Hallo Jules1989,
erstmal herzlichen Glückwunsch zur überstandenen Nacht und der Nicht-Eskalation beim Wiedersehen!
Du hast Dich der Situation gestellt und er war heftig anstrengend, aber Du bist nicht baden gegangen und keiner kam zu schaden. Das ist ein mega Erfolg, der Dir hoffentlich mehr Selbstsicherheit gibt.
Zu ihren Selbsterklärungen: Kann stimmen, oder auch nicht. Spielt im Detail für Dich aber keine Rolle, weil Du eh nicht ihr Arzt, Therapeut, Partner oder Betreuer bist. Ob und wie sie sich um ihre Baustellen kümmert, ist ihr Thema und es wird Dir gut tun, Dich da nicht reinziehen zu lassen. Ich habe zuletzt sogar abgelehnt, mir irgendwelche Berichte von Behandlungen oder Plänen anzuhören, weil das dann nur mierfrei in meinem Kopf wohnt und ich meinem Ex-Partner die Verantwortung für seine Gesundheit vollumfänglich zurück gegeben habe und auch nicht mehr als "offenes Ohr" bzw. Seelenmülleimer zur Verfügung stehe.
Das einzige, was Du aus ihren Berichten rausnehmen kannst, ist: Es geht ihr schlecht. Und zwar so schlecht, dass sie eventuell nicht immer zuverlässig oder regelmäßig die Betreuung der Kinder übernehmen kann.
Ich hab das so für mich gelöst:
1. Sich so aufstellen, dass die Kinder und ich keinen organisatorischen oder finanziellen Probleme bekommen, wenn das andere Elternteil komplett und endgültig ausfiele. Bei Dir muss also eine Leihopa oder eine Leihoma her oder ein Babysitter oder ein Netzwerk aus anderen Eltern, die die Kids abholen und versorgen können, wenn Du Dir morgen ein Bein brichst und eine Woche im Krankenhaus liegen musst. Sei bitte organisatorisch in jedem Fall und emotional weitgehend davon unabhängig, ob sie geplante Betreuungszeiten wahrnehmen kann oder nicht.
2. Den anderen fragen, wie und in welchem Umfang er/sie sich einbringen will(!). Dabei definitiv darauf hinweisen, dass es für die Kids schonender ist, ein Mal die Woche verlässlich zu videophonieren, als zwei Mal die Woche sich auf Zeit mit Mama zu freuen, die häufig abgesagt werden muss. Das hat bei mir geklappt, weil ich die Tür stets offen gelassen habe, dass er jederzeit spontan, wenn es ihm gut geht und er Zeit hat, die Kids besuchen oder mitnehmen kann. Das passiert bei uns in der Realität vielleicht zwei Mal im Jahr. Aber es ist ihm wichtig, dass er jederzeit könnte, wenn er wollte. Das nimmt den Druck.
3. Und dann bei jedem Umgang abchecken, ob sie wirklich auch so erscheint, als sei sie in der Lage, die Kinder körperlich und seelisch in Sicherheit zu halten. Das ist das Kniffeligste, weil man schon sehr an sich arbeiten muss, die eigenen Ängste von der realen Gefahr zu unterscheiden, zumal wir ja immer auch nur vor den Kopf schauen können. Bei mir sind in 2 Jahren zwei Vorfälle gewesen, wo meine Einschätzung nicht gepasst hat und ein Kind ein Mal körperlich und ein Mal seelisch eine Verletzung erlitten hat, die bei einem stabileren Elternteil vermutlich nicht passiert wären. Dafür habe ich aber auch bestimmt in zwei, drei Situationen aus einer Übernachtung nur einen Spielplatzbesuch werden lassen bzw. den Vater gebeten, ganz zu gehen, wo vielleicht nichts passiert wäre, aber mein Bauchgefühl mir Alarm gegeben hat, dass er zu sehr neben sich steht. Wichtig ist dabei, dass ein neues Vertrauensverhältnis entsteht, dass es Dir nicht darum geht, ihr irgendwas wegzunehmen oder sie für irgendwas zu bestrafen oder zu verurteilen, sondern dass es wirklich nur darum geht, dass die Kinder mit so wenig Schaden wie möglich durch die Kindheit kommen. Ich biete immer an, dass sich alles nachholen lässt, sobald es ihm wieder etwas besser geht. Z.B. dass er sich heute mit ins Kinderzimmer setzt und sich dann ein paar Tage erholt und dann mit neuer Kraft den Zoobesuch angeht. Dabei ist natürlich wichtig, dass Du diese "Spontanität" auch gut den Kindern vermittelst. Bei uns gibt es für Pläne immer gemalte Bilder. Wie so eine Art Gutschein, die an die Türzarge gehängt werden, wenn mal was ausfallen oder verschoben werden muss. Damit die Kinder wissen, dass etwas, worauf sie sich gefreut haben, nicht ins Wasser gefallen ist und betrauert werden muss, sondern sich nur etwas verzögert und man sich einfach noch etwas gedulden muss und länger darauf freuen kann.
Da Papa durch seine Situation hier sehr selten ist, lasse ich ihm die meisten Highlights wie Jahrmarktbesuche, Zoobesuche etc. Dadurch wirkt er präsenter als er eigentlich ist.
Das wird eine ziemlich (auch emotional) anstrengende Zeit für Dich. Aber den ersten Schritt hast Du schon gemeistert und den Rest schaffst Du auch. Immer eine Aufgabe pro Tag planen, falls mehr geht, ist das ein Bonus. Und an manchen Tagen muss "satt und sauber" reichen und die Geborgenheit besteht nur aus abendlichem gemeinsamen Hörbuch anhören, bei dem Du neben den Kinderbetten schneller eingeschlafen bist als sie. Meine Kids haben auch viele Nächte in meinem Bett verbracht, um sich die nötige Sicherheit in dem ganzen Tohuwabohu zu holen. Da gibt's dann kein Richtig oder Falsch, sondern nur ein "das ist jetzt mal so - besser ging es gerade nicht".