...Ja, im letzten Drittel unserer Beziehung haben wir auch
manchmal gestritten, und zwar eigentlich immer nur über zwei Themen. Ich fand zum einen, er könne im gesetzten Alter sportlich mal etwas kürzer treten, weil er damit seine Gesundheit und seine berufliche Karriere gefährdete. Sah er anders. Ich würde immer zu schwarz sehen. Dass er sich heute ein Bein gebrochen hatte, hieß ja nicht, dass er sich morgen gleich wieder eins brechen würde. Nein, ist dann eben ein Arm gewesen.
Zum anderen ärgerte ich mich auch von Zeit zu Zeit darüber, dass er sich während seiner langen Arbeitslosigkeit so wenig in eine Hausmann-Rolle einfinden wollte. Meine Vorstellung vom Beinehochlegen nach Feierabend wurde schon öfter mal bitterlich enttäuscht.
@Ema Die folgenden Zeilen sind allein für dich, denn ich schätze manche deiner Beiträge durchaus:
Ich habe mit dem NM so viel Händchen gehalten, dass es für drei Leben reicht. Allein vom Hand halten an Krankenhausbetten sind mir noch heute die Hände wässrig. Auch Kuesschen hier, Kuesschen da, einschlafen als Loeffelchen, tägliche Liebes-SMS bis zum Tag des Auffliegens der Affaire.
Gibt dir das zu denken? Vielleicht? Schließt du daraus, dass die Ehe deines AM trotz Händchenhalten wohl doch ganz schrecklich war? Vermutlich.
Zugegeben. Der S. blieb zuletzt zwischen den vielen Operationen schon ein wenig auf der Strecke. Lag aber weniger an mir. Oder vielleicht doch. Ich hätte ihn nicht mehr so recht genießen können. Hätte immer Angst gehabt, dass er mir wegbleibt, wenn er zu allen anderen Medis auch noch blaue Pillen schluckt. Die AF war da wohl, vorsichtig ausgedrückt,
unbefangener.
Der Vorwurf, unsere Beziehung hätte ganz oder wenigstens überwiegend auf Materiellem gefusst, macht mich ein wenig
ratlos. 100 Anzüge im Schrank und 200 Paar Schuhe, jedes Jahr das neueste Auto vor der Tür diese Art Materialismus haben wir nie gelebt. Das Geld sollte reichen, um reisen zu können, wenn wir wollten, und ab und an ins Theater, ins Kino oder in Konzerte zu gehen. Dafür reichte es immer, auch als er Zuhause war.
Für mich war es nichts als wieder
eine Phase, in der ich allein unser Geld verdiente, dieses Mal zog sie sich halt etwas. Denn, wie erwähnt, Mein und Dein kannten wir nicht. Und als die Bedenkentraegerin von uns beiden habe ich beruflich sogar noch etwas angezogen. Denn ich wollte, dass wir unseren Lebensstandard auch im Alter halten können und wusste ja, dass der NM nicht viel Rente haben würde.
Im Nachhinein mag das naiv erscheinen. Aber nicht eine Zehntelsekunde wäre ich auf den Gedanken gekommen, dass wir ausgerechnet
im Alter einmal getrennte Wege gehen. Klingt abgedroschen, aber fühlte sich so an: Dieser Mann war ein Teil von mir und ich ein Teil von ihm. Huuuch, ganz ungesunde Symbiose!? Mag ja sein. Aber eben doch etwas ganz anderes als die Eiseskaelte, von der ich hier immer wieder verwundert lese, dass sie meine Ehe beherrscht haben soll.
Als der NM ernsthaft krank wurde, spielte das alles
ohnehin keine Rolle mehr. Krankenhaus Reha, Krankenhaus Reha, Reha Krankenhaus. Ich bin vor Angst, dass er sterben könnte, fast selbst gestorben, und habe mich dennoch bemüht, Optimismus zu verbreiten. Dann noch der Schlaganfall, der verändert den Menschen. Alle Aggressionen, die aus Hilflosigkeit geboren sind, bekommen nur die Nächsten ab. Wer weiter weg steht, bemerkt kaum etwas. Ich habe mir den Popo dafür aufgerissen, dass er wieder auf die Beine kommt. Immerhin das hat ja auch geklappt.

Fortsetzung folgt..