Liebe @mohnblume
Ich kann sehr gut nachvollziehen, was du schreibst. Und ganz ehrlich: Vier Monate sind nach so vielen gemeinsamen Jahren überhaupt nichts. Mach dir bitte kein schlechtes Gewissen, weil du immer noch traurig bist. Und lass dir vor allem von niemandem einreden, wie lange du trauern darfst oder wann es dir wieder gutzugehen hat.
Dieses „Es ist doch niemand gestorben“ finde ich in dem Zusammenhang immer schwierig. Natürlich ist eine Trennung nicht dasselbe wie der Tod eines geliebten Menschen. Ich habe selbst meine Eltern verloren und sehr darunter gelitten, und wenn ich heute darauf schaue, ist der Tod meiner Eltern für mich noch einmal ein anderer und tieferer Schmerz als die Trennung von meiner Frau. Trotzdem finde ich, dass es durchaus etwas Vergleichbares hat.
Denn auch bei einer Trennung verliert man einen Menschen aus seinem Leben. Und nach einer so langen Ehe verliert man ja noch viel mehr. Man trauert um die gemeinsame Zeit, um den Alltag, um all die Selbstverständlichkeiten, um Erinnerungen und auch um die Zukunft, von der man jahrzehntelang gedacht hat, dass man sie gemeinsam verbringen wird. Warum sollte man darum nicht trauern dürfen?
Beim Tod eines Menschen gibt es irgendwann diese schreckliche, aber eindeutige Gewissheit: Er kommt nicht wieder. Bei einer Trennung ist das gerade am Anfang oft anders. Da ist vielleicht noch Hoffnung, da wartet man vielleicht noch, da denkt man, der andere könnte seine Entscheidung doch noch einmal ändern. Gleichzeitig fängt man aber schon an zu trauern. Ich glaube, genau diese Mischung kann es zusätzlich schwer machen.
Deshalb finde ich es völlig normal, dass du nach vier Monaten noch nicht an dem Punkt bist, an dem du sagen kannst: So, jetzt geht es wieder. Und ich finde auch nicht, dass du etwas falsch machst. Du gehst raus, du triffst Menschen, du gehst zur Therapie, nimmst deine Medikamente und versuchst, dich nicht zu verkriechen. Mehr kann man manchmal einfach nicht machen. Nur leider bedeutet all das nicht, dass der Schmerz sofort verschwindet.
Vielleicht musst du auch gar nicht überall mitgehen. Aber ich würde mich deshalb auch nicht komplett zurückziehen. Vielleicht gibt es einen Mittelweg. Geh mit, wenn du das Gefühl hast, dass es dir guttut, und erlaube dir genauso, auch einmal abzusagen oder früher nach Hause zu gehen. Du musst niemandem beweisen, dass es dir wieder gut geht. Und du musst auch nicht ständig diese „Geht schon“-Fassade aufrechterhalten.
Bei mir war es nach meiner Trennung so, dass mein damaliges privates Umfeld fast komplett weggebrochen ist und ich mir ein neues Umfeld aufbauen musste. Nicht, weil ich das unbedingt wollte, sondern weil es einfach so gekommen ist. Bei neuen Bekannten war meine Trennung natürlich auch mal Thema, aber ich wollte dort nicht ständig mit meinen Problemen kommen.
Ich hatte aber zwei Menschen, bei denen das anders war. Über dieses Forum habe ich meine beste Freundin kennengelernt, die es bis heute ist, und ich hatte einen besten Freund, der ebenfalls heute noch da ist. Mit diesen beiden konnte ich meinen Kummer teilen. Und die waren eben nicht nur drei oder vier Monate für mich da. Wenn nach einem Jahr wieder etwas hochkam oder mich etwas beschäftigt hat, konnte ich auch dann noch darüber reden. Sie kannten meine ganze Geschichte und ich musste nichts erklären.
Vielleicht braucht man deshalb auch gar nicht viele Menschen, die alles verstehen. Vielleicht reichen ein oder zwei, bei denen man einfach sagen darf: Heute ist wieder ein beschissener Tag. Ohne dass gleich jemand fragt, warum das denn nach vier Monaten immer noch so ist.
Natürlich glaube ich trotzdem, dass irgendwann der Punkt kommen sollte, an dem man für sich selbst schaut: Was kann ich tun, damit es mir langsam besser geht? Aber eben nicht, weil andere sagen, jetzt müsse es doch endlich mal gut sein. Sondern für einen selbst. Und genau das machst du doch bereits.
Bei dir sind außerdem noch so viele Dinge im Umbruch. Wenn sich irgendwann das Finanzielle und all die anderen Baustellen etwas geregelt und eingependelt haben, wird vielleicht auch im Kopf wieder ein bisschen mehr Platz frei. Und möglicherweise schaut man dann irgendwann anders auf diese ganze Zeit zurück.
Aber bis dahin: Lass dir bitte nicht vorschreiben, wie lange du traurig sein darfst. Nicht vier Monate, nicht sechs und auch nicht acht. Jeder Mensch hat sein eigenes Tempo. Und nach so vielen gemeinsamen Jahren finde ich es überhaupt nicht ungewöhnlich, dass der Blick immer wieder zurückgeht und dass es weh tut.
Ich kann vieles von dem, was du beschreibst, sehr gut nachvollziehen. Und ich drücke dir einfach die Daumen, dass du irgendwann die ersten kleinen Lichtpunkte in dieser momentan noch ziemlich finsteren Zeit siehst.
Bis dahin darfst du trauern. Wirklich. Du musst dich dafür vor niemandem rechtfertigen.
Gruss aus dem Rheinland.