Zitat von MK177orange:Man redet ja oft im Zusammenhang mit dem Fremdgehen vom Verzeihen.
Im täglichen Leben geht einem „ Ich verzeihe Dir. " schnell über die Lippen.
Meistens sagt man es anders. Ist schon gut oder so in der Art.
Ja, das stimmt.
Ich persönlich nutze den Satz "ich verzeihe Dir" eigentlich auch nie. Er ist mir zu groß, zu thetralisch, zu gönnerhaft. Vielleicht auch zu endgültig.
Denn verzeihen ist ja das Ende eines Prozesses. Man verarbeitet und kann oft selbst nicht wirklich benennen wann der Punkt "done" tatsächlich da ist.
Ganz oft kommt er still und leise und ganz für einen selbst. Und es würde gar nicht passen das dann in Worte zu fassen.
Zitat von MK177orange:Was bedeutet es aber im Hinblick auf Fremdgehen ? Was ist dazu notwendig ?
Rationales Verstehen, emotionales Verstehen, Vergessen, Verdrängen, neues Vertrauen ?
Was notwendig ist, hm, ich glaube ein allgemein gültiges "Rezept" gibt es nicht.
Für mich passt das was Du aufgeführt hast schon.
Rationales Verstehen - begreifen und akzeptieren das es nichts mit mir selbst zu tun hatte. Es war nicht gegen mich gerichtet, es hat mich "nur" mitbetoffen.
Es war eine vom Partner in erster Linie für sich selbst getroffene Entscheidung.
Emotionales Verstehen - erkennen das es Situationen, Entwicklungen, Umstände gibt in denen Menschen eben nicht den "geraden, korrekten, richtigen, ..." Weg gehen, anders handeln als man es sich gewünscht hätte.
Und das dies selbst für den über alles geliebten und vertrauten Menschen gilt, von dem man anders dachte, für den man die Hand ins Feuer gelegt hätte.
Vergessen - nein, man vergisst es nicht. Niemals. Es verliert aber nach und nach an Wichtigkeit, bestimmt die Gedanken und Gefühle nicht mehr, verstaubt in einem Regal im Keller.
Verdrängen - ab einem gewissen Punkt ja. Nämlich dann wenn mans gründlich genug von allen Seiten aus betrachtet, durchleuchtet, seziert und besprochen hat. Was durchaus längere Zeit dauern kann und darf.
Aber irgendwann muss es ins besagte Kellerregal gepackt werden, weil alles drehen und wenden nichts mehr erklärt und verändert.
Zitat von MK177orange:Viele berichten ja das sie es nie wieder aus dem Kopf bekommen und es im wieder Momente gibt, wo es einen einholt bzw. man daran erinnert wird.
Es gehört dazu, wird immer ein Teil der Geschichte dieser Beziehung / Ehe sein.
Anfangs ist es minütlich präsent, dann nur noch stündlich, irgendwann mehrmals täglich, später vielleicht nur noch an einigen Tagen der Woche, des Monats. Und klar kommts auch nach Jahren immer mal wieder in den Kopf. Aber es schmerzt nicht mehr, es ist nicht mehr besprechenswert. Man weiß noch genau wie man sich gefühlt hat damals als es aktuell war, aber man empfindet das nicht mehr, es ist lediglich die Erinnerung an diese Gefühle.
Zitat von MK177orange:Ist es überhaupt möglich etwas zu verzeihen, was einem bei passender oder unpassender Gelegenheit durch den Kopf geht bzw. in bestimmten Situationen anfängt zu beschäftigen?
Der eine kanns, der andere nicht.
Ich bin ein Mensch der gelernt hat es zu können.
Hätte man mich mit 20 gefragt hätte ich wohl geantwortet "nein, fremdgehen würde ich niemals verzeihen". Und hinzugefügt "und ich selbst würde das auch nie tun!'
Inzwischen bin ich Mitte 40 und habe einiges an Lebenserfahrung gewonnen und vieles an Naivität und Blauäugigkeit verloren.
Mag desillusioniert klingen, ist es vielleicht auch.
Aber inzwischen halte ich es für durchaus nachvollziehbar, ja fast normal, das sich zwei Menschen, vor allem in einer langen Partnerschaft, nicht immer gleichmäßig entwickeln.
Im Gleichschritt den selben Weg gehen, in die gleiche Richtung sehen, allzeit identisch denken und auf dem selben Level fühlen.
Jeder Mensch hat Bedürfnisse, Sehnsüchte, ist unsicher, lässt sich mitziehen oder verführen, möchte gerne mal eine andere Rolle leben, ergreift spontan Gelegenheiten, verliert die Kontrolle.
Und hat Gedanken die er seinem Partner nicht mitteilen kann oder möchte. Was auch okay und verständlich ist, man ist ja nicht nur Paar, man ist ja auch noch Einzelperson.
Und last but not least, jeder Mensch macht Fehler, tut Dinge die er irgendwann selbst nicht mehr versteht, sich hätte sparen können, nicht genau erklären kann, bedauert, vielleicht sogar bereut und vergessen will.
Kennt jeder von uns, hat jeder bei sich selbst erlebt, versteht jeder bei andern.
Nur eben beim eigenen Partner nicht, da kommt immer wieder der Gedanke "wie konnte er
mir das antun".
Ich denke genau das ist die "Kunst" des verzeihen könnens, sich bewusst zu machen das mir dadurch eben nichts von ihm/ihr angetan wurde.
Ich denke das (fast) jeder Mensch der fremdgeht seinen Partner in dem Moment, wäre das möglich, gerne kurzfristig und vorübergehend "löschen" würde. Oder sich selbst nebst der " Affäre" mal eben wegbeamen, in eine Raum-Zeit-Blase in der nichts zählt von dem was dort passiert.
Weil er ihn eben nicht verletzen will, sondern lediglich eine Weile lang nur an sich selbst denken.
Betrogen zu werden ist eine Erfahrung auf die man gut verzichten kann, ja.
Für mich bleibt mein Partner aber dennoch der selbe Mensch wie vorher, auch wenn ich einen "neuen Teil" von ihm kennen gelernt habe den ich nicht erwartet hätte und der mir nicht gefällt.
Aber der gehört eben auch zu ihm und mit ein wenig Gedankenakrobatik, einer Portion Nüchternheit, einer Prise Wohlwollen und, ganz wichtig, dem wegkommen von den Gedanken "ich mach mich zum Volldeppen wenn ich verzeihe" und stattdessen hin zu "es ist eine Form von Stärke den andern so zu nehmen wie er ist" kann man, kann ich, konnte ich damit umgehen.
Wird sicher nicht bei jedem funktionieren aber wer verzweifelt nach einem Weg sucht damit klar zu kommen kann ja, evt, die ein oder andere Sichtweise davon mal ganz vorsichtig antesten
