Jules1989,
hier mal ein Denkansatz, der Dir hoffentlich hilft, Deine Erwartungen etwas zu kalibrieren.
Stell Dir vor, Deine Frau hätte einen schweren Autounfall gehabt oder einen Herzinfarkt und wäre 7 Wochen in einer Klinik gewesen und jetzt 3 Tage zu Hause.
Hättest Du dann den Kindern gesagt, dass Mama sich noch schonen muss und noch nicht mit ihnen basteln kann?
Wärst Du dann wütend geworden, weil sie nur eine Maschine Wäsche gemacht hat und auf Abendessenkochen keinen Bock hat?
Könntest Du Dir dann erklären, warum sie abweisend und abwesend wirkt, Du nicht an sie herankommst und sie eine Standleitung hat zu Leuten, die ähnliches erlebt haben?
Ich finde es auch einen absoluten Gewinn, dass bei euch nicht die Türen knallen und keiner die Polizei ruft, um den anderen der Wohnung zu verweisen.
Geh davon aus, dass Du (wie bei jemandem, der vor 7 bzw. 5 Wochen einen Herzinfarkt oder schweren Autounfall hatte) nach wie vor alleinerziehend bist und den Kindern immer mal wieder sagen musst, dass Mama noch nicht wieder so kann, wie sie gerne möchte, aber Du jetzt was mit ihnen machst.
Kleiner Tipp: Hab bitte auch an Dich nicht die Erwartung, dass Du jetzt jeden Tag die Rama-Familie aufrecht erhalten müsstest. Du saßt bei dem Unfall auf dem Beifahrersitz und musst nicht jeden Tag mit den Kindern basteln und backen. Auf dem Sofa liegen und ein Buch lesen, während die Kinder auf dem Teppich spielen, oder gemeinsam Musik oder ein Hörbuch hören, während die Kinder malen und Du Dich im Internet über alles mögliche schlau machst oder die Wäsche zusammen legst, reicht vollkommen, um für die Kinder präsent zu sein. Vergesst auch nicht, immer mal wieder Regenstiefel und -jacken anzuziehen und eine Runde um den Block zu drehen. Frische Luft und Bewegung ist gut für die Nerven.
Als kleines Ritual gegen Stress und emotionale Anspannung hilft tiefes Bauchatmen. Machen wir 3 Mal am Tag für die Übung und immer dann, wenn die Nerven blank liegen: Vier Taktschläge so tief einatmen, dass der Bauch sich wölbt wie beim Weihnachtsmann (und das ist am Anfang und besonders unter Anspannung gar nicht so leicht. Deshalb üben wir das auch, wenn's allen gut geht). Und dann 6 Taktschläge ausatmen. Kann man 3 Mal oder 10 Mal hintereinander machen und Du wirst den Effekt spüren.
Die Profis achten beim Atmen auf einen geraden Rücken mit tief hängenden Schultern.
Mit kleinen wuseligen Kindern kannst Du auch "Geburtstagskerzen auspusten" machen. Du hebst so viele Finger wie das Kind alt ist und forderst es auf, die Fingerkerzen einzeln auszupusten. Sobald Du einen präzisen und starken Luftstrom an einem Finger spürst, klappst Du ihn nach unten. Bis alle Kerzen ausgepustet sind. So bekommt man auch die Kleinen zum tiefen Einatmen und langsamen, kontrollierten Ausatmen.
Für Situationen, in denen alle hektisch sind oder die Kinder sehr abwesend erscheinen, kannst Du mir ihnen das "5, 4, 3, 2, 1 Spiel" spielen. Es hilft, in die eigene Wahrnehmung, in den eigenen Körper und ins Hier und Jetzt wieder zurückzufinden. Nacheinander sagt jeder erst 5 Dinge, die er jetzt gerade von hier aus sehen kann. Jede Kategorie darf nur ein Mal genannt werden. Also nur ein Mensch, den man sieht, ein Möbelstück, ein Plüschtier, etc. Danach nennt jeder 4 Dinge, die er aktuell an seinem Körper spüren kann. (Das kann man bei kleinen Kindern auch etwas anleiten, indem man fragt, ob sie den Stuhl unter ihrem Po spüren können oder die Socke an ihrem Fuß). Dann 3 Dinge, die man jetzt gerade hört. Die Geräusche dürfen benannt oder nachgemacht werden. Dann 2 Dinge, die man jetzt gerade riecht. (Da darf neben der Beschreibung der Raumluft bzw. Außenluft auch an den eigenen Haaren, der Kleidung oder Sachen, die um einen herum.greifbar sind, geschnuppert werden, um auf zwei unterschiedliche Gerüche zu kommen.) Und am Ende eine Sache, die sie jetzt gerade schmecken können.
Dauert nur ein paar Minuten, geht zu Hause genauso wie auf dem Fahrrad, im Auto oder an der Supermarktkasse und "erdet" die Kinder ganz gut.
Am besten macht man die Spiele die ersten paar Male, wenn die Kids gut drauf sind, damit sie die Abläufe schon kennen, und dann regelmäßig immer wieder, damit sie nicht mehr drüber nachdenken, wenn Du es dann später gezielt machst, um sie aus einer negativen, angespannten oder aufgeregten Stimmung rauszuholen.
Lest ihr abends vor dem Schlafengehen was vor?
Ich habe das ganz gezielt in unseren stressigsten Phasen so lange gemacht, bis die Kids dabei eingeschlafen sind. Am besten lange Bücher, die Kontinuität bieten. Egal, was tagsüber passiert und wie es uns geht, abends geht's mit geputzten Zähnen ins vorgewärmte Bett und wir lesen bei Jim Knopf oder Artemis Foul oder der Schule der magischen Tiere weiter. Erst erzählen die Kinder, bis wohin sie es noch erinnern (weil sie ja dabei eingeschlafen sind) und ab da geht's weiter. Und sie können sich darauf verlassen, dass es auch morgen Abend genauso sein wird, egal, wo wir sind, wie der Tag war und wo Mama/Papa ist.
Ein anderes Abendritual, das ich seinerzeit mit dem Großen gemacht habe, ist zunächst die 3 blödesten Dinge des Tages zu erzählen. (Gute Tage sind die, bei denen ihnen nicht mal 3, sondern nur eine Sache einfällt. Besonders gute Tage, wenn die eine blöde Sache das Wetter war.) Und dann 3 Dinge, die schön waren. (Die Reihenfolge ist wichtig, damit der Augenmerk vorm Einschlafen auf das Positive gerichtet ist.) Und dann 3 Sachen, die sie sich für den nächsten Tag wünschen. (Da war bei uns z.B. auch dabei, dass es nur dann regnen soll, wenn wir nicht draußen sind, oder leckeres Essen oder sehr beliebt "dass alle netten Leute da und die Doofen in Urlaub sind". Manchmal sind aber auch echte kindliche Bedürfnisse unter den Wünschen. Die verpasst man dann nicht und kann sie vielleicht erfüllen.)
Ich hab in den größten Stressphasen die Schlafenszeit der Kinder auch strikt an meinen Energiepegel angepasst. Zeit, sich den Schlafanzug anzuziehen spätestens dann, wenn Mama noch genau 1 Stunde Restenergie im Tank hatte. Lieber die Kinder früher und mit vollständigem Abendritual ins Bett schicken, als die "übliche" Zeit abzuwarten und dann nicht mehr genug Kraft haben, um sie gut und sicher in den Schlaf zu begleiten. Sonst wird zu viel vom familiären Stress mit in die Nacht genommen und Du hast nachts mit schlechten Träumen aufwachende Kids, die dann auch tagsüber extra sensibel sind und sich mit Deinem Schlafdefizit zusätzlich hochschaukeln.
Sind alles nur Tipps von "Veteranen". Du findest mit Deinen Kids einen eigenen Weg, Geborgenheit und Sicherheit zu schaffen. Du schaffst das!