Zitat von Arjuni:Mir kommt das immer so vor, dass mich andere gar nicht verletzen können, nur ich mich selber.
Ich denke ich kann schon nachvollziehen wie du das meinst, du hast das ja auch im Folgenden gut erläutert. Und finde es gerade nicht ganz einfach zu begründen, warum ich das ab einer gewissen Ebene anders sehe.
Vorab, möchte ich deinen Ausführungen insoweit zustimmen, als dass ich denke dass Fremde einen (verbal) eher dann verletzen, wenn sie in die wunden Stellen des eigenen Selbstbildes treffen. Manche Menschen können das übrigens sehr zielsicher, die haben darin einen echten Riecher. Ich unterscheide sehr klar zwischen versehentlich und absichtlich verletzendem Verhalten und finde letzteres ganz furchtbar. Und ja, ich denke schon, dass es verletzend ist wenn man mitkriegt dass jemand gezielt versucht, mir weh zu tun (ob es ihm gelingt oder nicht ist noch eine andere Frage). Ich sehe da keinen großen Unterschied zwischen einem verbal-emotionalen Übergriff oder einer körperlichen Attacke.
Dazu kommt mMn folgender Aspekt: Wenn ich in einer engen Beziehung zu jemandem stehe (Elternteil, Partner, Kind oder anderweitig von mir geliebte Person), befindet man sich ja immer auch ein Stück weit in einem "Wir". Heißt, ich sehe mich ein Stück weit durch deren Augen, identifiziere mich mit deren Meinung von mir - ganz automatisch - denn genau das ist ja der Mechanismus, durch den Liebe und liebevolle Beziehungen zu anderen Menschen unseren Selbstwert als soziales Wesen stärken. Wenn nun eine solche Vertrauensperson sich plötzlich und unerwartet gegen mich kehrt, mich womöglich absichtlich schlecht behandelt, mein Vertrauen missbraucht oder gar gezielt Gefühle von Angst, Minderwertigkeit, Hilflosigkeit, Schuld o.ä. in mir auslöst, dann betrachte ich so etwas sehr wohl als Verletzung, die mir jemand zufügt. Ich zähle so etwas zu emotionaler Gewalt und die verletzt, genauso wie körperliche Gewalt es tut.
Ich kann versuchen, deren Effekte auf mich mit der Argumentation die du erläutert hast ein Stück weit zu relativieren und von mir fern zu halten, aber für mich ist die Verletzung spätestens mit der Absicht des anderen Realität und so etwas macht auch in mir und in meinen Gefühlen für diese Person und teilweise auch für andere Menschen viel kaputt.
Zu der anderen Thematik hier:
Zitat von Zugaste:Woran macht ihr fest, ob der Andere ein Beziehungskandidat ist? Oder ob es eine reine "Bettgeschichte" bleibt?
Das hat ganz viel mit meinen Absichten zu tun. Wünsche ich eine Beziehung, bin ich für Bettgeschichten nicht offen. Wobei ich auch schon eine Bettgeschichte hatte, die in einer Beziehung gemündet ist und mich ein paar Jahre mit einem eher ungeeigneten Partner gekostet hat... nunja, das würde mir heute so auch nicht mehr passieren und das wäre auch gut so.
Einen Beziehungskandidaten erkenne ich a) an der Chemie (innerhalb der ersten Augenblicke) und b) an seinem weiteren Verhalten im Verlauf des Kennenlernens (investiert er angemessen ins Kennenlernen, d. h. nimmt er mich da gut wahr und auch ernst?) und daran, ob er von seinen sonstigen Lebensumständen, Eigenschaften etc. zu mir passen würde. Ich achte inzwischen sehr auf rote Flaggen, rote Flagge kommt mir nicht ins Haus, grüne Flagge auch erst nur wenn ich mir sehr sicher bin, nix rotes übersehen zu haben.
Zitat von Zugaste:Kannst du sagen, warum du das brauchst und genießt?
Hast du das Gefühl, dass du selbst dich komplett kennst?
Schwierig zu erklären, ich glaub.. ich bin einfach so. Habe sehr starke introvertierte Persönlichkeitsanteile, bin auch gern mit mir allein und mag meine kleinen inneren Fluchten und Unabhängigkeiten. Ich denke das hängt irgendwie zusammen.
Ich kenne mich inzwischen ziemlich gut (was nicht heißt, dass ich mich nicht auch immer mal wieder bei den selben Fehlern erwische) aber ganz sicher nicht komplett. Allein meine Entwicklung in den letzten 5 Jahren hat mich schon ziemlich selbst überrascht
Mich würde aber auch umgekehrt interessieren, liebe @zugaste, was es für dich heißt dich offen und komplett zu zeigen, und warum dir das wichtig ist?
Zitat von Zugaste:Kannst du bitte noch mal schreiben, was da genau für dich der Unterschied ist? Das in Kauf nehmen im Gegensatz zu "es darf sein"?
Es ist wohl allein ein Unterschied in meiner eigenen Bewertung. Sprache kann immens beim Reframing unterstützen!
Ich muss es in Kauf nehmen, es ist unvermeidbar .... (löst mehr hilflose, fatalistische Gefühle angesichts einer für mich als schlecht empfundenen Sache aus)
Es gehört ein Stück weit zum Leben dazu, und das darf auch so sein ... (löst mehr traurige, akzeptierende und versöhnliche Gefühle angesichts einer für mich als schlecht empfundenen Sache aus)
Ich hoffe das war ein bisschen verständlich und nicht zu viel
