Zitat von Scheol: Ist das ernst gemeint von dir ?
Ich bin nie auf die Idee gekommen.
Mir wurde Borderline diagnostiziert.
Aber irgendwie passte ich für mein Gefühl einfach in keine Schublade.
Ich war nicht reguliert und leistungsstark wie die Normalen.
Nicht so krass und extrem wie die Borderliner.
Ich verschwendete meine Zeit damit, mich innerlich zu zerfleischen, mit welchem Recht ich denn so ein heulendes Häuflein Elend bin, wo mir doch nie was Schlimmes passiert ist.
Ich las Autobiografien von Missbrauchsopfern, auf der Suche nach verschüttteten Erinnerungen.
Und verwarf diese Idee, denn da waren keine Erinnerungen an Missbrauch.
Also doch das invalidierende Umfeld?
Konnte ich damals nirgends entdecken. Heute sehe ich einiges, was ich bei meinem Kind anders mache, und frage mich bei Kommentaren wie "Lass ihn halt einfach mal schreien! Ihr verwöhnt ihn":
Wie lang hat man mich schreien lassen?
Hängt es damit zusammen, dass ich bis zum sechsten Lebensjahr am Daumen gelutscht habe?
Heute sehe ich die aufbrausende Ungeduld meiner Mutter und das Wortabhacken meines Vaters und frage mich:
waren die schon immer so?
Und sehe, dass ich da so manches mitgenommen habe an Verhaltensweisen (Niederbrüllen, nicht zuhören, Ungeduld, Hektik), die ich abzulegen versuche.
Ich kriege es jetzt mit, gespiegelt von meinem Mann und bemühe mich, da nicht wie meine Eltern zu werden.
Zitat von Scheol: Dein System scheint etwas drüber zu sein aus einem oder mehreren Gründen. Kommt nicht von ungefähr.
Mein System schien schon früh nicht richtig justiert; oder ich passte einfach nie ins bestehende System.
Mit der Grundschule begannen Kopf- und Nackenschmerzen.
Und häufigeres Fehlen als bei anderen.
Ich haderte von klein auf mit meinem Bauch; er war vorstehend und jeder sagte, ich sei dick.
Nur Mama steuerte dagegen, aber sie kam nicht gegen den Rest der Welt an.
Bis zu meinem 15. Lebensjahr war mein BMI im Normalbereich. Aber da war ich schon bald ein Jahrzehnt lang überzeugt, dick zu sein. War dann irgendwie auch scheizegal, als ich tatsächlich übergewichtig wurde.
Ich denke, da spielen dickenfeindliche Kommentare und Ansichten von Vater und Oma väterlicherseits eine große Rolle; Oma sagte mehr als einmal, ich sei zu dick.
Ja, das sagte sie gerne, um mich im nächsten Atemzug für meinen Appetit zu loben und mit mehr Essen zu versorgen.
Widersprüchlich, wenn ich es mit meinen heutigen Augen betrachte. Mama hat sie immer zurecht gewiesen.
Aber gehört ist gehört. Und Papa schwieg sich aus.
Kopf- und Nacken wurden von unzähligen Ärzten abgeklärt, im Krankenhaus, bei einer Warzenbesprecherin.
Ich erinnere mich, wie die Warzenbesprecherin mich ansah und sagte: "Du bist eine gute Schauspielerin, oder?" nachdem MAma die Gesamtsituation geschildert hatte.
Und ich ging nie wieder da hin. Ich fühlte mich schuldig und ertappt. Und zugleich zu unrecht verurteilt.
Ich hatte tatsächlich immer wieder mal heftige Schmerzattacken, wo mir Hören und Sehen verging. Wo ich als Kind sagte, dass ich tot sein will. Irgendwie war ich schon früh recht dramatisch... Meine arme Mama.
Aber ich konnte ja auch nichts dafür.
Solche Attacken hatte ich aber eher abends oder nachts.
Ich hatte tatsächlich ganz schnell spitz gekriegt, dass ich mit Kopfschmerzen zuhause bleiben darf und es genutzt.
Weil ich Mamas Liebe und Aufmerksamkeit genoß, dass im-Bett-bleiben, den ganzen Tag Buch lesen und nicht raus in die Welt gehen.
Homöopathie war das einzige, was half. Nicht hundertprozentig, nicht immer, aber soviel mehr als alles davor.
Die Fehlzeiten wurden trotzdem in jedem Jahr mehr.
Nur in einem Halbjahr hatte ich nicht einen Fehltag; 9.Klasse, zweites Halbjahr - die Zeit, als Papas Alk. nicht mehr kaschierbar war und meine Familie zerbröckelte.
Ich weiß gar nicht, warum ich nicht zur Schule wollte.
Manchmal ne Mathearbeit und ich hatte den Stoff nicht verstanden. Referat steht an und ich will nicht.
Meist immer das: Angst zu versagen. Ich wurde nicht getadelt für eine fünf, sondern getröstet.
Aber ich habe es mir übel genommen. Nicht schlau genug zu sein.
Eigentlich ging ich gern zur Schule, hatte meinen kleinen, stabilen Freundeskreis, in dem ich sicher war, wurde nie gemobbt, hatte gute Noten. Aber stand etwas Ungemütliches an, hatte ich nun etwas gefunden, um den zu entgehen.
Oder kriegte wirklich Kopfschmerzen und dann musste ich auch kein schlechtes Gewissen haben, warum ich nicht WIE ALLE ANDEREN zur Schule gehe.
Zitat von Scheol: Gab es davor ein Ereignis was für dich als schlimm bewertet werden würde ?
Eigentlich nicht. Schlimm war der Verlust meines Vaters, denn ich konnte ihn nicht akzeptieren, wenn er trinkt.
Mochte seine betrunkene, redseelige, gefühlsduselige Art nicht. Und sprechen konnte ich auch nicht. Mit keinem. Ich wollte nicht, dass irgendwer das weiß.
Einmal waren wir morgens allein in der Küche, weil ich so früh wach war.
Und ich war so traurig, dass ich endlich mal was sagte.
Ich fragte ihn: "Bist du glücklich, wie es ist?" Mit Tränen in den Augen.
Er sagte: "Nein." Und sah auch so unendlich traurig aus.
"Warum hörst du nicht einfach auf?"
Ich weiß gar nicht, ob er nicht geantwortet hat oder ich rausrannte.
Ich glaube, erst das eine, dann das andere.
Heute, mit eigener Alk., verstehe ich natürlich etwas mehr.
Wie man etwas lassen wollen und trotzdem machen kann.
Und dass es auch für ihn keine schöne Erinnerung ist.
Ich wollte mich um die Zeit rum meiner besten Freundin anvertrauen. Aber auf den Satz, dass mein Papa trinkt (und der kam mir kaum über die Lippen), reagierte sie nur mit einem betretenem "Oh..." und erzählte dann von ihren Problemen.
Ich hatte von Anfang an die Rolle der Seelentrösterin eingenommen in dieser Freundschaft; und ich wollte und mochte diese Rolle sehr. Wollte wichtig für sie sein und ihr helfen.
Bis ich eigene Probleme hatte, die keinen Raum fanden.
Ich versuchte nie wieder, ihr davon zu erzählen. Und kotzte innerlich auf sie ab, wenn sie mich mit ihren Problemen zutextete, von denen ich nichts mehr hören wollte.
Ich war in mein Schneckenhaus gekrochen und schwieg, bis ich in die Psychiatrie kam.
Wo ich die psychologischen Gespräche immer wieder durch "aktive Passivität" beendete; die Frage geht mir unter die Haut? Dann sitz ich da und sag nichts mehr, bis ich gehen darf.
Ich fand die gesamte Zeit irgendwie nicht prall.
Ist vielleicht eher das Zusammenspiel vieler ungünstiger Verläufe gewesen, dass mich so aus der Bahn warf als eine einzelne spezifische Situation.
Zitat von Scheol: Woher kommt der Hass ?
Oh, das habe ich mich auch schon so oft gefragt.
Fühlte sich immer an wie fremdeingepflanzt.
Vielleicht ein Haufen gehässiger Stimmen, die mit den falschen Sprüchen versuchten zu erziehen?
Eine Menge dummer Worte, die ohne großes Denken in die Welt und kleine Kinderherzen gesetzt werden.
Jedenfalls spricht meine innere Stimme hässlich, vorwurfsvoll und mit vielen Schimpfwörtern. Ich glaube und hoffe nicht, dass so mit mir umgegangen wurde erinnere mich auch nicht an sowas. Aber es gibt ja auch Dinge die einen prägen, bevor das Gedächtnis vollständig ausgereift ist.
Ich werde es nie erfahren. Aber meine Eltern sind gute Menschen.
Zitat von Scheol: Wo kommt den schlechtfühlen her ?
Vom nicht Funktionieren.
Vom Feheln, das auffällt und kommentiert wird.
Von Erwartungen, die ich an mich habe - und dann einfach drauf scheize und gar nichts mache.
Von zu vielen Gedankenspiralen, die ich zu unterbrechen lernen musste.
Von dem Gefühl, unbedingt stark wirken zu wollen, sein zu wollen - und der Unfähigkeit, den eigenen Tränenfluss zu stoppen.
Zitat von Scheol: Also wortlos = unausgesprochenes….
Ich hab mein Leben lang gerne gelesen und geschrieben.
Aber immer wenn es darauf ankam - stand ich wortlos da.
Obwohl es in mir brodelte vor Worten.
Aus Angst, was Falsches zu sagen, zu denken, zu fühlen - erstarrte ich in der Situation und implodierte hinterher, wenn ich für mich war.
Zitat von Scheol: Der Verlust des Zuhauses , der Heimat ……?
Ja, das traf mich hart.
Noch heute kommt manchmal beim heftigen Weinen unvermittelt der Gedanke "Ich will nach Hause" in mir hoch.
Da sitze ich, 35 Jahre alt in meiner eigenen Wohnung und denke mir: Ich bin doch zuhause!
Aber zuhause ist wahrscheinlich eine Person, die mich tröstet.
Ist mein Mann da und mir zugewandt, kommt der Gedanke nicht.
Zitat von Scheol: Oder weil du Mama nicht allein lassen konntest ? Parentifizierung?
Safe Space.
Mama hat mich nicht mit ihren Gefühlen behelligt. Die Geschichte mit Papas Fremdgehen weiß ich nur, weil ich sie einmal belauschte, als sie am Telefon weinend einer Freundin ihr Herz ausschüttete.
Für mich hat sie den Fels gespielt. Bis ihre eigenen liegengelassenen Baustellen (Bluthochdruck, zuviel Arbeit, Zig., Stress) ihr den Boden unter den Füßen wegrissen.
Zitat von Scheol: Ging es langsam zur 5 oder 6 Stunde zum Schulschluss , Stief die Anspannung die Angst.
Nein, ich war einfach nur nicht mehr gerne zuhause. Wollte meinen Vater nicht sehen, um das alles wegzuschieben, was nicht sein sollte und nicht darüber nachzudenken und vor allem - nichts davon fühlen.
Zitat von Scheol: Gab es dafür Ärger ?
Ich weiß nicht.
Ich erinnere mich an Weisheiten wie "Indianerherz kennt keinen Schmerz":
Ich erinnere mich, dass ich als Kind immer von Mama getröstet wurde.
Aber ich erinnere eine Situation, ohne Kontext, ohne Alter oder Zeitspanne:
Klein Löwenzeh weint laut auf dem Bett. Mit offener Tür.
Und ich heul und heul und heul und wundere mich: Warum kommt Mama nicht? Hört sie mich nicht?
Ich stupse die Tür noch weiter auf, für den Fall, dass sie mich nicht hört.
Um sicherzugehen, dass sie mich hört.
Aber anders als gewohnt und erwartet, kommt niemand.
Das war eine schlimme Erkenntnis in dem Moment.
Mehr weiß ich nicht.
Hat es 5 Minuten gedauert? Oder 15? War ich 5 oder 10 Jahre alt?
Hab ich ständig demonstrativ geheult und versucht, darüber meinen Willen zu bekommen?
Warum war ich so manipulativ?
Oder war mir unrecht getan wurden und ich hatte Grund zu weinen und wurde allein gelassen?
Ich könnte meine Mutter verstehen, wenn ich emotionale Erpressung über Tränen betrieben habe.
Das muss man halt lernen, dass man nicht immer nur laut weint und dann kommt einer.
Vielleicht sollte ich zu ihr kommen. Vielleicht bin ich danach zu ihr. Keine Ahnung.
Ich weiß nur noch das demonstrative Heulen und das schreckliche Gefühl von "Mama kommt nicht".
Wahrscheinlich hatte Papa sich zur Abwechslung mal durchgesetzt, Mamas Erziehung hinterfragt und sie hat es ausprobiert?
Ist das überhaupt relevant? Ich weiß es nicht.
Einfach nur die Erinnerung an ein hässliches Gefühl.