Liebe Pampelmuse,
zu Deiner Frage, wie konnte er nur so leichtfertig eine Affäre haben und das an mir vorbei und von mir unbemerkt?
Das geht ganz leicht. Ich war selbst in der Lage. Meine Ehe war mir nicht mehr viel wert, ich war der Meinung, ich hätte ihn nie heiraten dürfen. Mit diesen Gedanken ist man vom Ehemann schon sehr weit weg.
Es war dann nur eine Frage der Zeit, bis ein Neuer in mein Leben trat, da meine Antennen ja auf Empfang standen. Und dann war er auf einmal da - die Lichtgestalt, die alles verändern sollte.
Das hat sie auch, aber auf lange Sicht nicht so, wie ich mir in meiner Naivität vorstellte.
Die Hormone tanzen Walzer, der Himmel hängt voller Geigen und das "normale" Leben, die Bodenhaftung ist außer Kraft gesetzt. Das ist schon hormonell bedingt. Ich spürte tatsächlich, dass ich meinen gesunden Menschenverstand schlichtweg verloren hatte. Es herrschte Ausnahmezustand und ich befand mich in einem Taumel aus Glücksgefühlen und schmerzhafter Sehnsucht.
Da denkt keiner mehr viel an den Ehepartner, denn das ist der schnöde Alltag, für den man in der Zeit der Verliebtheit keinen Sinn mehr hat. Man befindet sich in einem Zustand, der mit nichts zu vergleichen ist und aus dem man auch nicht mehr gerne raus kommen will.
Aber es ist wie immer. Irgendwann nach den ersten Wochen und Monaten schleicht er sich doch wieder ein, der nüchterne Menschenverstand und erst da ist man in der Lage sich anzuschauen und sich zu fragen: was tue ich da eigentlich?
Hat es mein Ehepartner verdient, hintergangen und belogen zu werden? Ist das tatsächlich alles so einfach? Ich wechsle mal den Mann wie das Unterhemd und tausche ein lange bewährtes Exemplar gegen ein neues und unbekanntes ein?
So einfach ist es auch nicht. Abgesehen davon, dass mein AM mit mir sicher keine normale Beziehung führen wollte, wie er dann eindrucksvoll bewies, als ich begann, die Affäre als Vorstufe zu etwas Größerem zu sehen. Hätte ich damals mehr Selbstgefühl gehabt, mehr Intelligenz, mehr Weitsicht, hätte ich das Ende absehen können. Da mir aber alles fehlte und ich wie vernagelt war, kannte ich nur noch die Sucht nach dem AM, aus der ich nicht rauskam. Immer wusste ich tief in mir, dass auf ihn kein Verlass ist, dass ich nicht auf ihn bauen konnte, dass er mir jede Menge negativer Gefühle bescherte, aber ich hätte ihn niemals aufgeben können. Was hielt mich an ihm? Das weiß ich bis heute nicht. Aber mir wurde doch etwas klar, nämlich dass mein Ehemann etwas Seltenes war, weil er für mich da war - immer. Auch in den Zeiten, als ich mich meilenweit entfernt hatte und beim AM im Bett lag.
Wie er das geschafft hat, ich weiß es nicht. Er wartete einfach ab und ich glaube, er war viel schlauer als ich und wusste, dass ich meine Zeit brauchen würde, bis ich den Weg zurück fand. Das ist eine innere Größe, die nur wenige Menschen haben. Die innere Kraft zu wissen, abzuwarten ohne Druck zu machen, damit der Andere die Zeit und den Blickwinkel findet, um aus einer Sackgasse umzukehren.
Du hast diese innere Größe nicht, denn Du bist immer noch von Angst und Unsicherheit regiert. Das kann man auch nicht lernen, denn es setzt - so denke ich - einen engen Bezug zu sich selbst voraus, den nur wenige Menschen haben. Mir fehlte er jedenfalls gänglich, denn ich war während der Affäre fremdgesteuert. Ich wusste zwar, dass da was Ungesundes in mir war, das mich antrieb, wie ich das aber hätte ändern können, wusste ich nicht. Und daher wurde ich weiter getrieben, immer weiter, bis der Knall kam und ich endlich vor dem Scherbenhaufen stand.
Die Beendigung der Affäre war das Beste, was mir passieren konnte, denn nun war ich auf mich zurück geworfen. Affäre weg, Hoffnung weg, Schmerz und Sehnsucht da - na prima!
Und doch geschah ganz langsam etwas. Ich lernte wieder, mein normales Leben zu schätzen. Die 1000 Kleinigkeiten, die so gewöhnlich und selbstverständlich geworden waren, gewannen wieder an Wert. Das geht nicht sofort, das dauert, aber es kam.
Ich denke, dass auch Dein Mann anfangen wird oder bereits angefangen hat, Eure Dinge, diese 1.000 Selbstverständlichkeiten, wieder mit anderen Augen zu sehen. Mit Augen, die wahrnehmen und einen Wert sehen können.
Du brauchst nichts weiter zu tun, als da zu sein und zu sein wie immer. Er wird den Weg zurück finden, das glaube ich mittlerweile durchaus. Und möglicherweise sagt er sich in einigen Monaten auch: was hat mich damals geritten?
Klar, was ihn und mich geritten hat. Langeweile, mangelnde Höhepunkte im Leben, Öde , vor allem aber das Gefühl, nicht richtig zu leben. Irgendwas fehlte, auch wenn doch alles da war - äußerlich betrachtet. Aber leider war ich mir innerlich abhanden gekommen und so stand mein Ich offen wie ein Scheunentor für einen Anderen, den angeblichen Glücksbringer.
Hinzu kommt, dass Männer und Frauen unterschiedlich fühlen und agieren. Ein Mann kann Ehefrau und Geliebte voneinander abtrennen. Vor vielen Jahren hatte ich eine mehrmonatige Beziehung mit einem gebundenen Mann, der schon Jahre freudlos mit seiner Partnerin zusammen lebte. Auch hier hatte sich Routine eingeschlichen, mangelnde Kommunikation, mangelndes Interesse, fehlende Achtsamkeit, das Übliche eben.
Er sprach mit mir über eine Urlaub, den wir gemeinsam verbringen würden. Er hatte mir sogar einen Schlafsack geschenkt, der sich mit seinem koppeln ließ. Na, das waren doch eindeutige Zeichen, oder nicht?
Es zog sich hin und ich hatte so den vagen Verdacht, dass die beiden, als sie von der Affäre wusste, begannen, bei sich "aufzurämen". Irgendwie befassten sie sich wieder mehr miteiander.
Warum ich das damals tat, weiß ich nicht mehr. Aber ich hatte die Freundin einmal gesehen, von der Ferne und als nicht unsympathisch befunden. Ich schrieb ihr damals eine Karte. Ob wir uns nicht mal treffen und miteinander reden wollten. Sie war einverstanden und wir begegneten uns, obwohl eigentlich "Konkurrentinnen", sehr unvoreingenommen und eher neugierig. Was im Lauf des Abends da alles rauskam und in welche Lügengebäude sich der Mann da verheddert hatte, war tatsächlich zum Lachen. Wir lachten, wie er , offenbar völlig überfordert, versucht hatte, überall Boden gut zu machen und sich durch zu lavieren.
Die Affäre war kurz darauf beendet. Ich hatte den Beiden einen guten Dienst erwiesen, denn ich war der Katalysator, dass sie was taten, was sie vergessen hatten. Miteinander zu reden, Gemeinsamkeiten zu pfegen usw.
Hast Du schon mal daran gedacht, dass die Affärenfrau Deines Mannes möglicherweise auch eine Funktion hatte, indem sie Eure Ehe wieder in Schwung bringt? Denk mal darüber nach. Es geschieht ja nichts umsonst im Leben, es hat alles seinen Sinn, auch wenn man ihn momentan nicht sehen kann.
Das mit dem Tindern laß mal sein. Du gewinnst nichts, sondern verlierst nur. Aber versuche, mehr Vertrauen ins Leben zu haben und Zuversicht zu finden. Ich sag es Dir immer wieder: Sperr die Kobolde in den Schrank und lass sie dort drin maulen!
Und komm mal raus und finde was für Dich, was Dich vorwärts bringt. Vielleicht Sport auf Musik oder so was oder Pilates oder Yoga. Was, was Dich auf andere Gedanken bringt, weil Du Dich gezwungenermaßen auf etwas Anderes konzentrieren musst.
Finde was und gehe raus! Du kannst niemals alles kontrollieren, am wenigsten das Leben! Dann mach wenigstens was draus!
Werde zu einem Känguruh, das mal woanders hin hüpft! Das ist doch eine nette Vorstellung, oder nicht. Ich jedenfalls stell mir das lustig vor und grinse gerade. Mach mit!
Begonie