Zitat von ElGatoRojo: Verstehen all der Ungeheurlichkeiten, die vor 1945 geschehen sind
So richtig verstehen kann das nur jemand, der selbst dabei war.
Eine Ahnung davon bekommt man, wenn man Kriegsgräberstätten besucht. Ich tat das eine Zeitlang sehr intensiv, war sogar mehrmals in Nordfrankreich und Belgien eigens dafür - natürlich auch in DE. Bis heute erinnere ich den Schock, als ich erstmals all diese Gräberreihen sah, die sich da wie ein Meer vor dem Besucher auftun. Tausende von Kreuzen und hinter jedem einzelnden davon lag ein junger Mann, der Vater und Mutter hatte, die ihn jahrelang mit viel Liebe und Mühe hochgepäppelt hatten.
Meist besuchte ich die Grabmale der Unbekannten. Weil die sonst vielleicht seit 100 Jahren gar keinen Besucher mehr hatten.
Auf den deutschen Soldatenfriedhöfen des WW1 sind übrigens auch fast immer jüdische Grabmale dabei. Und so begab es sich, daß ich eines Tages mal auf einem kleinen solchen, weit außerhalb des nächsten französischen Dorfes gelegenen deutschen Soldatenfriedhofs, gezielt auch dessen jüdische Gräber aufsuchte. Verweilt bin ich dann wie üblich bei einem "Unbekannt" - aber diesmal war es anders.
Denn wie ich so vor dem Grab stand, dachte ich es mal zuende: Dieser junge Mann war offenkundig so zerfetzt oder verwest oder beides gewesen, daß man ihn nicht mal mehr hatte identifizieren können. Seine armen Eltern haben also nie erfahren, daß er hier liegt. Für sie blieb er verschollen. So ging das damals hunderttausendfach, schon klar. Aber hier kam halt noch etwas hinzu: Nämlich die Art, wie "lieb Vaterland" es dem jungen Mann 17 Jahre später zu danken begann, daß er ihm sein Leben im Schlachtfeld geopfert hatte. Ich malte mir aus, wie seine Eltern vergeblich beim Roten Kreuz nach ihm gesucht haben mögen. Wie sie dann 1933 die Machtergreifung einer Partei erlebten, in deren Wahlprogramm die Behauptung stand, daß Juden eben nicht "deutschen Blutes" seien und insofern auch gar keine Volksgenossen sein könnten. Wie sie dann 1935 mit den Nürnberger Gesetzen konfrontiert wurden. Wie die SA ihnen 1938 ihr kleines Geschäftchen in Klump und Asche schlug. Wie man sie 1941 schließlich im Viehwaggon gen Osten deportierte und sie dort von der Rampe aus direkt ins Gas rüberschickte, da sie bis dahin zu alt und verhärmt für die Arbeitslager waren.
Mir fielen die Schilderungen von Erich Maria Remarque ein, aus "Im Westen nichts Neues". All dieses Grauen hatte der junge Mann da unten im Grab in rechtschaffener Überzeugung mitgemacht, er gehöre zur deutschen Nation, sie sei sein Vaterland und er müsse sie bis zum Tod verteidigen. Einen Tod, den er dann tatsächlich gefunden hatte und das noch dazu auf so eine Weise. Und
das war dann der Dank, mit dem "Lieb Vaterland" ganz ruhig sein mochte, um sich bei ihm und seiner Familie zu revanchieren dafür?
"Hochverrat" - dieses Wort schoß mir als erstes durch den Kopf.
"Unverzeihlich" - das war das nächste.
"Auch in 1000 Jahren nicht" - das war das übernächste.
Und da brach es tatsächlich aus mir raus, denn Worte fand ich einfach keine mehr. Was in drei Kreuzes Namen sollte ich dem jungen Mann da unten in dem Grab denn auch sagen? Es gibt weder einen Grund, noch eine Entschuldigung für das, was man ihm und (in meiner Vorstellung) seiner Familie angetan hat. Das war so dermaßen ungeheuerlich - es machte mich buchstäblich sprachlos.
Also ging ich auf die Knie und legte still meinen Kopf auf sein Grab. In Gedanken weilte ich bei ihm und seinen armen Eltern, aber ich wagte weder sie anzusprechen, noch sie in den Arm zu nehmen. Da war eine stumme Mauer von Fassungslosigkeit, die mir einerseits die Tränen runter aufs Grab perlen ließ - aber mir jede Stimme nahm. Jedes Wort wäre da zuviel gewesen.
Denn ich weiß nicht, wo ich selbst in den 1940ern gewesen wäre. Keiner von uns (nicht-jüdischen) Deutschen kann das mit Bestimmtheit wissen - wir wären ja völlig anders aufgewachsen und sozialisiert worden. Ich stand also da vor seiner letzten Ruhestätte als Angehörige eben jener Nation, die ihm und seiner Familie das angetan hat. Und ich konnte ja nicht wissen, ob ihm selbst das nicht schon zuviel war. Noch in den 1980ern sind mir Menschen begegnet die mit Deutschen nix zu tun haben wollten - auch nicht mit Nachkriegsgeborenen.
So kamen also an diesem Ort der 1. Weltkrieg und der HC auf gewisse Weise zusammen. Normalerweise trenne ich beides strikt, denn Völkermord und Krieg sind unterschiedliche Kategorien, selbst innerhalb der Massenverbrechen. So theoretisch diese Sichtweise sein mag - sie unterbindet unangemessene Relativierungen. Es ist auch so schon beschissen genug.
Inzwischen habe ich Tausende von Kriegsgräbern gesehen und Hunderte einzeln besucht. Tot sind sie alle, aber damals wurde mir klar, daß es selbst auf dem Friedhof noch Unterschiede gibt, die man respekthalber beachten sollte. Nicht, daß ich den übrigen deutschen Kriegsopfern an diesen Orten deshalb weniger Respekt zolle. Aber was speziell diese besonderen Grabmale betraf: Doch, das ist nochmal ein anderer Kaffee.
Zitat von ElGatoRojo: Erst als Jugendlicher und durch Lesen eines Berges von Literatur wurde mir das Ausmass der Verbrechen klar.
Ging mir ähnlich. Über den HC wurde daheim nicht gesprochen; ich wurde das erst gewahr, als die gleichnamige TV-Serie (u.a. mit Meryl Streep) damals gesendet wurde. Wenn ich recht entsinne, kam damals auch erst der Begriff als solcher auf.
Was den WW1 betraf, so waren es vor allem Erich Maria Remarques Buch "Im Westen nichts Neues" und dessen erste (!) Verfilmung, aber auch Stanley Kubricks "Wege zum Ruhm", die mich bis heute sehr beeinflussen.
Der WW2 saß allerdings daheim täglich still mit am Tisch. Mein Vater war von Frankreich bis Russland dabei gewesen und gen Kriegsende in einem der berüchtigten Rheinwiesenlager interniert. Er starb bereits Mitte der 1990er und bis heute ist kein Tag vergangen, an den ich seiner nicht gedacht habe. Etwa 10 Jahre später begann ich mich intensiv mit seiner Vergangenheit zu beschäftigen, zum Glück konnte ich Belege finden, die mir bestätigten, daß er weder bei der SS, noch bei einem Haufen gewesen war, der sich mit Kriegsverbrechen hervorgetan hatte. Im Zuge dieser Recherchen befasste ich mich auch sehr mit alliierten Kriegsverbrechen - u.a. die Bücher von De Zayas und Franz W. Seidler.
Bis heute habe ich mir nicht alle Fotos darin angeschaut. Aber beim Anblick der ersten Bilder wurde mir schlagartig klar, warum die "Alten" eisern geschwiegen hatten über das Gesehene und Erlebte. Das war so grauenhaft, das verschlägt einem buchsäblich die Sprache. Für die Lektüre der in ziemlich sachlichem Ton geschriebenen Berichte der Wehrmacht-Untersuchungsstelle brauchte ich teils wochenlange Unterbrechungen - weil ich sie alle durchdachte.
Zu meinem großen Glück konnte ich das vor ein paar Jahren im Rahmen eines Klinikaufenthaltes im Ausland endlich nachhaltig verarbeiten. Details führen hier zu weit. Nur soviel sei gesagt: In der Patientengruppe waren auch einige US-Veteranen. Gerechnet hatte ich damit nicht, denn ich war aus anderen Behandlungsgründen dort als sie. Aber sie waren dort genau zur rechten Zeit am benötigten Ort und allein das nehme ich bis heute als "mein" Wunder.
Zitat von ElGatoRojo: Und irgendwann - so nach 60 Jahren - kann ich es einfach nicht mehr hören. Es ist Vergangenheit
Seit dem Klinikaufenthalt damals habe auch ich mich von dem Thema zurückgezogen.
Doch als 2022 der Ukrainekrieg ausbrach, kam es ganz fix wieder hoch.
Seither lausche ich am liebsten Lanz und Precht, wenn sie in ihrem Podcast auf das Thema kommen. Weil sie so ziemlich die einzigen sind, die eine völlig unterschiedliche Auffassung dazu haben und dennoch darüber diskutieren können, ohne daß einer den anderen verteufelt deswegen.
Letztes Jahr entdeckte ich erst auf dem Podcast-Portal, dann auch im Internet die Tonaufnahmen des erstern Frankfurter Auschwitzprozesses. Dort kam u.a. auch zur Sprache, daß Transporte mit schwerverletzten (!) russischen Kriegsgefangenen die ersten waren, welche "probevergast" wurden. Davon will natürlich heute keiner mehr groß was wissen. Mir war es bekannt, seit ich mir vor Jahren mal Höss' Memoiren gegeben hatte. Denn auch er berichtete davon.
Übrigens wurden ausgerechnet die sowjetischen (zumeist russischen) Befreier
nicht zu den Feierlichkeiten anläßlich der 80jährigen Befreiung des KZ Auschwitz eingeladen:
https://www.juedische-allgemeine.de/pol...grusswort/Ich verstehe das alles nicht mehr. Also daß es ausgerechnet eines Donald Trump bedarf, um die Beendigung des Schlachtens zur Top-Priorität zu machen. Oder daß eine sechsfache Mutter wie die von der Leyen - von deren Kindern nicht ein einziges auch nur bei der Bundeswehr war - sich so vehement für Waffenlieferungen mitten ins Kriegsgebiet einsetzt - auch jetzt noch, wo die Amis sich offenkundig da rausziehen und nur noch ihre Pfründe zu sichern suchen.
Seit 2022 fühle ich mich wie im falschen Film. Es ist aber Realität - und ich überlege ernsthaft nicht wie, sondern ob ich damit umgehen soll - ehe es zu spät ist.
Zitat von Funkenline: Als Kinder mussten ich und meine Geschwister uns ständig anhören, dass wir nicht alles glauben sollen, was die Lehrer im Unterricht erzählen.
Ein sehr guter Ratschlag. In der Tat kann eine gesunde Skepsis nicht schaden und kritisches Denken gehört gefördert. Das war übrigens eine der Lehren aus jener Zeit: Autoritäten nicht mehr Raum und Glauben zu schenken, als unbedingt nötig und das immer mit einem gesunden Mißtrauen.