@Gretchen
Mir ging es nicht um Katharsis, wie Freud (oder überhaupt die Psychologie) sie verstanden hat, sondern um jene, wie die alten Griechen sie verstanden und durch die klassische griechische Tragödie gewissermaßen bewußt wirksam gemacht haben.
Im Grunde ist es nichts anderes, als sich einen Film anzusehen, der einen emotional bewegt, was eben zu einer "seelischen Reinigung" führt.
@all
Ich möchte noch etwas sagen zu diesem "Intolerabel".
Ich selber hatte ja das Glück, schon Anfang zwanzig in eine völlig intolerable Situation zu kommen, die allerdings auch keinen Ausweg zugelassen hat, so daß nichts blieb, als trotz allem dagegen tolerabel zu werden.
Es kann ja kein Zweifel bestehen, daß jeder im Lauf seines Lebens mit Situationen und Ereignissen konfrontiert wird, die ihm zusetzen. So etwa verliert man mit zunehmendem Alter immer mehr nahestehende Menschen, die einem viel bedeuten, und irgendwann sterben wir auch selber. Und dann wird es nicht helfen zu sagen: Das ist aber intolerabel!
Daher ist der weitaus bessere und sinnvollere Weg, immer bei sich selber zu schauen, warum etwas intolerabel ist, und möglichst darüber hinwegzukommen. Nur so ist eine Entwicklung überhaupt möglich. Beharrt man einfach darauf, daß man dieses und jenes nicht aushält, kommt man keinen einzigen Millimeter weiter damit. Ja manchen gelingt es sogar, auf diese Weise immer nur noch empfindlicher zu werden und immer weniger tolerieren zu können. Altersstarrsinn hat wenig mit dem Alter zu tun, sondern vielmehr mit einem Rückwärtsgang.
Das Problem ist, daß unangenehme Dinge, die einem widerfahren, einfach als etwas "Böses" betrachtet werden und nicht etwa als Hinweise darauf, wo man selber noch in den Kinderschuhen steckt. Man erlebt sie, auf eine solche Weise verstanden, als eine Art Attentat gegen sich, als etwas, das einem böswilligerweise angetan wird und auf das man gar nicht anders als mit Schmerzen, Aufschreien, Wut, Zerstörung reagieren kann, weil man sich nicht nur im Recht dazu fühlt, sondern auch meint, eine andere Reaktion sei gar nicht möglich.
Gelingt es hingegen, die Dinge, die geschehen, als Ereignisse zu verstehen und sie nicht zu bewerten, dann sieht es gleich ganz anders aus.
Im Fall der TE scheint es doch so zu sein: Würde ihr EM von der Affäre wissen, gäbe es höchstwahrscheinlich zwei Möglichkeiten: Entweder, die Ehe würde zur Hölle werden (für alle Beteiligten), oder ihr Mann würde sich überhaupt von ihr trennen (was zwar die Schadenfreude noch erhöhen würde, aber dennoch nichts wäre, was man tatsächlich für sinnvoll halten kann).
Daß er so reagiert, wie es - unter der Voraussetzung, daß die Ehe, die Beziehung, die familiären Verhältnisse gut sind - tatsächlich sinnvoll wäre und wie ich es ihm auch raten würde, nämlich daß er sich damit ausseinandersetzt, woher seine heftige Reaktion kommt und ob sich das nicht überwinden ließe, ist offenbar ja nicht zu erwarten.
Somit hätte er letztlich zwar alles vernichtet, aber weitergekommen wäre er dennoch nicht. Denn das, was ihm mit der TE widerfahren ist, kann ihm in jeder nächsten Beziehung ebenso wieder passieren. Abgesehen davon, daß er womöglich auch noch von vornherein gewaltig mißtrauisch wäre und sich alleine schon deshalb ein Desaster abzeichnet.
Die Frage ist also: Wenn es Dinge gibt im Leben, um die jeder, der nicht vollkommen naiv ist, ja weiß und die ihm so wenig erträglich sind, das sie solche vernichtenden Reaktionen auslösen können - ob es dann gerade sehr klug und sinnvoll ist, einfach auf Moral und Gut und Böse zu beharren, auf irgendwelche eingebildeten "Rechte" und Ist-ja-klar-Festlungen, oder ob es nicht weitaus mehr bringt, sich über alle diese Empfindlichkeiten hinauszuentwickeln, um mit solchen Erfahrungen im Ernstfall auch umsichtiger und nicht völlig emotionalisiert und außer Rand und Band geraten umgehen zu können.
Und was die Wahrheit betrifft, auf die immer so gepocht wird: Was wäre denn, wenn sich die TE heimlich alle zwei Monate mit einem Mann treffen würde, um meinetwegen mit ihm an einem Theaterstück zu schreiben, und ihr Mann das aus irgendeinem Grund nicht aushalten würde? Wäre man dann auch so erpicht auf die Wahrheit, oder würde man eher den Zustand ihres Mannes in Frage stellen?
In Wahrheit geht es doch nur um den einzigen Dreh- und Angelpunkt, nämlich daß die TE S. mit einem anderen Mann hat(te). Und nicht eigentlich um das Verheimlichen. Dann das ist es, was allgemein als unaushaltbar angesehen wird, und nicht das vergleichsweise harmlose Verheimlichen.