Das mit den Umarmungen spreche ich deswegen so explizit an, weil sie so gar nicht der Berührungsmensch ist.
Zumindest nicht bei Menschen, die sie entweder gar nicht oder nur oberflächlich kennt wie ich bemerkt habe.
Als ich sie damals auf dem Workshop zum ersten Mal gesehen habe, kam mir spontan die Bezeichnung "icy beauty" in den Sinn. Unnahbar, fast schon arrogant wirkend.
Erst als ich mit ihr ins Gespräch kam und mit ihr zusammengearbeitet habe, stellte sich heraus, was für ein toller Mensch hinter der eisig wirkenden Fassade steckt.
Auf dem Workshop waren sehr viele unterschiedliche Leute zugegen, Leute die sie gut kannte, Leute die sie weniger gut kannte und solche, die sie gar nicht kannte. Ich zählte zu den letzteren.
Und ich konnte gut beobachten, wie differenziert sie mit den Leuten umgeht. Sie war zwar zu jedem freundlich und höflich, aber was körperliche Annäherungen betrifft, war sie sehr zurückhaltend. Größtenteils beschränkte sie sich auf's Händeschütteln.
Leider gab es da auch Leute, die sich sehr "touchy" verhalten haben. Also solche, die einem beim Reden sehr nahe kommen und auch am Arm oder an der Schulter berühren.
Sie hat mir in diesem Zusammenhang gesagt, dass sie das überhaupt nicht mag. Auch dieses Küsschen hier, Küsschen da oder gar Umarmungen bei Menschen, die sich im Grunde total fremd sind, sind überhaupt nicht ihr Fall. Sie hat da so ihre Sicherheitszone, die man nicht überschreiten sollte.
Ich hab bemerkt, wie sie unbewusst leicht zurückgewichen ist, wenn ihr jemand zu nahe kam.
In dieser Hinsicht sind wir total gleich - ich hab da auch irgendwie so meinen Mindestabstand zu Leuten, mit denen ich nicht so vertraut bin.
Und jetzt kommt der Punkt, der für mich so widersprüchlich ist.
Eingangs habe ich erwähnt, dass ich beim zweiten Treffen gemerkt habe, dass sich da bei mir Gefühle für sie entwickeln.
Beim nächsten Treffen wollte ich sie aus der Situation heraus beim Abschied fragen, ob ich sie in den Arm nehmen darf.
Ich hab dann allerdings nicht gefragt, sondern es einfach getan. Irgendwie hat das in dem Moment gepasst und es hat sich richtig angefühlt.
Und wie hat sie reagiert? Überhaupt nicht abweisend, im Gegenteil, ich konnte sogar ihre Hände langsam kreisend auf meinem Rücken spüren. Und vom Abstand her passte da kein Blatt Papier zwischen uns.
Das ist der Punkt, der mich so irritiert. Im Grunde war ich ihr damals ja doch noch irgendwie fremd. Zwar nicht mehr ganz so fremd, aber vertraut halt auch noch nicht. Und dann lässt sie mich ungehindert so weit in diese Sperrzone vordringen?
Bei den folgenden Treffen hab ich sie zum Abschied auch immer so umarmt. Aber in letzter Zeit hat sich das Spiel umgedreht - nun ist SIE es, die auf mich zukommt und auf diese Weise in den Arm nimmt. Den Kopf auf der Schulter des anderen, ganz nah und auch etwas länger.
Ich finde schon, dass die Art und Weise, wie man jemand umarmt, eine Bedeutung hat. Vor allem, bei jemandem, der in Bezug auf Körperkontakt eher zurückhaltend ist so wie sie.
Bei Menschen, die keine Berührungsängste haben, gleich auf jeden zugehen und auch in den Arm nehmen, mag das vielleicht nicht so bedeutungsvoll sein, aber sie ist eben nicht so ein Mensch.
Und ich merke das ja auch an mir selber - Frauen, die ich nur eher flüchtig kenne, umarme ich ebenso flüchtig.
Wenn überhaupt, ich belasse es eher beim Händeschütteln.
Es wurde hier kürzlich erwähnt, dass ich sie anbaggern würde. Das tue ich nicht, ich flirte nicht mit ihr, ich mach ihr keine Komplimente und würde sie auch nicht küssen. Obwohl ich natürlich nichts lieber täte.
Kling paradox, ist aber so. Das ist ja auch mein Dilemma
