Guten Abend ihr Lieben.
Ich schreibe hier nicht so oft, weil ich viel telefoniere und den Kontakt zu meinen Freunden und meiner Familie nutze.
Aber dann kommen Tage wie heute. Draußen wärmende Sonne, im Herzen ein rauer Sturm, dunkelste Wolken und ein Gewitter, vor dem man einfach nicht flüchten kann. Es wummert und grollt, von überall. Bedrohlich, unaufhaltsam, laut.
Es sind die Mails, die er beantwortet, die Worte, die er formuliert. Sie wirken emotional, ein bisschen wütend, aber gleichzeitig klar und distanziert. Der Regen prasselt mit jeder Silbe auf mich nieder, hart und schmerzvoll in riesigen, festen Tropfen. Sind das meine Tränen?
Er ist bei seiner Neuen, wegen der er mich nach 10 Jahren verlassen hat. Unser Sohn ist bei mir, all die Wochen schon. Ich gebe ihm einen Schirm gegen den Regen, der auf mich niederfällt und schütze ihn vor dem stürmischen Wind in meinem Herzen. So ganz klappt es nicht, er fragt nach Papa, sieht mich auch mal weinen, lässt mich. Er ist vier, wie soll er verstehen, was mir widerfährt? Woran soll er noch glauben, wenn ich mich vom Sturm mitreißen lasse?
Nein, das ist keine Option.
Ich werde nicht aufgeben. Dem Sturm die Stirn bieten.
Aber wieder bläst der Wind durch meine optimistischen und starken Gedanken, denn er ist einfach viel stärker als ich. Nicht jeden Tag, manchmal überliste ich ihn mit meiner Standfestigkeit, aber oft nicht. Da kriegt er mich.
Und dann fliege ich mit ihm davon. So wie heute. So wie oft in den letzten 10 Wochen. Ich fliege und sehe meine Lebensträume mit dem Wind davonfliegen, fühle den brennenden Schmerz in meinem Herzen und die Sehnsucht, will mich irgendwo festhalten, suche nach etwas, das stark ist und mir Halt gibt, vielleicht ein Baum mit kräftigen Wurzeln, aber ich drifte wieder davon. Denn da ist nichts.
Meine Augen tränen, ich kann nichts sehen. Ich sehe nur mit meinem inneren Auge seine Augen, den braunen Fleck darin. Höre seine Stimme und fühle seine Hände, die nun eine andere berühren. Erinnere mich, wie ich mich unter seinen Händen gefühlt habe. Aber plötzlich sind die Hände eisig kalt und es ist doch nur der kalte Wind, der nach mir greift. Lass mich, rufe ich in die pfeifenden Wogen, aber der Sturm lacht nur hämisch und folgt unbeeindruckt seinem Ziel: zu wüten und zu zerstören.
Ich lese seine Worte und falle tief, als ließe der Wind urplötzlich nach. Kein Fallschirm rettet mich und lässt mich sanft gen Boden gleiten, nur freier Fall. Tiefer und tiefer, schneller als gedacht. Ich denke an den Aufprall, der mich gleich zertrümmern wird, ich habe Angst. Doch dann höre ich plötzlich ein Telefon klingeln und die Stimme meine Schwester, die sagt: Es gibt ein Morgen und eine Zeit nach ihm.
Der Aufprall ist auch heute hart, aber wie gestern überlebe ich. Seltsam, denke ich, dass ich noch da bin. Der Wind hat sich gelegt, ich atme tief. Da ist mein Sohn und ich weiß: Ich werde dem Sturm auch morgen wieder trotzen.
Bleibt stark!