Ach weißt Du, Ema, ich möchte mich von einer blöden Erfahrung doch nicht von der Liebe abhalten lassen
Ich hatte eine zum Großteil sehr gute Ehe. Wir hatten ein gemeinsames Projekt - unser gemeinsames Kind. Am Anfang sogar beruflich sehr starke Überschneidungen, die fielen weg, nachdem ich mich beruflich umorientiert hatte. Trotzdem haben wir immer zueinander gehalten, mein Ex-Mann und ich. Uns gegenseitig durch berufliche Höhen und Tiefen begleitet, und der eine hat immer felsenfest an den anderen geglaubt. Das hat mir und auch ihm ganz viel Kraft gegeben. Ein paar Wochen nach der Trennung rief mein Ex-Mann mich an, er weinte am Telefon. Ich geschockt: was ist passiert?
Er: ich hatte heute einen Riesenerfolg im Büro. Und jetzt sitze ich hier in dieser Wohnung, die nicht mein Zuhause ist und mir fällt auf, dass ich überhaupt niemanden habe, mit dem ich diesen Erfolg teilen kann. Dass sich keiner mit mir freut.
Mann, da hab ich auch geheult. Rotz und Wasser. Und hab gedacht: warum, zum Henker, ist uns das beiden jahrelang nicht aufgefallen, wozu wir den anderen "brauchen"? Warum waren all solche Dinge so selbstverständlich geworden, dass wir sie gar nicht mehr geschätzt haben? Und warum hat er so was nicht mal viel früher zu mir gesagt? Dann hätte ich nicht jahrelang unter der gefühlt fehlenden "Wertschätzung" gelitten.
Meine Ehe war nicht nur schlecht, im Gegenteil. Meine Affäre war auch nicht nur schlecht, im Gegenteil. In beiden Fällen überwogen die positiven Seiten die negativen bei weitem, wenn ich am Ende "Bilanz" ziehen sollte. Aber in beiden Fällen war es schwer, die positiven Seiten zu behalten, nachdem erstmal negative Dinge eingezogen war. Das negative war immer stärker und hat das ganze Schöne irgendwie überschrieben, weil das Schöne zu schnell "selbstverständlich" wurde.
Aber den Glauben an die Liebe, den will ich behalten. Muss ich auch, schon aus beruflichen Gründen

wie sollte ich denn ohne diesen Glauben Liebesromane schreiben können? Ich mag verbitterte Menschen nicht. Ich mag auch nicht, wenn man sagt "Alle Männer sind Sch..." oder "alle Frauen sind Schl...". Nicht jeder Fremdgänger ist ein Schwein. Kein Mensch ist perfekt, jeder Mensch hat gute und schlechte Seiten. Und wenn einem ein anderer Mensch etwas "Schlimmes" antut, geschieht das doch nur in seltenen Fällen wirklich aus Böswilligkeit. Meistens steckt da was anderes hinter - Ängste. Schwäche. Unvermögen. Gerade in der Liebe.
Mein Ex-Mann hatte unglaubliche Verlustängste mir gegenüber. Die haben dazu geführt, dass er nicht mehr mit mir reden wollte, nur noch übers Wetter, den Wocheneinkauf, unsere Tochter. Alle tiefgehenden Gespräche hat er abgeblockt, weil er Angst hatte, etwas zu sagen, dass mir missfallen und zum Ende der Beziehung führen könnte. Das habe ich aber erst lange nach der Trennung verstanden - gespürt habe ich nur sein Mauern, sein Schweigen, die emotionale Kälte in der Beziehung. Und damit konnte ich nicht umgehen und auch nicht leben, ich hatte aber auch keinen "Plan", wie ich selbst das hätte ändern können. Es gehören eben immer zwei dazu.
Und auch, wenn eine Affäre als "Beziehungsanbahnung" scheitert, gehören zwei dazu. Klar kann man sagen: die blöden Männer, die Feiglinge und Weicheier. Vielleicht hat man aber auch selbst etwas dazu beigetragen oder etwas Wesentliches unterlassen, dass sich der große Wunsch nicht erfüllt hat. Dass die Liebe nicht "gehalten" hat.
Wir werden ja nicht von der Liebe enttäuscht. Wir werden nur von anderen Menschen enttäuscht. Und manchmal auch von uns selbst ...