Zitat von Odette: Ich möchte gerne eine radikale Bewertung von Euch. Auch wenn es zu Ungunsten meiner Wenigkeit ausfällt.
Liebe Odette, ich spiel jetzt mal für dich den Advocatus diaboli und beziehe meine Rückmeldung primär auf deine Anteile an der Situation, da die Anteile deines Freundes hier ja schon ausreichend gewürdigt wurden.
Ich orientiere mich dabei rein an der von dir geschilderten Situation, ohne den größeren Beziehungskontext drumherum, und gebe mal Rückmeldung was mir dazu in den Sinn gekommen ist beim Lesen.
Zitat von Odette: Als ich gut gelaunt ankam, habe ich gemerkt, dass er angespannt ist. Er war irgendwie nicht richtig da. Also frug ich ihn mehr als einmal, ob er keine Lust hätte hier zu sein, etc.
Mehrfach hast du insistiert was er hat, und unterstellt dass er gar nicht bei dir sein möchte. Das muss auf deinen Freund ziemlich nervig gewirkt haben. Super nervig, falls das (wie ich vermute) ein typisches Verhalten von dir ist. Du willst damit deine Ängste lindern; aber egal wie, sie lassen sich nicht lindern, denn entweder bestätigt er deine Befürchtung oder du glaubst ihm seine Entkräftung deiner Befürchtungen nicht wirklich. Und so kommt es zur logischen Folge - er ist genervt, fühlt sich nicht wahrgenommen und er reagiert entsprechend mit Rückzug:
Zitat von Odette: Kurz vor meiner Wohnung, sagte er dann, es reiche ihm, er fühle sich unwohl, und will doch nach Hause gehen. Ich habe wieder Angst bekommen und auf offener Straße geweint.
Ob er sich geschämt hat in dem Moment? Sich fragte, was wohl Passanten über ihn denken, der seine Freundin in der Öffentlichkeit zum Weinen gebracht hat? Seine innere Anspannung zu Beginn eures Treffens, egal worin sie begründet war, ist auf deine Initiative also zunächst zu einer äußeren Anspannung geworden. Sein Bedürfnis, sich aufgrund diesr Anspannung nun aus einer Situation zurückzuziehen, in der du ihn benutzen wolltest um deine Ängste zu regulieren, führte dann zu einer Eskalation deiner Ängste und damit auch deines Anspruchs an ihn, diese zu regulieren. Da er das nicht (erneut/weiterhin) hinnehmen möchte, und sich auch gegen die emotionale Erpressung durch öffentliche Angst/Tränen zu wehren versucht, ist ein offener Streit die logische Folge.
Zitat von Odette: Ich bat um etwas Liebe, auch wenn ich den Streit akzeptiere, wollte ich spüren, dass wir noch Verbunden sind.
Das machte ihn sauer. Er schrie mich wieder an. Es sei leichter, wenn er mich nicht mögen würde, ich versaue sein Leben, bin krank und kontrollierend. Das schlug dann um. Er lachte auf einmal und sagte sowas wie 'Oh nein, Odette, jetzt habe ich wieder fiese Dinge im Streit gesagt, die du mir 3 Monate vorhalten kannst.'
Ich legte auf. 30 Minuten später rief er an und entschuldigte sich.
Aber selbst im Streit wird er den Auftrag nicht los, dass er dich beruhigen und "lieben" muss um deine Ängste zu regulieren. Das ist aber ja genau das, wovon er die Schnauze gestrichen voll hat, weil es sich aus seiner Sicht als Fass ohne Boden darstellt, das er nicht zu füllen vermag, egal was er tut. Leider reagiert er darauf vollkommen überfordert und lässt seine Frustration und Wut raus. Was er da gesagt hat, klingt gemein, aber wenn man deine Schilderungen mal aus seiner Sicht betrachtet und versucht sich in ihn hinein zu versetzen, ist seine Reaktion vielleicht besser nachvollziehbar. Du schilderst nämlich tatsächlich sehr kontrollierende Verhaltensweisen ihm gegenüber (im Hinblick auf die Emotionen, die er dir gegenüber zu zeigen hat, um nicht mit Tränen, Ängsten oder sonstigem Drama konfrontiert zu werden) und wenn er dich nicht mögen würde, wäre es wirklich sehr viel leichter für ihn, sich dem zu entziehen.
Sein Satz mit den fiesen Dingen hat mich aufhorchen lassen. Er hat es so sarkastisch formuliert, aber es klingt auch eine tiefe Verletzung, Hilflosigkeit und Wut dabei durch. Bei deiner Neigung, alles durch- und überzuanalysieren und dir immer und immer wieder Rückversicherung zu holen etc. kann ich mir tatsächlich vorstellen, dass es auch dazu gekommen ist, dass ihm von dir Dinge über längere Zeit vorgehalten wurden - zumindest aus seiner Sicht.
Immerhin hat er hier die Größe gezeigt, sich kurz danach dafür zu entschuldigen. Ihr habt euch also wieder vertragen können und dann kam es zu:
Zitat von Odette: haben ein bisschen rumgeknutscht und rumgealbert, dass wir die Wartezeit auf das Essen gleich überbrücken können. Als das Essen bestellt war, mochte ich aber nicht mehr so
einer Situation, die ihn mit maximal widersprüchlichen Signalen deinerseits konfrontiert hat. Innerhalb von wenigen Minuten wurde er von der Kochplatte in den Kühlschrank geschoben, ohne für ihn erkennbare Ursache. Wogegen seine Reaktion darauf durchaus kausal nachvollziehbar scheint, nämlich das Äußern von Enttäuschung:
Zitat von Odette: Als er komisch guckte, sagte er mir, dass er jetzt schon enttäuscht ist. Ich weiß nicht warum, aber es hat mich getriggert. Ich fühlte mich unter Druck (liegt an unschönen Erfahrungen), also gab es Streit. Er ist in die Küche und ich habe auf dem Sofa bitterlich geweint.
Er hat mich dann beruhigt.
Also erst heiß, dann kalt, dann Zoff, dann muss er die Person, die ihn durch dieses für ihn sicher unbegreifliche Wechselbad gejagt hat, (mal wieder) trösten. Weil, es ist ja SEIN Job, deine Gefühle zu regulieren, liebe Odette? Diesen Anspruch sehe ich schon ein wenig als roten Faden in deinen Schilderungen hier.
Wie geht es ihm wohl in so einem Moment? Ist da auch Raum, dass er von so einem Szenario verwirrt, gestresst oder traurig sein darf? Welche Möglichkeiten hat er, seine Gefühle zu regulieren oder gar zur Diskussion zu stellen, ohne dass sie umgehend von deinen Ängsten und von deinem Bedürfnis nach Rückversicherung übertönt werden?
Zitat von Odette: Essen kam. Er schlug sein essen so runter, und ich fragte, ob wir nicht zusammen essen wollten. Ich war nicht mal ganz wieder auf der Höhe, als er sagte, er braucht jetzt eben Zeit um sich zu regulieren nach meinem Ausbruch.
Hier zum Beispiel zeigt er sein Bedürfnis, seine Emotionen zu regulieren, nachdem er zuvor dich getröstet hat, nachdem du ihn heiß-kalt gestellt hast, er aber nicht enttäuscht sein dürfte. Da hat er schon einiges an Stresskompensation geleistet und in dem Moment nicht mehr die Ressourcen, auf ein nettes gemeinsames Essen mit dir umzuswitchen.
Zitat von Odette: Dann knallte es in mir durch. Ich weinte, war panisch. Er wollte gehen. Ich bat ihn das nicht zu tun. Er stand vor mir, während ich wie ein Tier im Käfig auf und ab ging. Völlig woanders war. Ich bat ihm,. wenn er jetzt geht, bitte eine Freundin oder meinetwegen den Krankenwagen zu rufen. Ich hatte Angst vor mir selbst.
Er redete auf mich ein. Auch liebevoll. Als er dann gehen wollte, wollte ich zumindest eine Umarmung. Keine Chance. Er wollte nicht angefasst werden. Also ging er.
Und dafür bekommt er die Quittung in der absoluten Eskalation. Sein Versuch, SEIN eigenes Stresslevel, das DU zuvor massiv hochgepuscht hast, zu regulieren, führt zu einer Situation, in der du ihn mit deinem bevorstehenden psychischen Zusammenbruch konfrontierst oder aber wenigstens eine Umarmung von ihm erzwingen willst. Und redet so lange - auch liebevoll - auf dich ein, bis er nicht mehr kann und geht.
Liebe Odette, bei allem Mitgefühl, was ich deiner authentisch geschilderten Not entgegenbringe - das kann so niemals funktionieren. Er ist nicht verantwortlich für deine Stimmungsschwankungen und auch nicht dafür, dass deine Ängste nicht die Oberhand gewinnen. Du schilderst hier eine Abfolge von anstrengend-nervigen bis hin zu massiv emotional erpressenden Verhaltensweisen deinerseits, und er reagiert darauf gereizt, überfordert oder mit hilfloser Wut. Die gesündeste Reaktion ist es meiner Meinung nach tatsächlich, auf Abstand zu gehen, denn ihr tut einander nicht gut. Ihr bedient ungesunde Muster beim jeweils anderen, auch im neuen Anlauf, leider.
Zitat von Odette: Und jetzt mein fehler:
Ich habe ihm gesagt, dass ich keine Lust mehr habe, dass unsere Bedürfnisse kämpfen müssen, und ich ihn gerne sehen möchte. Wann und wo ist mir gleich. Und ich jetzt auch Abstand möchte, er sich gerne nach dem Sport Samstag melden kann.
Liebe Odette, da sehe ich keinen Fehler.
Ich sehe überhaupt keine "Fehler" bei dir, sondern vermute eher frühe Traumata und Persönlichkeitsanteile, die sich tragischerweise nicht gesund entwickeln konnten. Wenn ich mich recht erinnere, gab es in der jüngeren Vergangenheit bei dir eine Diagnose, die einige deiner Ängste und Verhaltensweisen erklären konnte. Ich denke, die allermeisten Antworten auf deine Fragen wirst du dort verorten können. Es sind eben nicht isolierte Fehler in spezifischen Situationen, die bei anderem Handeln ein anderes Ergebnis geliefert hätten. Es ist ein systemisches Problem zwischen dir und deinem Freund mit einander gegenseitig ungünstig verstärkenden psychischen Dispositionen. Kurz gesagt, wie schon von anderen hier formuliert: ihr tut euch nicht gut und ihr passt nicht zusammen, weil sich eure jeweiligen problematischen Anteile/Verhaltensweisen immer wieder gegenseitig aufschaukeln.
Zitat von Odette: Und mir dem ekelhaften Gedanken, hätte ich S. zugelassen, wäre Drama vermieden worden.
Ein Trugschluss, denn das Drama hatte ja nicht seine Ursache in dieser Situation. Das war nur der Auslöser.
Zitat von Odette: Ich habe immer, wirklich immer unterstützt. Ihm erklärt, dass es okay ist mal durchzuhängen, aber er sich das erlauben darf, nicht so hart zu sich sein soll. Ihn ermutigt soziale Kontakte zu pflegen. Ihn entlastet indem ich mich und auch Treffen zurück gestellt haben. Quasi für ihn mit geplant, damit ich möglichst wenig Zeit koste. Ihm Ratschläge im Job gegeben. Mir alles angehört. Ständig supportet. Was hätte ich deiner Meinung nach tun sollen
Ich war zwar nicht gefragt, aber meine Meinung hierzu: du hättest aufhören sollen, seine Mami zu sein.
Eine Beziehung auf Augenhöhe funktioniert so nicht. Bei mir entsteht zunehmend folgender Eindruck:
Der bewusste Teil von dir schildert eine Beziehung, in der du dich abhängig, angstgetrieben und unterlegen fühlst. Der unbewusste Teil von dir versucht alles, um in der Beziehung die Kontrolle zu behalten - und torpediert sie damit immer wieder aufs Neue. Ein Teufelskreis der Angst.
Es ist sehr schwer, dir hier konkret zu raten, denn deine Verhaltensweisen sind aus der Not geboren und diese Not ist nicht deine Schuld. Nichts hier ist deine Schuld. Du bemühst dich so sehr und arbeitest hart an deiner Beziehungsfähigkeit. Leider immer noch mit dem falschen Kandidaten, liebe Odette. Und leider hast du anscheinend auch noch nicht das richtige Werkzeug gefunden, mit dem du arbeiten kannst. Die Ängste führen noch das Regiment. Falls es schon Thema war, verzeih bitte die Wiederholung, aber eventuell wäre eine sanfte angstlösende Medikation, therapiebegleitend über einen längeren Zeitraum, einen Versuch wert.