlen.
Sonst kann ich Dir leider nicht weiter helfen, sondern Dir nur sagen, versuche Deine inneren Leerstellen zu ergründen und im realen Leben halbwegs aufzufüllen. Du kannst auch ohne Tom ein zufriedenes Leben führen, aber nur, wenn Du auch bereit bist, ihn innerlich gehen zu lassen.
Ich frage Dich nochmals, ohne dass ich eine Antwort dazu erwarte. Was wäre Dein Leben ohne den Traum von Tom für Dich? Was bleibt dann noch? Wenn Du Dir sagst, oh Gott, dann habe ich ja gar nichts mehr, dann hast Du die Antwort gefunden! Tom steht für eine Leerstelle, nicht mehr.
Begonie