Zitat von Phönixe:Ihr Lieben, Entschuldigt, wenn ich hier ein wenig klugschaißerisch reingrätsche, doch möchte ich darauf hinweisen, dass der Begriff Trauma in den letzten Jahren leider sehr verwässert wurde, und solche Interpretationen tragen dazu bei. Im ICD 10 und DSM 5 wird der Traumabegriff klar definiert als Ereignis von einem katastrophalen Ausmaßes, das fast bei jedem Menschen eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde. Dabei wird unterschieden zwischen einem Typ 1 Trauma, also einem einmaligen, furchtbaren, lebensbedrohendem Ereignis wie einer Naturkatastrophe (Tsunami, Erdbeben) oder einem Unfall, einem Raubüberfall oder ähnlichem. Typ 2 Traumata sind meist durch andere Menschen verursacht und ...
Danke für deine Ausführungen und die Klarstellung.
Du hast natürlich völlig Recht damit, dass der Begriff "Trauma" im ICD und im DSM ganz anders verwendet wird.
Allerdings gibt es außerhalb dieses Regelwerks Therapeuten, die ihn so benutzen, wie ich es oben tat. Und zwar mit der Begründung, dass die Frage, wie katastrophal ein Ereignis empfunden wird, nicht nur damit zusammenhängt, wie einschneidend und katastrophal es "tatsächlich" ist, sondern auch damit, in welchem Alter man es erlebt.
Für ein Baby, das ja im Gegensatz zu einem Erwachsenen völlig hilflos und völlig ausgeliefert ist, können Dinge, die einem Erwachsenen recht banal erscheinen, deshalb katastrophal sein, weil sein Überleben davon abhängt. Es empfindet also auch Ereignisse als katastrophal (zum Beispiel das Alleingelassenwerden über längere Zeit, psychische oder physische Misshandlungen (die objektiv betrachtet nicht lebensbedrohlich sind) eben doch als existenziell. Dies hängt nicht nur mit seiner faktischen Hilflosigkeit zusammen, sondern auch damit, dass es kein Zeitgefühl hat (dass ein Zustand des Essensentzugs zum Beispiel vorübergehend ist) und damit, dass ihm das Instrument der rationalen Verarbeitung noch fehlt.
Diese Therapeuten benutzen den Begriff - den es ja auch in der physischen Medizin gibt, wo ein Trauma eine Verletzung durch einen Unfall oder physische Gewalteinwirkung bezeichnet - im Sinne einer psychischen Verletzung, die geeignet ist, die normale kindliche Entwicklung nachhaltig zu stören und zwar oft in einer Weise, die einem durch die üblichen Schutzmechanismen (Verdrängung, Verleugnung, Dissoziation usw.) der Psyche selbst nicht bewusst ist.
Übrigens unterscheiden diese Therapeuten zwei Arten von frühkindlichem psychischem Trauma: Das Schocktrauma (ein einmaliges Ereignis einschneidender Art) und das Entwicklungstrauma (ein längerer Prozess der Vernachlässigung, leichterer Misshandlung usw.).
Ob diese Therapeuten diesen Begriff nun zu Recht oder zu Unrecht anders gebrauchen, als im ICD und DSM festgelegt ist, will ich nicht beurteilen.
Ich wollte nur darauf hinweisen, wie ich ihn verwendet habe und warum.
Dass es unter diesen oben genannten Therapeuten auch Scharlatane gibt, will ich ebenfalls nicht abstreiten. Aber es gibt auch sehr gute, die ausgezeichnete Arbeit leisten - außerhalb der Richtlinien, die von den psychiatrischen Verbänden vorgegeben werden - und es ist ja nicht zu leugnen, dass auch diese Verbände durchaus ihre Schattenseiten und schwarzen Schafe haben.