Nocheinechance
Gast
Du sagst Dinge, von denen du denkst, dass die Leute sie hören wollen.
Ich mache das nicht, einfach, weil ich es nicht kann.
Und weißt du, natürlich leide ich unter meiner eigenen Art.
Ich sehe Menschen, wie sie heiraten, glücklich sind, zusammen gehören und ich bin irgendwie immer außerhalb von allem.
Ich frage mich oft, ob das kompromisslos ist.
Und trotzdem bleibt ja etwas.
Es ist ja nichts umsonst gewesen.
Ich habe in den letzten Tagen drei tolle Komplimente bekommen.
Nicht von der Sorte, die mir nichts bedeuten, zum Beispiel, wenn sie sich auf Äußerlichkeiten beziehen und die ich deshalb oft nur belächle.
Ich habe in den letzten drei Tagen mit dir mehr gelacht, als in dem gesamten letzten halben Jahr.
Du warst meine beste Freundin und dann war auf einmal kein Kontakt mehr da und du hast mir total gefehlt, die ganze Zeit.
Immer wenn ich mit meinem Mist zu dir komme, weiß ich wieder, was mir jahrelang gefehlt hat. Nämlich, dass mir jemand seine Meinung ungefiltert in die Schnauze klatscht.
Und wir kennen uns halt noch immer so gut.
Erschreckend gut, manchmal.
Und weißte, das beruht ja immer auf Gegenseitigkeit.
Hätte ich in ihm keinen neuen Abnehmer für die blöden Witze gefunden, würden sie versanden.
Nichts wäre lustig und nichts wäre es Wert, darüber zu lachen.
Wüsste ich nicht, ich könnte ihn nachts anrufen, wenn es hart auf hart kommt, (und das wusste ich in all den Jahren immer) wären wir damals nie Freunde geworden.
Würde sie meine Meinung nicht schätzen (auch wenn sicher nicht alles richtig ist, was ich dann so von mir gebe), wären alle meine Gedanken dazu nutzlos.
Das hast du leider nie verstanden.
Dass es DARUM geht.
Um einen Gedankenaustausch eigener Gedanken.
Es geht nicht darum, dass alles richtig ist, wie man es einschätzt oder richtig ist, wie man es sagt oder richtig, dass man niemanden damit verletzt.
Oder was man auswendig gelernt hat, aus irgendwelchen Büchern, und was man dann einfach abspult.
Es geht darum, dass man sich ehrlich sagen kann, was man zu den Dingen meint.
Und wenn es Mist ist. Mag ja sein.
Aber wenn man nach seiner ehrlichen Meinung gefragt wird, muss man sie sagen.
Heute habe ich was gelesen: Die Wahrheit tut einmal weh. Die Lüge immer.
Und ich habe das so gehalten, nicht um dich zu ärgern, sondern weil ich nicht weiß, was man mit einem Gespräch zwischen zwei Menschen sonst anderes anfangen soll.
Ich weiß es ehrlich nicht.
Ich kann sagen, was ich denke.
Ich kann aber nicht sagen, was ich denke, was der andere vielleicht besser finden würde, dass ich es darüber denke.
Das muss man mir schon sagen und dann kann ich darüber nachdenken.
Es sollte nicht darum gehen, wie viele Leute dir sagen, dass du eine hübsche Frau hast.
Es ging MIR nicht darum.
Ich hab das DIR zuliebe gemacht.
Ich hätte viel lieber gehört: Ja sie ist manchmal zu krass. Aber die ist treu und ehrlich und sie sagt, was sie meint. Musst du mit leben.
Das hätte mir so viel bedeutet, das einmal von dir zu hören.
Stattdessen hast du DICH verteidigt, für MEINE Ansichten.
Hast mich meine oft gar nicht sagen lassen.
Hast mir die Flügel gestutzt und hast zugelassen, dass man seine Spiele mit mir spielt, damit ich was daraus lerne.
Damit ich lerne, mich zu mäßigen, kompatibler zu sein.
Aber das bin nicht ICH. Verstehst du?
Heute fragte sie mich: Sind meine Gedanken dazu böse?
Ich sage: Ja.
Und muss lachen.
Nachfrage: Richtig gemein, oder? Oje, ich komme in die Hölle dafür, oder?
Ich muss lachen.
Ich sage: Vielleicht. Naja, nett ist es nicht.
Sie sagt: Und hasst du mich dafür?
Ich muss lachen.
Ich sage: Es sind deine Gedanken, aber tun könntest du es ja nicht. Du hasst Blut.
Wieder muss ich lachen.
Also. Und es gibt bessere Lösungen und wir überlegen uns einfach eine.
Und das meine ich ernst.
Ich habe inzwischen die Papiere sortiert und du kennst mich ja.
ALLES ist da. Irgendwo.
Ich meine ALLES.
Jeder kontoauszug, jede Gehaltsabrechnung bestimmt so seit 2002, einfach alles.
Gut, irgendwo in dem Stapel, der sich dann halt anhäuft, aber weg kommt eigentlich nichts.
Dabei ist mir ein Blatt in die Hände gefallen, von 2015.
Da hast du einen Kreditantrag gestellt, von dem ich nicht wusste.
Und das Theater was du machst....
Ich verstehe es nicht.
Wie auch?
Und so langsam ist es auch einfach egal.
Weil alles mal einfacher war.
Weil ich mal NUR Leute um mich hatte, von denen ich alles wusste.
Was sie denken, was sie fühlen, wie sie sind, was sie wann warum machen, wann die sich mies fühlen, ja manchmal sogar, welcher zusammenhanglose Satz sie trifft und wann ich besser dann mitleidig grinse oder ihnen besser unterm Tisch auf den Fuß trete, um die unpassende Bemerkung zu unterdrücken.
Du weißt gar nicht, wie das ist, mit jemandem an einem Tisch zu sitzen und sich nur auf diesen einen Menschen zu beziehen.
Weil es DER Mensch an diesem Tisch ist, der wichtig ist.
Weil du von diesem Menschen alles weißt, alles kennst, alles verstehst.
Weil du weißt, warum er wann komisch guckt, wann er sich angegriffen fühlt, wann er warum was denkt.
Du weißt das alles nicht.
Du hast nicht mal eine Ahnung davon.
Das ist furchtbar traurig, beteuerst du ja bis heute, dass du mich so geliebt hast.
Aber die Wahrheit, DEINE ganze Wahrheit hast du mir nie gesagt.
Ich habe heute seine Gedichte gelesen, zufällig.
Beziehungsweise aus Versehen.
Zuerst.
Dann absichtlich.
Jedenfalls spürt man aus jeder Zeile diesen Schmerz und ich habe es genau einem Menschen geschickt und gefragt, was ich denn tun soll.
Nachfragen!
Deutliche Antwort.
Und ich kann nicht, aus verschiedenen Gründen.
Auch, weil MEINE Meinung darüber von den meisten anderen abweicht.
Ist es egoistisch, in seinem Leid zu versinken?
Ist es das tatsächlich, auch dann, wenn man für sich selbst keinen Ausweg sieht?
Wenn man sich eingelassen hat, Jahrzehnte lang, dafür sterbe würde, ALLES dafür machen würde, sich selbst aufgeben, nur um da zu sein, wo dieser eine Mensch ist?
Ist das egoistisch?
Ist es egoistisch, Leute dafür allein zu lassen, die ihr eigenes Leben haben, von denen man sieht, dass sie immer noch lachen, weinen, LEBEN, obwohl die Welt sich für einen selbst nicht mehr weiter dreht, seit dieser eine Mensch weg ist?
Ist es das?
Ist es von den anderen nicht genauso egoistisch, zu erwarten, dass man da bleibt?
Liebt, lacht, lebt. Aber immer nur so halb, weil die andere Hälfte halt fehlt?
Darf man das?
Darf man das überhaupt beurteilen?
So ist das nicht bei uns und so war es nie.
Und deshalb ist es auseinander gegangen.
So einfach ist das.
Aber ich weiß, dass es das gibt.
Das gibt es schon in Freundschaften.
Das gibt es auf so vielen verschiedenen Ebenen, in so vielen Abstufungen.
Und es kann lustig sein oder tiefsinnig oder auch abgrundtief traurig, wenn man sich verliert.
Aber so wie du das machst, ist es gar nichts.
Es hat keinen Wert, weil DU selbst keinen reingelegt hast.
Ich hoffe, du kapierst das eines Tages.
Hoffe ich ehrlich, denn ich habe dich mal gekannt und das ist es, was ich dir noch wünsche.
Dass du eines Tages verstehst....