Zitat von Lisanne112: Dass dies einfach Leben ist und man solche Risiken eingehen muss weil man am Ende immer gewinnt?
Ich würde nicht unbedingt sagen "gewinnt". Aber zugewinnt. Ja, das auf jeden Fall. Auch wenn etwas schiefgeht, ist daran auch immer ein Zugewinn. Und sei es, dass man erkennt, warum es schiefgegangen ist. Das ist, nebenbei gesagt, auch viel lehrreicher als das, was glatt geht und einfach dahinläuft.
Aber bevor ich zu den anderen Punkten etwas dazusenfe, möchte ich, wenn ich darf, sagen, dass Du auf mich so klug, interessiert, offen, taff, sympathisch wirkst, dass Du Dir ohnehin keine Sorgen zu machen brauchst über Dein Leben und seinen Gang. Zwischenfälle können natürlich immer wieder mal vorkommen, aber Du gehörst mit Gewissheit zu jenen, die auch dann das Steuer in der Hand behalten, wenn es einmal etwas stürmischer zugeht. Ich glaube, da kannst Du wirklich zuversichtlich sein und den Wind, woher er auch kommen mag, in die Segel fahren lassen.
Zitat von Lisanne112: Du bist dementsprechend der Meinung, „Gefühle können alles „schlagen“?“ Das nächste Mal, wenn mir also jemand so etwas von vorne rein wieder sagt, soll ich es trotzdem „versuchen“ wenn ich ein „Gefühl von Verliebtheit“ bei diesem Mensch empfinde? Den ganzen trotzdem eine Chance geben und es nochmal versuchen?
Ja, wenn die Gefühle tief sind, können (und sollen) sie alles andere überwiegen.
Ich sage nicht, dass das immer das Vernünftigste ist, aber es ist das Sinnvollste, Lebenskräftigste, Selbst- und Lebensbejahendste. Das Leben ist ein Abenteuer, ob man es will oder nicht, und je mehr "ja" man dazu selber sagt, um so spannender und erlebnisreicher dieses Abenteuer. Es geht ja, meine ich, viel mehr um das bewusste, mutige Erleben als darum, sich hinter seinen Vorbehalten, Unsicherheiten, Ängsten, Prinzipien, Plänen zu verschanzen und vor lauter Red Flags gar nichts anderes mehr zu sehen als Red Flags.
Zitat von Lisanne112: Das macht am Ende noch schwieriger, weil ich sicher bin, das ich Gefühle für diesen Mensch habe und obwohl ich mich darauf eingelassen habe, diese Person es nicht zu 100% mit mir versuchen wollte. Sondern nur zu 80%.
Dazu etwas aus meinem eigenen Leben:
Ich habe einmal eine Frau kennengelernt, bei der waren Liebe und Ernstmeinen nicht bei 100%, sondern bei mindestens 150%. Die hat mich allen Ernstes geradezu angehimmelt, obwohl ich so etwas selber absolut nicht will. Und diese 150%-Liebe und -Beziehung war jene, die am schnellsten und plötzlichsten vorbei war, im wahrsten Sinne des Wortes von einer Minute auf die andere. (Ich war bei ihr, habe auf ihrem Laptop etwas geschrieben (selbst hatte ich damals noch keinen), ich habe mich von meinem Mailpostfach arglos gar nicht abgemeldet; sie hat am nächsten Tag Mails entdeckt, die ich mit einer anderen Frau ausgetauscht hatte, vor ihrer Zeit wohlgemerkt, es waren auch harmlose Mails, Unterhaltungen, mit der Aussicht, uns irgendwann einmal vielleicht zu treffen (ich habe ihr, also dieser Partnerin damals, sogar mal von dieser Frau erzählt) - und das war auch schon das bittere Ende ... von 150% auf -150%, könnte man sagen.)
Ich könnte dazu auch einige ähnliche Storys erzählen. Jedenfalls wäre mir eine ernsthafte 80%-Liebe wesentlich lieber als eine aus den Blumen geschüttelte und mit ein paar Schmetterlingen verzierte 100%- oder gar 150%-Liebe.
Was an einer Liebe echt ist, was sie wert ist, zeigt sich ohnehin erst, wenn sie mal auf die Probe gestellt wird. Es bringt also nichts, zumindest mir nicht, wenn jemand noch so schwärmt und ernst macht und Sterne sät, solange die Geigen süß wie Honig klingen.
Hinzu kommt, dass wohl jeder unter dem Wort "Liebe" etwas anderes versteht und vor allem dahinter etwas anderes fühlt.
Aber um zu Dir zurückzukommen: Ich kann Dir natürlich nicht sagen, was DU tun sollst, wenn Dir etwas in dieser Art nochmals widerfahren sollte. Also dass jemand sagt, er sei aktuell nicht bereit für eine feste Beziehung.
Ich kann es Dir nicht einmal sagen, was mich selber betrifft. Weil das, für mich, eine Frage der Gefühle, insbesondere der eigenen ist. Sind sie tief genug, ist mir jene Frau bedeutsam genug, so würde ich mich auch 20x auf eine solche ungewisse Geschichte einlassen. Alleine deshalb, weil jede Geschichte, in dem Fall Liebesgeschichte ohnehin immer nur ungewiss sein kann.
Es kann Dir ja jemand sagen, ja, ich will auch unbedingt eine feste Beziehung - und nach drei Wochen oder Monaten stellt sich diese Geschichte als völlige Pleite heraus. Alles ist möglich. Wie es eben auch möglich ist, dass sich aus etwas Ungewissem, Zögerlichem viel mehr entwickelt.
Das Leben verteilt keine Garantiescheine. Und daher geht es sich auf ungewissem Terrain durchaus nicht schlechter oder unsicherer als auf gewiss scheinendem.
Worauf aber zu achten ist, ist, dass man selber keine negativen Erwartungshaltungen entwickelt und man also meint, wenn etwas analog seinen Anfang nimmt, dann kann es ohnehin auch nur analog enden. So ist das nämlich durchaus nicht. Jede Geschichte ist ganz individuell. Wie der einzelne Mensch. "Erwirtschaftet" man sich allerdings eine solche negative Erwartungshaltung, dann sollte man es wirklich besser bleiben lassen. Denn gerade negative Erwartungshaltungen haben eine starke Tendenz zur Selbstsabotage, damit sie zuletzt ihre Bestätigung finden. Bringt also nichts.