Hi lieber Hinrich,
ich habe Dein "Pamphlet" sehr gerne gelesen. Danke dafür! :)
Zitat:Dass was Du im zweiten Absatz sagt und was auch ich hier geschrieben habe, vergleiche ich immer mit der Situation eines Kindes, dass wir ja noch in uns tragen. Ich habe eine jüngere Schwester und bei ihr habe ich erlebt, wie sich das "Zuviel" auswirkt. Zu Weihnachten zum Beispiel, wenn die ganze Aufregung, das Bunte und die Geschenke, irgendwann einfach dazu führten, dass sie anfing durchzudrehen. Heute sieht man das ganz oft bei Kindern, die von ihren Eltern mit in die Kneipe geschleppt werden oder mit denen es am Wochenende, statt in den Wald, in die Shoppingcenter der Städte geht. Überall völlig überdrehte, kleine Menschen, denen keine Ruhe gegönnt wird und die am Ende dann quengelnd und aggressiv werden, was sich dann auf die Eltern überträgt. Kennt ihr das auch?
Ja, ich beobachte genau das sehr oft und wundere mich nur. Weniger ist mehr. Kinder brauchen konzentrierte Aufmerksamkeit, keinen Schwall von Eindrücken. Ich kenne einige Familien. Diejenigen Eltern, die selbst fokussiert und ruhig sind, deren Kinder können sich wunderbar in stundenlangem "Türmebauen" versenken. Ich habe mal einen ungeheuerlichen Kindergeburtstag erlebt. Das Kind wurde innerhalb kürzester Zeit mit so vielen Geschenken und Eindrücke bombardiert, dass es wie irre schrie und alle Geschenke, unddie mehrfach vorhandene Geburtstagstorte zerfetzte.
Zitat:Ich kann mir das nur ganz schwer mit anschauen und frage mich, wo die Kompetenz der Eltern geblieben ist. Merken viele heute gar nicht mehr, was sie anrichten?
offenbar nicht *Schulterzuck* Ist mir ein Rätsel.
Zitat:Wenn ich an meine, behütete, zärtliche und schöne Kindheit zurückdenke, so gab es sowas überhaupt nicht oder nur sehr selten. Meine Eltern waren mit mir in der freien Zeit eigentlich immer in der Natur, in Museen oder ich konnte mich daheim dem widmen, was ich gerne tat. Mit Bauklötzern und LEGO spielen zum Beispiel. Stundenlang. Ich konnte da regelrecht in meine Fantasie abtauchen. Fernsehen gab es nur ganz selten und wenn, dann nur Märchenfilme und den Sandmann als tägliches Ritual. Und es wurde viel vorgelesen. Wird heute noch so erzogen? Ich weiß es gar nicht.
Ich kenne eine einzige Familie, die es genau so handhabt und ich habe nie ein so zufriedenes Kind erlebt. Als ich diesen Absatz von Dir las, da war ich ganz gerührt! Obwohl ich aus alles andere als heilen Verhältnissen komme, wurde es bei uns Zuhause wie bei euch gehandhabt. Auch ich habe stundenlang gebastelt, TV gabs ganz selten...Handy gabs Gotts ei Dank noch nicht aber das Telefon :D Zu meiner Zeit neigten die Teenies dazu, stundenlang zu telefonieren. Ich bin froh, dass meine Eltern auch das einschränkten. Abenteuer sind aus der Fantasie entstanden, nicht durch immer neue Kicks von Außen. Papier, Stifte, Schere, Herbstblätter gesammelt und dann stundenlang gebastelt.
Zitat:Sollte ich doch noch zu Nachwuchs kommen, werde ich mein Kind mit der gleichen Fürsorge und Aufmerksamkeit großziehen.
Das wünsche ich Dir. Du bist ja für einen Mann noch jung und hast noch viel Zeit.
Zitat:Um meine Ex doch noch einmal ins Spiel zu bringen: Bei ihrer besten Freundin, die selbst Kinder hat, genoss ich den Ruf, mal ein guter und entspannter Vater zu werden, weil sie meine Ansichten kennt. Komischerweise musste sich meine Ex diese Meinung einholen, um mich auch so zu sehen. Ich frage mich immer noch, ob sie mich überhaupt wahrgenommen hat. Egal.
Das kenne ich. Komisch, nicht wahr? Schade dass sie sich nicht selbst ein Urteil gebildet hat.
Zitat:Dieser Optimierungswahn geht mir auch gehörig auf den Zeiger. Vor Allem im Bezug auf die Liebe.
Ich frage mich, wie überhaupt noch entspannte und freie Liebe entstehen soll, wenn einem von allen Seiten einer ins Ohr säuselt, wie man diese gefälligst zu leben hat. Warum lassen wir uns diese Eingriffe in das Privateste und Individuellste eigentlich gefallen? Sehen so Menschen aus, die sich ihres eigenen Verstandes bedienen? Wohl kaum!
Genau so empfinde ich es. Sehr gut ausgedrückt. Das waren die Worte, die mir fehlten. Irgendwo las ich es auch mal: heutztage wird in die Intimsphäre jeder Beziehung eingedrungen und die Menschen sind dann ganz verunsichert.
Zitat:Ich lese ja gerade viel zur Liebe, aus allen möglichen Quellen und es ist doch verdammt viel Unsinn dabei. Schon wenn ich daran denke, wie ich angeblich als Mann zu sein habe, damit ich eine stabile Partnerschaft führen kann oder überhaupt für Frauen interessant bin. Das Meiste davon ist reaktionärer Unsinn, was vielleicht ein wenig daran liegt, dass der Mann noch nicht emanzipiert ist. (Kauft euch mal eine "Männerzeitschrift"!)
Letztlich wird der Wert eines Mannes immer noch daran gemessen, was er an "Leistung" und Einkommen vorzuweisen hat. "Soft skills" kommen fast nie zur Sprache. Das Ideal ist für viele scheinbar immer noch der potente Manager, der nie daheim ist, stets Härte zeigt und einen starren Lebensplan hat. Also genau das Konzept, was schon seit Jahren nicht funktioniert und unter dem gerade Frauen so leiden. Aber ich bin guter Dinge, dass immer mehr Männer aufwachen und sehen, dass sie damit sich und ihrer Beziehung nichts Gutes tun.
So ist es leider. Auch die Männer werden einem Leistungsdruck unterzogen: sei so und so, dann hast Du gute Karten bei den Frauen. Ich habe oft in Foren verzweifelte Männer gelesen, die schrieben, als einkommensschwacher oder gar arbeitsloser Mann hätten sie keine Chance bei den Frauen. Auch sie sorgen sich, ob sie potent genug sind, männlich genug und und und. Während man sich also fragt, ob man alle Kriterien erfüllt...vergisst man ganz sich selbst! Nimmt man weder sich selbst, noch den Partner wahr. Ich finde das katastrophal!
Ich habe einmal in einem anderen Forum einen blutjungen Mann gelesen, der ganz süß und unschuldig verliebt war...Der seine Freundin glücklich machen wollte, noch an die Liebe glaubte und an die Dauer der Liebe (finde ich mit 16 Jahren schön so) aber er war ob seiner S.ualität ganz, ganz unsicher. Du glaubst nicht, was ihm um die Ohren geknallt wurde! Ich war so entsetzt! Er solle erstmal seinen Mann stehen, sie erstmal flachlegen, dann erst könne er entscheiden, ob das wirklich Liebe sei und ewige Liebe und Heiraten sei sowieso nur eine Illusion usw. Mein Gott! Den jungen Menschen wird jede Unschuld, jedes Gefühl geraubt.
Zitat:Das gleiche Spiel findet auch um die Frau statt. Anstatt zu sich selbst zu finden, bekommt sie das nächste, nur scheinbar emanzipierte Rollenbild aufgeklebt. Von der Prinzessin zur Walküre im Schnelldurchlauf. Aber wieder alles nur daran festgemacht, was im Beruf geleistet wird. Was ist mit dem Rest? Mit dem, was "Leben" heißt. Findet die Identität nur noch auf professioneller Ebene statt?
Wow Hinrich! Bin heute wirklich begeistert von Deinen Gedanken!
Zitat:Viele rennen doch den ganzen Tag wie angestochen durch die Welt und führen das Leben und die Liebe anderer. Sind eine Blaupause eines Menschen, den die Wirtschaft und die Medien entworfen haben. "Work - Buy - Consume - Die". Und dabei immer schön attraktiv und s€xy sein. "Ich habe, also bin ich".
Wo sind 500 Jahre Aufklärung geblieben? Ich empfinde das Leben heute teilweise wie eine "Leibeigenschaft 2.0". Wieder haben wir uns den Interessen einer Wirtschaft unterworfen, die nicht dem Menschen dient, sondern nur sich selbst. Sie zwingt uns zum permanenten Zustand des "Standby" und dirigiert unser Leben. Schreibt uns indirekt vor, wann wir Kinder zu bekommen haben, entscheidet über unsere Freizeit und lässt die Liebe zu etwas verkommen, dass nur materiellen Interessen und dem Vorteil des Einzelnen folgt. Warum machen wir das mit? Wo ist das Selbstbewusstsein geblieben? Wo bleibt der Sinn, wo die individuelle Entscheidung, sein Leben zu steuern?
Aber es passt in unsere, immer infantiler werdende, Gesellschaft. Wir sind leicht lenkbar geworden. Benehmen uns teilweise wie unreife Teenager, die nur oberflächliche, kindliche Bedürfnisbefriedigung im Sinn haben und sich mit allerlei Spielzeug ablenken. Das iPhone, als Beispiel, ist letztlich nichts anderes und es gab mal eine Studie, dass dieses Statussymbol im Hirn die gleichen Areale anspricht wie der Zustand des "Verliebtseins".
Ja es geht um immer schnellere Bedürfnisbefriedigung.Natürlich kann das "Verliebtsein" ins iPhone nur unzufrieden machen. Es ist ja immer nur eine Befriedigung durch äußere Einflüsse und ich kenne natürlich diese Verführung. Auch ich habe Tage, da bin ich zu bequem, Sport zu machen, zu lesen oder anderes und beriesel mich im Internet oder klicke mich durch Youtube. Es hinterlässt grundsätzlich ein schales, leeres Gefühl. Meiner Erfahrung nach ist nichts so erfüllend, wie aus sich heraus zu schöpfen, sei es noch so banal: ein Essen kochen statt Imbiss naschen, einen Pullover stricken, statt ihn shoppen, ein Buch lesen statt TV gucken. Der Mensch will doch eigentlich nicht immer nur konsumieren, sondern produzieren. Hm das Wort klingt blöd :) Ich meine halt, etwas aus eigenständiger Tätigkeit heraus erschaffen. Passive Aufnahme macht unglücklich und leer.
Zitat:Gerade meine Geschlechtsgenossen sind sehr anfällig dafür, in pubertären Verhaltensmustern zu verharren. Spielkonsolen werden heute nicht mehr für Jugendliche entworfen, sondern für den einkommensstarken Mitt-30jährigen, der dann seine spärliche Freizeit vor dem Flatscreen verbringt, anstatt sich um sich und seine Liebe zu kümmern.
Das ist ja der Hammer! und traurig...
Zitat:Aber auch bei Frauen gibt es dieses "Peter-Pan"-Verhalten. Da wird mit 30 ein Leben geführt, als sei man noch 15. Nur seichtes Entertainment, Shopping, das Reden über banale Themen aus Frauenzeitschriften, Schwärmereien für irgendwelche Schauspieler etc. Es fehlt nur noch ein "Wendy"-Abonnement.
Wendi Abonnement hihi :) Also nichts gegen Peter Pan :D Denn auch ich habe infantile Interessen :wink: Hängt halt auch davon ab, wie man es auslebt. Konsumierend oder z.B. indem man seiner Fantasie freien Lauf lässt :)
Aber diese Frauen und Männerzeitschriften sind sowieso Verblödung pur!
Zitat:Und natürlich das Hängen am Elternhaus. Das gibt es bei beiden Geschlechtern. Ich finde es sehr befremdlich, wenn es erwachsene Menschen nicht geschafft haben, sich von "Mutti" oder "Vati" in einem gesunden Maße abzunabeln und sich immer noch Bestätigung von den Eltern holen zu müssen bzw. den gleichen Lebensweg einschlagen. Sogar zusammen in den Urlaub fahren, kommt heute immer mehr vor. Das kann ich nur schwer nachvollziehen. So entsteht doch keine feste, eigene Identität!?
Ich habe damals, mit dem Auszug aus dem Elternhaus, für mich beschlossen, dass ich jetzt meinen eigenen Weg gehen will. Und es war herrlich, endlich im eigenen Zimmer sitzen zu können, die eigene Wäsche zu waschen, den Tag selbst zu gestalten und für sich zu sorgen. Ein echtes Gefühl von "Freiheit". Kennt ihr das?
Ja, ich bekomme einen Ausschlag wenn meine Mutter z.B. bei mir aufräumen möchte. Ich selbst habe allerdings etwas längere Zeit für die Abnabelung gebraucht. Habe lange versucht, das zu bekommen, was ich als Kind nicht bekam und wurde zusätzlich zu sehr "gebraucht". Mein Freiheitsdrang war aber Gott sei Dank stark genug.
Zitat:Gott, ich bin ganz schön abgeschweift, oder? Aber ich will einfach mal meine Lebenserfahrungen und -ansichten teilen.
Ist doch schön! Ich genieße diesen Austausch.
Zitat:Ich sage auch immer, dass "die Liebe kein Supermarkt ist", aus dem man sich je nach Lust und Laune etwas aus dem Regal nehmen kann. Und ich bin auch ein Verfechter der "Zufriedenheit", anstatt nach "Glück" zu suchen. Letzteres ist nämlich nur ein Moment, der schnell wieder vergeht. Wenn man beispielsweise einen Glückspfennig auf der Straße findet oder im irgendwas gewinnt.
Ich glaube nicht einmal, dass wirklich Glück empfunden wird. Ich fühle manchmal wirklich tiefes Glück wenn ich einen Tag lang gelesen, genäht, irgend etwas gestaltet habe aber nie durch einen kurzen Kick. Früher als ich noch umtriebiger war, war ich nach jedem Außenkonsum schwer depressiv. Das war die Quittung :D
Zitat:"Zufriedenheit" hingegen hat etwas beständiges und hängt von den eigenen Erwartungen ab. Ich selbst zum Beispiel brauche relativ wenig, um zufrieden zu sein. Wenn ich mal Geld ausgebe, dann eigentlich immer für nachhaltige Werte. Mal eine gute, alte Uhr, viele Bücher und Bildbände, Musik oder etwas Gutes zu essen. Der ganze Wohlstands-Tand kann mir gestohlen bleiben, ohne das ich dabei ins Asketentum verfalle. Ich habe keine Sehnsucht danach. (Bei meiner Ex kam es immer gut an, dass ich "mit wenig zufrieden bin".)
Geht mir auch so. Habe kaum materielle Interessen. Aber wenn ich mal schwach war, das heißt auf gut Deutsch, einen beschi.ssenen Tag hatte und mir dann ein neues Kleid kaufte, dann empfand ich nie Freude :D
Zitat:Und so geht es mir in Beziehungen auch. Das Zusammensein ist mir wichtig, die Kommunikation und das gemeinsame Erleben. S3x zum Beispiel stand bei mir nie im Zentrum einer Partnerschaft, was nicht heißen soll, dass ich daran keinen Gefallen habe. Ganz im Gegenteil. Aber ich will ihn nicht praktiziert, weil man ihn eben praktizieren muss. Ich höre da ganz auf mein Gefühl.
Bleib dabei. Klingt gut.
Zitat:Du fragtest noch, wie es mir geht. Soweit eigentlich ganz gut. Fange im Oktober mit einem neuen Job an und nächstes Jahr stürze ich mich noch einmal in eine Aus- bzw. Fortbildung. Ich will und muss etwas verändern. Auch an mir. Habe durch Dich und andere viel über mich lernen müssen. Dass mit dem kleinen "Helferkomplex" ist nämlich vielleicht gar nicht so falsch. Daran muss ich arbeiten. Ein kleiner Egoist werden und mich in Beziehungen mehr durchsetzen, anstatt es dem Gegenüber angenehm machen zu wollen und mich dabei zu verlieren.
Ja egoistisch sein in dem Sinne, dass man etwas für sich selbst tut- das schadet doch niemandem :) Sich selbst helfen statt Hilfe anbieten, die nicht gewollt ist.
Weißt Du was Hinrich? ich war ja früher Deiner Ex sehr ähnlich und über die Jahre hat mich sein ruhiges, beharrliches bei sich sein, sein beständiges an seinen Interessen und Aufgaben dran bleiben am meisten beeindruckt und geprägt. Ich habe es mir von ihm abgeschaut :) Im Grunde erlebte ich bei ihm, was Kinder sich bei gesunden Eltern abschauen: sie sind da, sie sind konstant, wohlwollend und sie nehmen ihr eigenes Leben sehr ernst und genießen es. Das tat er immer und damit hat er mich unwissentlich reich beschenkt. Ich habe Jahre gebraucht, um dieses Geschenk zu erkennen.
Wenn ich mal wieder in einer Liebeswahnsituation war, die ich nicht lösen konnte, dann fühlte ich mich oft ohnmächtig...denn mein Glück hing (vermeintlich) von meinem Partner ab. Aber dann entdeckte ich wieder und wieder, dass ich doch für mich alleine ganz viel lösen, schaffen kann...Vorankommen kann...Und die schönen Ergebnisse und Erlebnisse und auch Begegnungen sind so erfüllend. Viele Türen stehen offen...man muss nicht in auswegslosen Situationen verharren.
Zitat:Und bei Dir bzw. bei euch? Kommt ihr voran, seid ihr zufrieden?
Danke Dir. Ja, ich bin zufrieden aber jetzt gerade so erschöpft vom Schreiben, dass ich hier mal einen Punkt mache. Auch ich habe gerade einige Themen und Aufgaben in Angriff genommen und freue mich drauf.
Zitat:Ganz liebe Grüße an alle! Ich hoffe, ich habe es mit dem Text nicht übertrieben.
Ganz und gar nicht. Ich finde es wunderbar, nicht nur auf das Liebesobjekt fokussiert zu sein :)
Eine gute Nacht für euch ***