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Wie unsere Beziehung retten? Gemeinsam zur Paarberatung

Zombie-Lady

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Gestern waren wir bei der Paarberatung. Unser erster Termin bei einem neuen Therapeuten. Ein netter Typ, der einen kompetenten Eindruck macht. Dass Sie beide sich völlig entfremdet sind, sieht man Ihnen schon von Weitem an, sagt er nach einer guten Stunde. Ihr Weg da raus wird lang. Und hart. Sowas erledigt sich nicht innerhalb von ein paar Wochen.

Wir sind beide recht bedröppelt und irgendwie vor den Kopf gestoßen, als wir danach langsam zum Auto zurückgehen. Zwar ist uns schon lange klar, dass wir feststecken. Dass wir nicht mehr glücklich sind. Aber insgeheim hatten wir gehofft, dass wir schon wieder zueinander finden könnten, wenn wir von einem Profi die richtigen Werkzeuge und Tipps an die Hand bekämen.

Es war nie die ganz große Leidenschaft zwischen uns. Zu tief die Wunden der Vergangenheit, meine traumatisch gescheiterte Beziehung, seine zerbrochene Ehe. Aber wir vertrauten einander, waren gute Freunde, konnten uns aufeinander verlassen. Gemeinsam war es so viel besser als alleine. Gemeinsam waren die Abende nicht so leer, die Wochenenden nicht so einsam. Aus Freundschaft wurde mehr. Ich habe für diesen Schritt lange gebraucht. Er hatte in dieser Zeit viel Geduld mit mir. Konnte warten. Beständig. Verlässlich.

Im Grunde haben wir uns miteinander begnügt. Das Leben hatte uns verletzt. Unsere einstigen Träume waren geplatzt. Deshalb lag in der zweitbesten Lösung ein großer Trost. Und es funktionierte, viele Jahre lang! Wir kauften ein Haus, renovierten wie die Wilden, adoptierten ein Kätzchen, genossen unser kleines Paradies und machten schöne Urlaube.

Doch vor ein paar Jahren wurde es immer mühsamer. Meine Ärztin entdeckte bei mir gleich drei Autoimmunerkrankungen. Mit jedem Tag fühlte ich mich schwächer und kränker. Heilung gibt es nicht, nur Linderung der Symptome. Mein sicher geglaubter, geliebter Job wackelte. Es wurde nicht gerne gesehen, dass ich ständig ausfiel. Wir schraubten unsere Ansprüche an das Leben herunter. Doch das Schicksal war noch nicht mit uns fertig.

Eines Nachmittags summte mein Handy: Ich hatte einen Unfall. Sie bringen mich in die Klinik, stand da in dürren Worten. Sein Bein - zerschmettert. Sechs OPs, eine Menge Chirurgenstahl, Krücken, lange Zeit im Krankenhaus, Physiotherapie. Starke Schmerzen. Brandblasen am ganzen Körper. Unser Leben geriet endgültig aus den Fugen. Auf einmal machte nichts mehr Freude. Alles wurde unerträglich schwer. Wir hatten keine Hilfe von Freunden oder der Familie. Zwei kaputte Menschen, am Ende ihrer Kräfte.

Der Unfall ist nun ein paar Jahre her. Meinen Job musste ich inzwischen aufgeben. Arbeite stundenweise von zu Hause aus, so viel ich eben schaffe. Auch er arbeitet wieder. Doch die Freude daran kehrte nie zurück. Er wird nie wieder richtig laufen können, nie wieder joggen, nie wieder tanzen. Das Transplantat ist nie richtig angewachsen und plagt ihn Tag und Nacht. Sein Zombie-Bein .

Es fühlt sich an, als hätte man uns mit einem Strohhalm jedes Fünkchen Freude und Leben abgesaugt. Wir sind beide Zombies! Warum haben uns die harten Zeiten nicht zusammengeschweißt? Warum driften wir auseinander? Sollen wir nach all dem Elend nun auch noch einander verlieren? Wenn ich in seine leeren Augen sehe, ist dort keine Freundschaft mehr. Keine Zuneigung, nicht einmal schwaches Interesse. Wir leben nebeneinander her, stumm und verzweifelt. Der Therapeut hat sicher Recht: Diesen Sumpf durchwaten wir nicht in ein paar Wochen.

Und ich beginne mich zu fragen, ob ich überhaupt einen Sumpfspaziergang machen möchte …

20.05.2022 23:04 • x 9 #1


MaKu

MaKu


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Hi, gib ihm das mal zu lesen... so ergreifend geschrieben... ich glaube, euch verbindet noch so vieles... schmeißt das nicht weg.

Ansonsten natürlich viel Leid für ein einziges Leben. Aber Zwei sind allemal besser dran als einer allein. Wenn zwei zusammenarbeiten, bringen sie es eher zu etwas. Wenn zwei unterwegs sind und hinfallen, dann helfen sie einander wieder auf die Beine. Aber wer allein geht und hinfällt, ist übel dran, weil niemand ihm helfen kann .

20.05.2022 23:17 • x 9 #2



Wie unsere Beziehung retten? Gemeinsam zur Paarberatung

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Zombie-Lady

Zombie-Lady


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Äh, mit dieser automatischen Zwangsänderung meiner Überschrift bin ich überhaupt nicht einverstanden! Die Moderatoren haben sicher gute Gründe, aber auf diese Weise hätte ich mein Anliegen niemals formuliert! Fühle mich gerade etwas missverstanden und trauere um meinen schönen, alten Titel, der inhaltsschwer und mit einem Hauch Selbstironie lautete:

Zwei Zombies im Sumpf

20.05.2022 23:22 • x 5 #3


Snipes

Snipes


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Zitat von Zombie-Lady:
Und ich beginne mich zu fragen, ob ich überhaupt einen Sumpfspaziergang machen möchte

Euch verbindet sehr viel und das ist mehr als die meisten anderen jemals hatten.

Heftige Geschichte, aber ich denke, dass ihr eine Zukunft habt. Nicht ohne Arbeit an euch, aber mit einer sehr guten Aussicht.

Drücke euch die Daumen

20.05.2022 23:37 • x 5 #4


JaNu

JaNu


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Ach Mensch Zombie-Lady,

deine Trauer um Euch springt aus jeder Zeile.

Ihr habt beide jeder für sich sehr viel zu bewältigen und auszuhalten. Das zehrt aus.

Ich kann dir nicht viel raten.

Was ich aber sagen kann ist, dass ich aus deinem Beitrag sehr viel gegenseitigen Respekt herauslese, was ich als sehr gutes Zeichen deute. Und ihr geht beide zur Paarberatung. Also besteht doch gemeinsames Interesse an einer Lösung.

Ich wünsche dir und euch, dass ihr wieder auf festen Grund kommt, schnell den Sumpf hinter euch lasst und zusammen weitergeht.

Fühl dich gedrückt.

20.05.2022 23:45 • x 3 #5


VictoriaSiempre

VictoriaSiempre


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Ich fang mal von hinten an

Zitat von Zombie-Lady:
Äh, mit dieser automatischen Zwangsänderung meiner Überschrift bin ich überhaupt nicht einverstanden!

Hat die @Forenleitung Dich nicht über die Änderung des Titels informiert? Normalerweise machen sie das. Mit Deiner Anmeldung akzeptierst Du die Nutzungsbedingungen - und die beinhalten auch, dass der Titel eines Threads ein wenig selbsterklärend ist. Gut, funktioniert eh nicht immer...

Zitat von Zombie-Lady:
Zwei Zombies im Sumpf

hört sich erst erst einmal interessant an. Aber wer kein Fan von The walking dead ist, kann damit wenig anfangen. Schreib ansonsten doch mal die Forenleitung an und frag nach.

Ich finde Deine Geschichte traurig, aber nicht wegen Eurer Krankheiten und den damit verbundenen Einschränkungen, sondern deshalb:

Zitat von Zombie-Lady:
Im Grunde haben wir uns miteinander begnügt.

Joah. Liest sich für mich wie ne Zweckbeziehung (mit durchaus vorhandener gegenseitiger großer Sympathie). Sowas kann durchaus funktionieren; es gibt ja auch arrangierte Ehen, die glücklich sind. In unseren mitteleuropäisch geprägten Wertevorstellungen - in denen die romantische Liebe eine große Rolle spielt - funktioniert es halt meist nicht.

Grade oder erst recht dann nicht mehr, wenn Schicksalsschläge (wie Krankheit oder Unfall) das durch die Ratio aufgestellte Konstrukt zusammenkrachen lässt. Viele bekommen dadurch einen anderen Blick auf ihr Leben, merken, dass es endlich ist, und fragen sich war das alles?

Zitat von Zombie-Lady:
Es fühlt sich an, als hätte man uns mit einem Strohhalm jedes Fünkchen Freude und Leben abgesaugt.

Wer ist denn man? Verantwortlich für sein Leben und die Freude daran ist letztlich jeder selbst. Natürlich ist es einfacher, die Verantwortung dafür abzugeben - und sei es an man. Kenn ich auch!

So richtig verstehe ich Dein Anliegen nicht. Liebst Du Deinen Partner, mit dem Du Dich anfangs nur begnügt hast mittlerweile und bist traurig, dass das so nicht von ihm zurück kommt? Oder bist Du traurig, dass das Leben, in dem Du Dich eingerichtet hast und das Dir irgendwie reichte, andere Wendungen genommen hat? Beides finde ich durchaus Grund genug, um traurig drüber sein zu können! Ich frag das völlig ohne Wertung!

Ein wenig schräg finde ich nen Paartherapeuten, der bereits nach nur einer Schnupperstunde so ein Urteil abgibt. Es sei denn, Euer Verhalten (Euer beider Verhalten!) war so total eindeutig. War es das?

Man kann sich auch als Single be- und vergnügen. Alternativ ist eine WG, die auf tiefen, freundschaftlichen Gefühlen basiert, aber auf jeden Fall auch toll. Die Karten dafür, wie es für Dich weitergehen soll, musst Du Dir allerdings selbst legen, das nimmt Dir leider niemand ab. Auch nicht man.

Ich wünsche Dir alles Gute!

21.05.2022 01:56 • x 8 #6


tlell

tlell


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Zitat von Zombie-Lady:
Es fühlt sich an, als hätte man uns mit einem Strohhalm jedes Fünkchen Freude und Leben abgesaugt. Wir sind beide Zombies! Warum haben uns die harten Zeiten nicht zusammengeschweißt? Warum driften wir auseinander? Sollen wir nach all dem Elend nun auch noch einander verlieren? Wenn ich in seine leeren Augen sehe, ist dort keine Freundschaft mehr. Keine Zuneigung, nicht einmal schwaches Interesse. Wir leben nebeneinander her, stumm und verzweifelt. Der Therapeut hat sicher Recht: Diesen Sumpf durchwaten wir nicht in ein paar Wochen.

Wir machen ganz oft den Fehler unser Lebensglück und den Lebenswillen an die Beziehung zu hängen. Dann entsteht im Kopf der Gedanke, wenn ich neu anfange wird alles besser. Dann hab ich viele Probleme nicht. Augenscheinlich stimmt das bei der Trennung auch. Etwas tun zu müssen, kann sehr aktivierend sein. Bei einer Trennung muss man sich selber und alles drum rum neu organisieren. Was allerdings nicht neu wird, sind die Träume und Wünsche die man loslassen musste. Die Trauer darüber bleibt und kommt zurück. Bevor du EUCH in Ordnung bringst, bring erst mal dich in Ordnung. Frag dich gezielt was will ich vom Leben? Wo soll es hingehen? ich glaube, wenn du das beantworten kannst, weisst du wo eure Reise hingeht! DU musst dich selber retten nicht er dich oder du ihn. Eine Paartherapie kann sicher helfen, aber sowie du klingst, wäre vielleicht eine Therapie nur für dich auch nicht verkehrt.

ich wünsch dir von Herzen Sonne und viel Freiheit!

21.05.2022 03:44 • x 5 #7


BrokenHeart

BrokenHeart


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Ein glückliches und zufriedenes Leben hängt nicht von einem Partner ab ....

versprochen .... mir geht es jedenfalls so

21.05.2022 03:51 • x 5 #8


Hola15

Hola15


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Zitat von tlell:
Wir machen ganz oft den Fehler unser Lebensglück und den Lebenswillen an die Beziehung zu hängen. Dann entsteht im Kopf der Gedanke, wenn ich neu ...

Ich dachte mir beim lesen auch, ob nicht jeder von euch etwas für sich selbst tun sollte. Ich weiß nicht ob ihr schon etwas in der Art gemacht habt aber es hört sich an als wenn jeder von euch einiges zu betrauern und verarbeiten habt. Habt ihr dem schon mal den nötigen Raum gegeben?

Kann es sein, dass sich dein Körper auch meldet, weil es in dir noch so viel gibt was gehört werden will?! (Und nein, ich sage nicht du kannst was dafür oder bist in irgendeiner Art und Weise selbst schuld oder schwach)

Hast du und dein Partner schon mal eine psychosomatische Reha gemacht oder könntet ihr euch das vorstellen?

21.05.2022 11:19 • x 5 #9


Zombie-Lady

Zombie-Lady


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Wow. Ich bin ganz gerührt. So viele nette, einfühlsame und reflektierte Reaktionen. Ich danke euch, ihr Lieben! Ihr seid toll!

Ich versuche mal, auf eure wichtigsten Punkte einzugehen:

Zitat:
Ich dachte mir beim lesen auch, ob nicht jeder von euch etwas für sich selbst tun sollte.

Zitat:
Eine Paartherapie kann sicher helfen, aber sowie du klingst, wäre vielleicht eine Therapie nur für dich auch nicht verkehrt.


Ja! Dem stimme ich absolut zu. Ich für meinen Teil bin seit ca. 1,5 Jahren in intensiver Therapie (mindestens eine Sitzung pro Woche). Es hat sich dadurch in meinem Leben schon sehr viel getan. Mein Partner bräuchte auch dringend Unterstützung, scheint sich aber nicht überwinden zu können.

Zitat:
Kann es sein, dass sich dein Körper auch meldet, weil es in dir noch so viel gibt was gehört werden will?!


Das ist mit Sicherheit so und bewegt uns auch im Rahmen meiner persönlichen Psychotherapie.

Zitat:
Joah. Liest sich für mich wie ne Zweckbeziehung (mit durchaus vorhandener gegenseitiger großer Sympathie).


Exakt so war bzw. ist es. Wir hatten beide schwierige Trennungen hinter uns, waren ziemlich kaputt und einsam. Ich machte nach dem Ende meiner letzten Liebe meine Hausaufgaben, stellte mein Leben neu auf, zog in eine neue Wohnung und wandte mich neuen Menschen zu. Einer davon war mein jetziger Partner. Wir wurden Freunde und bereicherten lange Zeit auf platonische Art das Leben des anderen. Irgendwann wollte er mehr. Ich habe das lange und intensiv überdacht. Vielleicht war ich ein bisschen verknallt in ihn und in die Möglichkeit, die sich mir da bot. Auf jeden Fall kannte und schätzte ich bereits all seine guten Eigenschaften. Mein ganzes Beziehungsleben lang hatte ich mein Herz entscheiden lassen, oft sehr zu meinem Nachteil. Diesmal sollte es anders laufen. Diesmal fällte ich eine Kopfentscheidung.

Zitat:
So richtig verstehe ich Dein Anliegen nicht.


Das liegt vielleicht daran, dass ich es selbst noch nicht ganz verstehe. Ich möchte diesen Thread als Kanal für meine Gedanken nutzen. In meinem Kopf herrscht aktuell ein ziemliches Chaos. Falls ihr gestattet, will ich hier den Versuch starten, es zu ordnen.

Ich werde für euch unsere Beziehungszwiebel auch noch weiter pellen. Mein erster Post beschreibt ja bloß die Oberfläche. Es gibt darunter noch eine Menge Schichten, die leider alle ziemlich zum Heulen sind. Vielleicht zeichnet sich mit der Zeit und mit weiteren Puzzleteilen ein klareres Bild für euch.

21.05.2022 12:02 • x 5 #10


Ella


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Hallo,

Deine Zeilen sind wunderbar geschrieben, Kompliment dafür. Die Geschichte klingt sehr traurig, ihr hattet so einiges zu bewältigen, jeder für sich und wohl auch gemeinsam.

Dass du die Zwiebel weiter schälen magst, finde ich auch gut, je mehr man erkennen kann, umso mehr kann man bewirken meiner Erfahrung nach. Beim Lesen dachte ich, dass ich so gerne seine Version dieser Story hören würde, wäre sie auch so voller Schmerz und Hoffnungslosigkeit?

Schon eure Begegnung beschreibst du irgendwie so vorbelastet, so schwer. Ihr hattet Mist erlebt davor, aber irgendwann muss man doch den loslassen, oder nicht? Es klingt so, als hätten sich zwei traumatisierte Menschen zusammen getan um zu was? Nach neuem Glück klingt es auf jeden Fall nicht, deiner Erzählung nach.

In Forest Gump wurde gesagt wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Limonade daraus. Irgendwie habe ich nicht den Eindruck, dass ihr je zusammen eine positive, schmackhafte Vision von eure Zukunft hattet.... Kann das stimmen?

Mich würde wirklich interessieren, ob auch seine Schilderung euer Story genauso düster klingt. Kannst du das vielleicht erfahren?

Es ist nicht nur reine Neugier, sondern ich halte es für wichtig, um zu erkennen, was da abgeht.

Dazu wäre auch relevant, wie ihr vom Charakter her so drauf seit optimistisch /pessimistisch, introvertiert/extraovertiert, melancholisch /eher aktiv, unsicher etc. Das emotionale Grundgerust eines Menschen spielt eine wichtige Rolle, wie er mit Gegebenheiten umgeht (Schicksalsschlag, Trennung, Krankheit, verwundetsein etc).

21.05.2022 12:37 • x 3 #11


Zombie-Lady

Zombie-Lady


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Meine Vergangenheit

Ich habe oben erwähnt, dass ich mich seit ca. 1,5 Jahren in einer ambulanten Psychotherapie befinde. Der Hauptgrund: Während der Kindheit sind meine Geschwister und ich seelisch und körperlich schwer misshandelt worden. (Beim letzten großen Angriff war ich bereits 20 Jahre alt. Danach zog ich aus.) Folgen daraus sind mangelndes Urvertrauen, eine posttraumatische Belastungsstörung sowie eine bestimmte Form der Hochsensibilität. Die körperlichen Erkrankungen stehen selbstverständlich zu all dem in Bezug. Ich war und bin es gewohnt, für mein Auskommen sehr hart arbeiten zu müssen. Im Alter von 14 Jahren hatte ich meinen ersten Erwerbsjob. Ich durfte Abitur machen und studieren, musste mir aber alles selbst finanzieren.

In mühsamer Kleinarbeit distanzierte ich mich in den letzten Jahren von meiner dysfunktionalen Herkunftsfamilie. Ich durfte lernen, wo meine persönliche Zuständigkeiten liegen, wie ich einen Übergriff erkennen und abwehren kann. Ich durfte lernen, dass ich nach eigenen Maßstäben handeln darf und es nicht ständig anderen Recht machen muss. Ich durfte lernen, dass ich das Missfallen anderer Menschen aushalten kann. Innere Freiheitsgrade nennt das mein Therapeut. Ich lernte zu unterscheiden, über welche Umstände ich Macht habe und über welche nicht. Und ich lernte, an den Dingen zu arbeiten, die in meinem Einflussbereich liegen.

Eine Konsequenz dieser inneren Arbeit ist, dass mein bisheriges Beziehungsnetz recht dünn geworden ist. Geblieben sind mir ein paar enge Freunde, die allerdings (leider) in ganz Deutschland verstreut leben. Das Verhältnis zu Eltern und Geschwistern ist inzwischen notgedrungen distanziert. Auch von der übrigen Verwandtschaft muss ich Abstand halten, sonst zieht mich der Strudel wieder ins Chaos.

Meinen Partner lass ich an all diesen Themen recht offen teilhaben. Er kennt meine Vergangenheit und er kennt meinen aktuellen Kampf. Da er völlig anders aufgewachsen ist, versteht er meine Verstrickungen allerdings oft nur im Ansatz.

Seine Vergangenheit

Mein Partner war und ist der Goldjunge. Er hat noch eine jüngere Schwester, die in der Familie den Part der Rebellin übernahm. Seine Eltern sind sehr gut situiert. Sie waren und sind bestrebt, ihren Kindern nur das Beste zu bieten. Daheim wurde eine Kultur von Akzeptanz und Fürsorge gelebt. Für meinen Geschmack hat meine Schwiegermutter ihren Kids immer ein bisschen zu sehr den Ar. nachgetragen, wenn ich das mal so ausdrücken darf. Mein Partner ist es gewöhnt, umsorgt zu werden. Finanzielle Nöte kennt er nicht.

Oben habe ich schon ein bisschen angedeutet, dass mein Partner geduldig und beständig ist. Das sind eigentlich gute Eigenschaften. Doch zuweilen zementieren sie sich in stoischer Beharrlichkeit und in einem sturen Festhalten an eingefahrenen Mustern und Gewohnheiten. Im Job rächt sich das bereits seit Jahren. Er bekleidet eine Führungsposition und verdient gutes Geld. In der Firma gibt es jedoch Schwierigkeiten. Seit Jahren schon ist er nicht mehr glücklich dort. Doch er kriegt einfach den Hintern nicht hoch, sich etwas Neues zu suchen. Lieber betäubt er seinen Frust abends in Unmengen von Alk. und beim Zocken mit der Playstation. Er pflegt keine Freundschaften und geht wenig raus. Immerhin trifft er sich gern und häufig mit seinen Eltern. Unser Paartherapeut hat vorgeschlagen, dass sich mein Partner parallel Hilfe für sich selbst holt. Hat er leider nicht ernsthaft in Erwägung gezogen.

21.05.2022 12:50 • x 1 #12


Zombie-Lady

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@Ella: Vielen Dank für dein Lob zu meinem Schreibstil. Ich habe das Gefühl, je präziser und anschaulicher die Infos sind, die ich euch gebe, desto besser könnt ihr uns einschätzen. Trotzdem ist das hier mein Thread - der Kanal für mein persönliches Gedankenchaos. Natürlich lest ihr hier nur meine Meinung bzw. meine Wahrnehmung der Realität. Seine Schilderung möchte ich, ehrlich gesagt, nicht einholen. Trotzdem versuche ich, dir/euch ein bisschen mehr Futter zu geben.

Zu unserer Situation befragt, würde er vermutlich darüber sprechen, wie sehr er sich darüber ärgert, dass ich so viel Zeit mit mir allein und meinen Gedanken verbringe. Er würde sagen, dass er wieder mehr in den Urlaub fahren und mehr unternehmen möchte. Er würde sich über die enge Bindung ärgern, die ich zu unserm Kater habe. Manchmal sagt er missmutig: Es wäre so viel einfacher, wenn ich eine Katze wäre!

Er würde sich darüber ärgern, dass der Haushalt sauberer und besser organisiert sein könnte, käme aber nie auf die Idee, selbst irgendwo Hand anzulegen, während ich mit Schmerzen im Bett liege.

Neulich schrieb er in einer WhatsApp an mich: Hab schlecht geschlafen. Auch wegen des x.. Hab gerade das Gefühl, dass gar nix geradeaus läuft in meinem Leben ....

Zu meiner Persönlichkeitsstruktur

Ich bin gerne für mich, brauche viel Ruhe und Raum zum Nachdenken. Ich liebe Musik und gute Filme, lese gerne, bin eine Hobby-Malerin und arbeite ehrenamtlich im Tierheim. Im Grunde bin ich eher introvertiert, habe aber keine Scheu, laut und bestimmt meine Meinung zu sagen, kontrovers und offen zu streiten und über Gefühle zu sprechen. Wenn ich ein Problem sehe, möchte ich ihm auf den Grund gehen. Ich kaue darauf rum und suche nach Lösungen. Trotz meiner Liebe für Ruhe mag ich es auch, mal ausschweifend zu feiern. Als meine Gesundheit noch besser war, habe ich Theater gespielt und Bass in einer Jazzband. Ich mag Menschen und Psychologie. Verstehe gerne, warum jemand ist, wie er ist und warum er wie handelt. Ich bin sehr gründlich und perfektionistisch und kann schwer lockerlassen. Habe hohe Ansprüche an mich selbst und an andere. Als bekennender Pessimist verlasse ich das Haus niemals ohne Regenschirm und Notfalltasche. Ich kann gut organisieren und denke immer an alle Eventualitäten. Meine Feste sind deshalb stets ein Erfolg, auch zwischenmenschlich. Ich fühle mich für das Wohlbefinden anderer verantwortlich. Durch Empathie und Einfühlsamkeit kann ich auch mit schwierigen Zeitgenossen umgehen. Mit Tieren ist es sogar noch leichter für mich. Ich finde sofort einen Zugang zu ihnen. Ich fühle, was sie brauchen und kann es ihnen geben. Sie vertrauen mir schnell, auch wenn sie zuvor traumatisiert wurden. Der Umgang mit Tieren erfüllt mich sehr.

Meinen Partner beneide ich darum, dass seine Familie ihn bedingungslos liebt.

Zu seiner Persönlichkeit, wie ich sie wahrnehme

Mein Partner definiert sich sehr über seine Arbeit. Erfolg und Statussymbole (Haus, Auto) sind ihm wichtig. Es plagt ihn, wenn unsere spießigen Nachbarn sagen, dass wir mal wieder die Hecke schneiden sollen. Er ist sehr leistungswillig, möchte seine Sache gut machen. Seine Mitarbeitern gegenüber ist er fördernd, fordernd, loyal und treu. (Teil des Problems ist, dass er sie nicht im Stich lassen will und sich unter anderem deshalb keinen neuen Job sucht.) Er ist eher friedlich, kann aber auch ausrasten und dann autoritär und bedrohlich werden. Auch er liebte früher mal die Musik, was inzwischen aber eingeschlafen ist. Nach Feierabend trinkt und zockt er, um zu vergessen. Er hätte es gerne, dass ich die Freizeit organisiere, mir interessante Unternehmungen ausdenke und ihn dann mitschleife. Dabei ist es ihm relativ egal, was wir tun. Hauptsache raus und was erleben, den inneren Konflikt nicht spüren müssen. Insgesamt habe ich in allen Dingen das Gefühl, ihn antreiben zu müssen. Wenn ich sage: Bring den Müll raus, spiel mit dem Kater - dann tut er das bereitwillig. Aber von ihm selbst kommt kein Mucks, keine Idee. Er redet nicht gern über seine Gefühle, frisst lieber alles in sich hinein. Er hat Schwierigkeiten mit fremden Menschen, ist gehemmt gegenüber dem Kellner im Restaurant, gegenüber der Bedienung beim Bäcker. Im Kreis von vertrauten Freunden oder innerhalb seiner Familie blüht er hingegen auf, kann dann auch sehr lustig, fröhlich und witzig sein.

Mein Partner beneidet mich darum, dass ich weiß, wer ich bin und was ich will.

21.05.2022 13:39 • x 2 #13


Ella


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Lieben Dank für deine ausführliche Schilderung euer Persönlichkeit, auch da empfinde ich als tiefgründig und reflektiert.

Beim Lesen entstand bei mir der Eindruck, dass es ein Ungleichgewicht gibt, was euer Invest (in nenne es mal so salopp) in die Beziehung angeht. Empfindest du es auch so? Was würdest du dir von deinem Partner wünschen? Bei mir entsteht das Gefühl, dass er viele Qualitäten hat, jedoch eure Beziehung davon nicht wirklich profitiert. Seine Arbeit, die Kollegen erleben seine Loyalität, wie ist es mit dir?

Dein Hang zu Psychologie und dein Einsatz kommen mir sehr sympathisch rüber, allerdings kannst nicht alleine den karren aus dem Schlamm ziehen. Seine Aussage, dass er gerne eure Katze wäre, hat starke Resonanz in mir ausgelöst. Das glaube ich ihm sogar, ich deute das als wünschte er eine bedingungslose Hingabe von dir, so wie du deiner Katze entgegen bringst. So, wie er es von seiner Familie gewohnt ist. Für deine Anerkennung muss er was tun und womöglich hat er nicht den Eindruck, er wäre gut genug für dich. Wie siehst du das? Ist er?

Ich kann mir denken, dass die Aussage des Therapeuten bei der Paartherapie etwas entmutigend war und auch dass du dich fragst, ob diese Mühe Wert ist und ob du sie dir machen kannst beziehungsweise willst.

Dem Anfangspost entnehme ich, dass du all die Jahre besser dran warst mit ihm als ohne ihn - das war anscheinend auch die Begründung, warum du dich ohne große Liebe und Leidenschaft aus eine Beziehung mit ihm eingelassen hast - bist du es noch?

Wenn du sagen müsstest, was du deinem Partner im inneren am meisten vorwirft, was wäre das? Du kannst natürlich diese Frage auch dir selbst beantworten, denn sie ist ziemlich persönlich.

Auf einer Skala von 1 (kaum) bis 10,wie würdest du einschätzen, dass du deinen Partner an dich ran lässt?

21.05.2022 14:07 • x 2 #14


Ella


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Wow, war sehr überrascht zu lesen, dass du erst 40 Jahre alt bist. Das ist bestimmt hart in einem so jungen Alter mit solchen Problemen konfrontiert zu werden.... Es tut mir sehr leid, dass du es so schwer hast.

21.05.2022 14:23 • x 2 #15



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