Zombie-Lady
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Wir sind beide recht bedröppelt und irgendwie vor den Kopf gestoßen, als wir danach langsam zum Auto zurückgehen. Zwar ist uns schon lange klar, dass wir feststecken. Dass wir nicht mehr glücklich sind. Aber insgeheim hatten wir gehofft, dass wir schon wieder zueinander finden könnten, wenn wir von einem Profi die richtigen Werkzeuge und Tipps an die Hand bekämen.
Es war nie die ganz große Leidenschaft zwischen uns. Zu tief die Wunden der Vergangenheit, meine traumatisch gescheiterte Beziehung, seine zerbrochene Ehe. Aber wir vertrauten einander, waren gute Freunde, konnten uns aufeinander verlassen. Gemeinsam war es so viel besser als alleine. Gemeinsam waren die Abende nicht so leer, die Wochenenden nicht so einsam. Aus Freundschaft wurde mehr. Ich habe für diesen Schritt lange gebraucht. Er hatte in dieser Zeit viel Geduld mit mir. Konnte warten. Beständig. Verlässlich.
Im Grunde haben wir uns miteinander begnügt. Das Leben hatte uns verletzt. Unsere einstigen Träume waren geplatzt. Deshalb lag in der zweitbesten Lösung ein großer Trost. Und es funktionierte, viele Jahre lang! Wir kauften ein Haus, renovierten wie die Wilden, adoptierten ein Kätzchen, genossen unser kleines Paradies und machten schöne Urlaube.
Doch vor ein paar Jahren wurde es immer mühsamer. Meine Ärztin entdeckte bei mir gleich drei Autoimmunerkrankungen. Mit jedem Tag fühlte ich mich schwächer und kränker. Heilung gibt es nicht, nur Linderung der Symptome. Mein sicher geglaubter, geliebter Job wackelte. Es wurde nicht gerne gesehen, dass ich ständig ausfiel. Wir schraubten unsere Ansprüche an das Leben herunter. Doch das Schicksal war noch nicht mit uns fertig.
Eines Nachmittags summte mein Handy: "Ich hatte einen Unfall. Sie bringen mich in die Klinik", stand da in dürren Worten. Sein Bein - zerschmettert. Sechs OPs, eine Menge Chirurgenstahl, Krücken, lange Zeit im Krankenhaus, Physiotherapie. Starke Schmerzen. Brandblasen am ganzen Körper. Unser Leben geriet endgültig aus den Fugen. Auf einmal machte nichts mehr Freude. Alles wurde unerträglich schwer. Wir hatten keine Hilfe von Freunden oder der Familie. Zwei kaputte Menschen, am Ende ihrer Kräfte.
Der Unfall ist nun ein paar Jahre her. Meinen Job musste ich inzwischen aufgeben. Arbeite stundenweise von zu Hause aus, so viel ich eben schaffe. Auch er arbeitet wieder. Doch die Freude daran kehrte nie zurück. Er wird nie wieder richtig laufen können, nie wieder joggen, nie wieder tanzen. Das Transplantat ist nie richtig angewachsen und plagt ihn Tag und Nacht. Sein Zombie-Bein .
Es fühlt sich an, als hätte man uns mit einem Strohhalm jedes Fünkchen Freude und Leben abgesaugt. Wir sind beide Zombies! Warum haben uns die harten Zeiten nicht zusammengeschweißt? Warum driften wir auseinander? Sollen wir nach all dem Elend nun auch noch einander verlieren? Wenn ich in seine leeren Augen sehe, ist dort keine Freundschaft mehr. Keine Zuneigung, nicht einmal schwaches Interesse. Wir leben nebeneinander her, stumm und verzweifelt. Der Therapeut hat sicher Recht: Diesen Sumpf durchwaten wir nicht in ein paar Wochen.
Und ich beginne mich zu fragen, ob ich überhaupt einen Sumpfspaziergang machen möchte …
und frag nach.