@Mohnblume_
Liebe Mohnblume,
das hört sich für mich überhaupt nicht bockig an.
Ich glaube, ich verstehe ziemlich genau, was du meinst mit: „Nichts von dem, was ich jetzt tun muss, möchte ich.“
Das war für mich lange einer der schlimmsten Aspekte der Trennung.
Ich hatte diese Veränderungen nicht gewählt.
Ich wollte meine Familie nicht verlieren. Ich wollte nicht alleine wohnen. Ich wollte nicht plötzlich überlegen müssen, wie meine Beziehung zu meiner Tochter auf Entfernung funktioniert. Ich wollte mich nicht neu orientieren, Dinge auflösen, Erinnerungen aussortieren und irgendwann ein vollkommen neues Leben planen.
Und trotzdem musste ich plötzlich auf Entscheidungen reagieren, die jemand anderes getroffen hatte.
Das fühlt sich unglaublich unfair an.
Vor allem, wenn man gleichzeitig zusieht, wie der andere scheinbar leichtfüßig in sein neues Leben läuft.
Aber ich glaube inzwischen, dass wir dabei einen entscheidenden Unterschied vergessen:
Wir sind nicht gleichzeitig gestartet.
Der Mensch, der eine Trennung ausspricht, hat häufig schon lange vorher einen inneren Prozess begonnen. Zweifel, Abgrenzung, Gedanken über ein anderes Leben, vielleicht schon neue Gefühle.
Und dann kommt irgendwann der Tag, an dem er seine Entscheidung ausspricht.
Für ihn ist das vielleicht Schritt 47.
Für den anderen ist es Tag eins.
Und anschließend schaut man diesem Menschen hinterher und denkt:
Wie zur Hölle kann der schon so weit sein, während ich morgens kaum aus dem Bett komme?
Ich kenne diesen Vergleich sehr gut.
Meine Ex hatte ihr neues Umfeld, einen neuen Menschen und ein anderes Leben, während ich in Berlin saß und versucht habe zu verstehen, was gerade aus meinen 23 Jahren geworden ist.
Sie hatte Leichtigkeit und ich hatte Fragen.
Sie hatte Nähe und ich lag alleine im Bett.
Sie hatte eine Vorstellung davon, wohin ihr Leben gehen sollte, während ich nicht einmal wusste, wie ich die nächsten Wochen schaffen sollte.
Das hat mich teilweise wahnsinnig gemacht.
Und natürlich war da Neid.
Nicht unbedingt auf ihr konkretes Leben.
Ich wollte irgendwann gar nicht mehr ihr Leben haben.
Ich wollte dieses Gefühl haben.
Verliebt sein. Leichtigkeit. Vorfreude. Jemanden haben, der einen ansieht und einem das Gefühl gibt, gewollt zu sein.
Eine Zukunft, auf die man sich freut, statt vor ihr Angst zu haben.
Genau das, was du gerade beschreibst.
Aber der Vergleich hat mir nichts gegeben.
Er hat mir immer nur gezeigt, was mir vermeintlich fehlt.
Und irgendwann musste ich akzeptieren:
Sein Weg ist nicht dein Maßstab.
Du musst nach viereinhalb Monaten noch keine Ahnung haben, wo dein Weg hinführt.
Vielleicht ist genau das gerade so schwer auszuhalten.
Du kennst das Ziel nicht.
Du weißt nur, dass du weitergehen musst.
Und an manchen Tagen fühlt sich der Weg tatsächlich länger an als die eigene Kraft.
Dann musst du aber nicht den ganzen Weg schaffen.
Dann reicht dieser Tag.
Und manchmal reicht auch einfach nur: Urlaubstasche auspacken, Wäsche anstellen, etwas essen, heulen, früh ins Bett gehen.
Mehr muss Heilung an so einem Tag nicht leisten.
Und bitte unterschätze diesen Satz von dir selbst nicht:
„Ich weiß, dass ich schon viel geschafft habe.“
Das hast du.
Dass es dir heute beschissen geht, löscht keinen einzigen guten Tag der vergangenen viereinhalb Monate.
Du bist nicht wieder am Anfang.
Du hast heute einfach einen schlechten Tag.
Das ist ein großer Unterschied.
Und was deine Kinder betrifft:
Natürlich tut es weh, dass ihre Welt ebenfalls verändert wurde.
Ich kenne diese Gedanken sehr gut. Bei meiner Tochter gab es in den vergangenen Monaten Entwicklungen, bei denen ich gerne alles irgendwie wieder geradegerückt hätte.
Aber ich kann die alte Familie nicht wiederherstellen.
Was ich kann, ist ihr Papa bleiben.
Zuhören. Da sein. Erreichbar sein. Sicherheit geben, wo ich Sicherheit geben kann.
Und genau das kannst du deinen Kindern ebenfalls geben.
Du kannst ihnen nicht ersparen, dass sich ihr Leben verändert hat.
Aber du kannst einer der Menschen sein, bei denen sie erfahren:
Auch wenn sich unglaublich viel verändert – Mama bleibt.
Und noch etwas zu seiner Leichtigkeit.
Du siehst gerade von außen sein Leben.
Du siehst Verliebtheit, Bestätigung, Sommer und Zukunftspläne.
Aber mach dein zukünftiges Glück bitte nicht davon abhängig, wann seines Risse bekommt.
Vielleicht bekommt es welche.
Vielleicht nicht.
Vielleicht blickt er irgendwann zurück und begreift Dinge anders.
Vielleicht auch nie.
Dein Leben darf trotzdem wieder schön werden.
Und dafür musst du heute noch überhaupt nicht wissen, wie dieses Leben aussehen wird.
Ich wusste es auch nicht.
Wenn mir jemand vor einigen Monaten erzählt hätte, wie mein Leben heute aussieht, hätte ich vermutlich nur müde gelacht.
Nicht weil ich irgendetwas besser gemacht habe.
Sondern weil das Leben manchmal anfängt, sich zu verändern, lange bevor man selbst wieder daran glauben kann.
Deshalb geh weiter in deinem Tempo.
Nicht in seinem.
Und wenn heute die Kraft nur bis zum Sofa reicht, dann endet der Weg für heute eben dort.
Morgen geht er weiter.
Du musst heute noch nicht wissen, wohin.
Liebe Grüße
Tim