Nocheinechance
Gast
Das stimmt wirklich, denn ich habe mit dir meine erste Sternschnuppe gesehen.
Ich sehe, wie wir auseinander fallen.
Ich höre, wie du mir Respektlosigkeit vorwirfst und ich fühle, wie es mich trifft.
Du sagst, du kennst mich inzwischen.
Und meistens sagst du das, um mir dann irgendwelche Gemeinheiten an den Kopf zu werfen.
Ich kenne dich, du machst das nur, weil...
Ich kenne dich, aber würden deine Freunde dich kennen, dann hättest du keine mehr.
Ich kenne dich, du suchst einfach nur Ärger.
Ich verstehe dich nicht.
Würdest du mich kennen, wüsstest du, dass ich mich dazu nicht angemessen verteidigen kann.
Dass ich dümmlich grinse und sage: "Achso?!".
Dass ich keine Streitkultur habe.
Dass ich weine und sage: "Aber ich habe Freunde. Und viele schon seit der Grundschule."
Dass ich dafür viel zu schwach bin... Für sowas.
Dass ich das nicht verkrafte und dann eben gehe.
Aus meiner eigenen Wohnung.
Das ist schon witzig, irgendwie.
Der Drewermann hat das so ähnlich im Zusammenhang mit Depressionen geschildert.
Dass man irrt, wenn man meint, der Depressive sei schnell "besiegt".
Denn der hätte eine unendliche Fähigkeit im Ertragen von Leid. Und er kann sich in die Unendlichkeit des Raumes zurückziehen.
So komme ich mir manchmal vor mit dir.
Ich ziehe mich zurück, möchte immerhin einen Waffenstillstand vereinbaren.
Aber, das habe ich inzwischen begriffen, bloß, um wieder Kraft zu sammeln.
Um die nächste Attacke auszuhalten.
Ich verstehe dich nicht.
Du wirfst mir so viele Sachen vor.
Dass ich immer Streit suche.
Dass ich darauf doch nur gewartet habe.
Worauf denn nun wieder?
Wie soll ich denn auf etwas warten können, was mich jedesmal wieder so schockiert, dass ich nicht mal mehr weiß, was ich denken soll?
Mir fällt eben auf, dass ich Kriegsrhetorik verwende...
Und so komme ich mir auch vor.
Und die Fronten sind so verhärtet, dass du mir jedes Handausstrecken in Heimtücke umdeutest.
Ich verstehe dich nicht.
Ich verstehe nicht, warum du mich so leiden lässt.
Das ist vielleicht das verletzendste an alledem.
Wie kannst du lügen und merken, dass ich weiß, dass du lügst und dann trotzdem weiter lügen und gleichzeitig mich als Unruhestifter hinstellen?
Warum machst du das?
Warum versteckst du Kontoauszüge, warum löschst du einzelne Nachrichten aus Chatverläufen (wo ich daneben sitze, warum hältst du mich noch für so dumm?), warum erzählst du mir Geschichten über andere Leute und meine beste Freundin, die dabei war, erzählt mir Monate später (zufällig!) alles ganz anders?
Warum grenzt du mich aus?
Warum stehst du nicht hinter mir, wenn jemand fiese Lügen über mich erzählt?
Warum sagst du mir noch, ich sei selbst Schuld daran?
Warum hasst du mich so?
Warum ist das alles weg, was dich so liebenswert gemacht hat?
War ich das?
Warst du das umgekehrt bei mir?
Haben wir, statt das Beste aus uns zu holen, das Schlechteste hervorgebracht?
Und warum wollen wir das dann nicht sehen, warum ist es normal geworden, sich gegenseitig so weh zu tun, warum ist es für dich normal geworden, mich zu belügen?
Ich möchte das so gern verstehen, ich möchte dich so gern verstehen.
Du warst doch kein schlechter Mensch, als ich dich kennen gelernt habe.
Oder?
Warst du so und ich habe das nicht gesehen?
Nicht sehen wollen?
Bin ich zu faul, um das zu verstehen?
Zu stur?
Zu egoistisch?
Ich habe das Gefühl, ich darf dich das gar nicht mehr fragen.
Du bist kein guter Spiegel mehr für mich.
Du wirfst mir jedesmal bloß eine bösartige, hässliche Fratze entgegen.
Und weißt du, was schlimm ist?
So fühle ich mich auch bei dir.
Bösartig. Gehässig. Schadenfroh. Gemein.
Wenn du da bist, fühle ich mich immer etwas verschreckt, etwas zurückgezogen.
Etwas allein.
Ich fühle mich wie ein schlechter Mensch in deiner Gegenwart.
Wie jemand, der alles falsch macht.
Falsche Fragen stellt.
Falsche Sachen macht, auf die falschen Dinge auf die falsche Art und Weise hinweist.
Alles an mir ist falsch, wenn du in meiner Nähe bist.
Und selbst das wirfst du mir vor.
"Mit allen kannst du Lachen und Spaß haben, nur mit mir nicht."
Sogar das ist falsch, obwohl du jedes Mal mitkommst.
Ich habe dir, im Gegensatz zu dir, nie irgendwo das Gefühl gegeben, unerwünscht zu sein.
Meine Familie hat dich nie auf der Straße beschimpft (das wäre auch eine sehr lustige Vorstellung, dazu wären die ja gar nicht fähig).
Oder behauptet, dass sie nicht auf unserer Hochzeit war, weil ich niemanden eingeladen hätte.
Das alles sind Dinge, die mich durcheinander bringen.
Das DAS die Normalität sein soll.
Das verstehe ich nicht und ich verstehe nicht, warum du uns nicht fern hältst von solchen Leuten, warum schubst du mich noch hin, statt dich schützend vor mich zu stellen?
Du bist doch mein Mann....
Aber vielleicht stimmt es ja auch.
Vielleicht bin ich so wie du sagst.
Und vielleicht wolltest du das anfangs nicht sehen?!
Vielleicht ist auch keiner von uns so, aber zusammen sind wir es doch?
Was glaubst du, was das alles mit mir macht?
Was glaubst du, wie meine Welt mit jedem Mal etwas mehr zusammen bricht?
Wie DU dich vor meinem inneren Auge als etwas entpuppst...
was mir jedenfalls nicht gut tut.
Ich weiß, wie das enden wird...
Ich werde irgendwann die Segel streichen.
Ich kapituliere vor dir.
Du wirst aus allen Rohren schießen, aber dann triffst du mich nicht mehr.
Da bin ich schon zu weit außer Reichweite.
Irgendwo.
Allein. Traurig.
In der Unendlichkeit des Raumes.
Traurig. Ja.
Aber in Sicherheit. In Ruhe.
Und vielleicht lerne ich dabei, dass auch ein Rückzug einen stärker machen kann.
Weil dieser Krieg ja ohnehin nicht zu gewinnen ist.
Für keinen von uns.
