Liebe Allesvorbei, ich vermutete, dass dein Gespräch mit deinem Mann einige intensive Emotionen hervorrufen könnte. Ich sehe viele Parallelen zwischen deiner Geschichte und meiner und denke, dass du die Dinge vielleicht in einem neuen Licht sehen könntest, wenn du ein wenig über meine Geschichte liest.
Aus eigener Erfahrung kann ich dir sagen, dass es für mich genau so gelaufen ist, wie vermutlich bei deinem Ex-AM, und vielleicht jetzt auch (zumindest teilweise) bei dir. Im Nachhinein kann ich sagen- ich habe meine Frau tatsächlich über alles geliebt, ich habe aber zu jenem Zeitpunkt in meiner Ehe etwas vermisst (v.a. Sechs und Selbstwert) und habe mich von der ganzen Aufregung der Affäre mitreißen lassen. In all der Erregung und Euphorie hatte ich wirklich das Gefühl, dass ich das AF liebte, dass sie die Frau meiner Träume war. Solche Schmetterlinge hatte ich seit Jahren nicht mehr gefühlt. Und meine Frau fühlte sich für mich wie eine Bremse an. Ich redete mir sogar ein, dass meine Frau froh sein könnte, sich zu trennen, da sie mich offensichtlich schon lange nicht mehr geliebt hatte. Wie dumm war ich, nicht einfach mit ihr zu reden! Die AF und ich tauschten Liebesschwüre aus, schmiedeten Pläne für die Zukunft, hatten das Gefühl, dass wir nicht mehr ohne einander leben konnten. Eigentlich wusste ich anfangs schon, dass ich ehrlich zu meiner Frau hätte sein sollen, doch es hat sich alles so gut angefühlt- wie schon berichtet- wie im D r o g e n rausch. Ich wusste jedoch in meinem Herzen, dass es keine Zukunft mit der AM gab. Ich schob aber aus Feigheit das Gespräch mit meiner Frau so lange vor mir her, bis ich auf einmal zu tief drin war. Auch traute ich mich nicht, die Affäre zu beenden. Die Aufregung war zu groß, meine Angst vor der Reaktion meiner Frau und vor der Reaktion meines AF, wenn ich es beenden sollte, waren zu groß. Und die schöne Gefühle waren so befriedigend. Ich war unglaublich ambivalent. Also zögerte ich eine klare Entscheidung hinaus. Ich war in einer Gewissenskrise, gleichzeitig war ich egogesteuert. Mein AF wurde mit der Zeit verständlicherweise ungeduldig mit mir, sie war verzweifelt, wurde immer labiler, setzte mich unter Druck und drohte mehrmals, meine Frau auf der Arbeit zu besuchen. Auf einmal wurde mir klar, ich musste die Affäre beenden... habe es auch mehrmals versucht, doch die AF ließ nicht los, ich ließ auch nicht los. Eine Zeit lang konnte ich die AF nur beruhigen, indem ich ihr versicherte, dass es mit uns klappen würde, dass ich nur Zeit brauchte, um meine Situation auf eine gute Art und Weise zu klären. Das war meinem AF gegenüber unehrlich und nicht fair, aber zu der Zeit hatte ich das Gefühl, dass ich keine andere Möglichkeit hatte. Ich wollte derjenige sein, der es meiner Frau sagt. Ich kaufte mir Zeit, um meine Gedanken zu sammeln, um meiner Frau die schreckliche Nachricht selbst zu überbringen. Ich war innerlich zerrissen, war verliebt in die AF, liebte meine Frau, glaubte aber wirklich, wie gesagt, dass meine Frau schon lange keine Gefühle mehr für mich übrig hatte. Doch in ihrer Reaktion auf mein Geständnis wurde mir deutlich, dass ich mich nicht mehr hätte irren können. Sie liebte mich doch auch, und zwar gewaltig! Auch ich habe den plötzlichen Kontaktabbruch für den einzigen Weg gehalten. Danach war ich einfach erst mal erleichtert, gleichzeitig habe ich mich geschämt.
Das wirst du nicht hören wollen, aber im Nachhinein wurde mir klar, dass ich im Gegensatz zu dem, was ich damals glaubte, die AF nicht wirklich liebte. Es war für mich eine Art ausgedehnte, intensive Verliebtheit, angeheizt durch Geheimnisse, Aufregung, E r o t i k, Zeitmangel und Mangel an alltäglicher Zweisamkeit. Die AF war eine Illusion für mich, eine idealisierte Flucht. Ich kannte sie nicht wirklich und sie kannte mich auch nicht wirklich. Wie denn nur? Wir hatten nie mehr als ein paar Stunden auf einmal miteinander verbracht! Ich bin morgens niemals neben ihr aufgewacht, habe sie nie ohne Schminke gesehen, in ihrer schmutzigen Sportkleidung, mit Tränensäcken unter den Augen nach einer harten Nacht mit kranken Kindern. Sie hat nie meinen morgendlichen Atem gerochen, hat mich nie furzen gehört, hat mich nie erlebt, wenn ich krank war, musste nie mit meinen schlechten Launen umgehen. Das ist die Realität, unsere Beziehung war eine Flucht vor all dem, aber sie war nicht real. Und unsere Gefühle füreinander waren nicht wahre Liebe, sie waren ein Schwall von Schmetterlingsgefühlen, denn das ist alles, was sie im Rahmen einer Affäre sein konnten. Das war nicht zu vergleichen mit dem, was ich mit meiner Frau hatte, die Liebe, die über Jahre durch gemeinsame Erfahrungen und Herausforderungen wuchs, indem wir die guten und schlechten Eigenschaften des anderen kannten und schätzten.
Durch meine Affäre lernte ich was wahre Liebe ist, und das war es, was ich die ganze Zeit mit meiner Frau hatte. Liebe ist Geduld, Akzeptanz, Herausforderungen zusammen meistern, und sie wächst mit der Zeit und dem Zusammensein. Es klingt kitschig, aber ich war eine Zeitlang blind und danach konnte ich sehen. Meine Frau war so gütig, zu versuchen, gemeinsam mit mir die Schäden, die ich angerichtet hatte, zu reparieren, und dafür werde ich ewig dankbar sein. Ich war in der Lage, all meine Kraft wieder auf unsere Ehe zu konzentrieren, und ich bemühe mich immer noch jeden Tag hart darum, das zu erhalten, was wir jetzt (wieder) haben. Denn das ist es auch, was Liebe ist - sich die erforderliche Anstrengung zu geben, um die Verbundenheit zu pflegen und zu erhalten. Das hat jahrelange Therapie, Reflexion, Anstrengung und Ehrlichkeit erfordert. Ich kann ehrlich sagen, dass unsere Ehe nie besser gewesen ist.
Jetzt, Jahre später, denke ich mit Scham und Ekel vor mir selbst an meine Affäre zurück. Gleichzeitig bin ich dankbar für die Veränderungen, die sie in mir und meiner Ehe herbeigeführt hat. Ich denke kaum über meine AP nach, und wenn, dann mit einem neutralen Gefühl. Ich bin froh darüber, dass sie sich von mir gelöst hat und in ihrem Leben glücklich zu sein scheint. Ich denke, liebe TE, dass du mit der Zeit auch zu einigen neuen Erkenntnissen kommen wirst. Und diese werden dir helfen, deine Ehe wieder aufzubauen und zu verbessern, solltest du dich dazu entschließen, gemeinsam mit deinem Mann, das zu versuchen. Alles Gute für dich!
(Ich entschuldige mich, wenn meine Geschichte etwas zusammenhanglos ist... es ist spät, ich bin müde und habe ein paar Gläser Rotwein getrunken. Morgen ist mein freier Tag.)
