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Bindungsangst bei Frau

Begonie


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Es ist erstaunlich und auch ernüchternd, wie all diese Geschichten nach dem selben Muster verlaufen. Fast ausnahmslos hat man das Gefühl, über die eigene vergangene Beziehung zu lesen..

Ich ahnte irgendwann nach den ersten Monaten, auch vor dem Hintergrund seiner Biografie (welcher Mann ist mit Mitte 40 immer noch Junggeselle und hatte nie geheiratet ?), was ihm fehlte. Er hatte schlichtweg Probleme mit Bindungen. Ich googelte und mir fielen die Augen raus. Über dieses Phänomen gab es ja ganze Bücher! Ich las einige und sah meine Beziehung.
Die Probleme, die ich als einzigartig ansah, waren gewöhnlich. Fast erschreckend, wie wenig individuell das alles war.

Stefanie Stahl beschrieb in ihrem Buch Jein die Mechanismen, die ablaufen, ganz genau. Und sie beschreibt auch, warum man sich aus solchen Beziehungen oft kaum lösen kann. Eben weil die Bindungsvermeider ein gutes Gespür dafür haben, wann und wie sie sich beim Partner wieder melden und ins Spiel bringen, dass der automaitsch und glücklich über die Zuwendung sofort wieder erfreut bereit steht. Eine scheinbar liebevolle SMS, ein Anruf zu unerwartetet Stunde, eine liebe Mitteilung - der Wartende ist meist mit so wenig zufrieden, dass er sich an jeden Strohhalm klammert.
Die Taktik ist so: Da, darfst Du mal *beep*, wie es wäre, wenn Du den ganzen Bonbon bekommen würdest. Aber ätsch, den kriegst Du nicht, denn ich bestimme, wie oft Du daran *beep* und riechen darfst, ehe der Bonbon vor Deinem Mund wieder verschwindet.
Geschickt halten sie einen in der Warteschleife.Das geht natürlich nur mit den richtigen Partnern. Diese Partner sind meist auch ziemlich austauschbar und sich im Wesen ähnlich. Von einer großen inneren Sehnsucht nach Liebe und Verschmelzung geprägt, oft mit Defiziten aus der Kindheit wie Liebesentzug und zu wenig Beachtung geplagt, eiern sie ziellos durchs Universum. Bis sie dann in die Umlaufbahn von Mr. oder Ms. X finden und dann dort ihre Kreise ziehen. Sie sind zwar Mitglieder der Umlaufbahn, aber werden auf Abstand gehalten. Das traurige Schicksal ist immer dasselbe: Der Partner zieht voller Sehnsucht nach Nähe seine Kreise und wie weit er dem Zentralgestirn nahe kommen darf, entscheidet das Zentralgestirn.
Wie gerne wäre ich die Hauptperson in seinem tollen Leben gewesen, war aber im Endeffekt nur der Zaungast, der ihm oft eifersüchtig und missgünstig beim selbstständigen Leben zusah. Und indem ich sein scheinbar tolles Leben sah, wurde mir wieder mal bewusst, wie klein und unvollständig doch mein Leben war. Man weist sich selbst eine ungenügende Rolle zu.

Dazu braucht es auch eine bestimmte Wesensstruktur, die so ein Beziehungsmuster innerlich akzeptiert. Zwar leidet man innerlich oft darunter, aber im Grund genommen teilt man sich selbst etwas Unvollständiges zu. So, als ob man eine richtige Beziehung nicht wert wäre, begnügt man sich mit einer Pseudobeziehung, die diese Bezeichnung nicht verdient.

Der Grund dafür sind meist die unbewussten Muster, die wir oft aus der Kindheit ins Erwachsenenleben transportiert haben und dort wieder ausleben. Man lebt ja nur immer das, was man kennt und verinnerlicht hat. Fühlte sich das kleine Kind von den Eltern oft allein gelassen, unverstanden und gab man ihm das Gefühl, dass es eine uneingeschränkte Liebe nicht wert ist, setzt sich das im Kind schon fest. Man wächst heran, man macht Erfahrungen, man glaubt, die Kindheit abgestreift zu haben und wird doch gesteuert von den Dingen, die im Unterbewusstsein lauern.

Mangelndes Selbstwertgefühl ist der ideale Nährboden für toxische Beziehungen. Das betrifft den aktiven Bindungsvermeider, der meist auch süchtig nach Bestätigung und Zuwendung ist, weil er im Grund genommen weiß, dass er nicht viel wert ist. Und das betrifft den passiven Part, der von vorn herein davon überzeugt ist, dass er nicht viel wert ist.
Und so kommen zwei Partner zusammen, die beide defizitär um nicht zu sagen, krank sind. Im Grund genommen ist es eine Art Krankheit, die immer wieder aufflammt, sich zeitweise scheinbar bessert, ehe sie wieder akut zum Vorschein kommt. Genauso laufen diese Beziehungen ab.Zwei Kranke werden gemeinsam nicht heil, weil jeder in seiner Krankheit verharrt und nicht raus kommt.
Und ein gesunder Mensch mit einem gesunden Selbstwertgefühl und mit einem ausgeprägten Ehrgefühl würde sich ja nie auf so eine Schmalspurbeziehung einlassen bzw. beizeiten wieder verschwinden.

Was der passive Bindungsvermeider meist nicht weiß, ist , dass er selbst von dieser Krankheit betroffen ist. Er lebt und liebt ja leidenschaftlich und wünscht sich doch nichts mehr als eine schöne Beziehung auf Augenhöhe, die Glück und Zufriedenheit und innere Ruhe bringt. Aber er sucht ausgerechnet dort nach Liebe und Zuwendung, wo er sie nicht oder nur sporadisch bekommt.

Da werden scheinbar zufällig Partner gewählt, die schon vergeben sind - eigentlich, aber offen für Anderes oder solche, die sich gerade erst aus einer Beziehung gelöst haben, aber noch mit den Altlasten leben. Oder es kommen welche, die zu jung oder zu alt sind. Es sind immer Menschen, mit denen eine richtige Beziehung nicht möglich ist.
Dann kommt das Leid, aber dem Unterbewusstsein ist das egal. Soll er oder sie sich nur abquälen, ist mir doch egal, denn ich weiß, dass es keine richtige Beziehung geben wird. Denn Beziehungen sind gefährlich, sie schränken einen ein und vor allem sie tun zwangsläufig weh und man wird eines Tages eh verlassen. Also lieber Jemanden aufgabeln, der nicht geeignet ist.
Beide haben dieselbe Krankheit, leben sie nur unterschiedlich aus.

Ich habe mir oft Gedanken darüber gemacht, warum ich eigentlich nie Jemanden hatte, der als enger Partner in Frage kam. Ich glaube, ich weiß die Antwort. Hätte ich mit Mitte 20 oder so einen Mann gefunden, der gesagt hätte, was ist mit heiraten, was mit Familie, was mit Häuschen im Grünen? Ich wäre panikartig davon gelaufen und wäre geflüchtet.
Und so blieb es eben immer bei Beziehungsversuchen oder seltsamen Beziehungen, die in einem Auf und Ab dahin liefen, aber nie richtig stabil waren.
Ich war der Grund dafür, ich hätte es nicht gekonnt, mich richtig im Leben zu etablieren.

Erst spät habe ich mehr über mich begriffen, aber besser spät als nie. Und eine Beziehung halte ich erst jetzt gut aus, weil ich erstens mehr über mich und meinen Partner weiß und weil ich einen habe, der mir eine lange Leine lässt. Hier bin eher ich es, die ab und an wieder mal auf Abstand geht und ihr Ding macht.
Aber so eine symbiotische Ehe, die ich bei manchen Frauen und Männer sehe, ist etwas, was ich niemals können werde. So mit Hausbau und gemeinsamer Mailadresse, mit Kindern usw. Da stellen sich mir oft die Nackenhaare auf und ich frage mich, wie schaffen die das nur?
Es bleibt nur, mit den eigenen Defiziten zu leben, sie zu erkennen und sie anzunehmen und das Beste draus zu machen.Es ist es wie es ist und damit fertig.
Seltsam, wo eigentlich diese Träumereien vom Märchenprinzen geblieben sind, der in mein Leben kennt, meinen einzigartigen Wert erkennt und mich rettet. Sie sind einfach weg. Die Realität ist zwar ein gutes Stück kälter, aber doch lebenswert. Also machen wir das Beste draus.

Übrigens, Lebenskünstler, ich lese sehr gerne über solche Beziehungen. Dahinter stehen immer Menschen, die einiges mit gemacht haben und versuchen, sich selbst auf die Schliche zu kommen.

Begonie

20.12.2019 15:16 • x 4 #31


pablito


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Hallo zusammen

Wie erwartet, hat sie sich doch nun wieder bei mir gemeldet. Hat mir ein gutes neues Jahr gewünscht und noch ein paar Sätze drangehängt. Ich habe sie direkt gefragt, weshalb sie meinen Wunsch ignoriert mich in Ruhe zu lassen und mich wieder aufzuwühlen versucht. Daraufhin meinte sie, dass es ihr leid tut und sie sich auch nicht mehr melden wird. Dann kam ein Roman in welchem sie sagte, dass sie weiss, dass ich nichts davon habe, jedoch sie mich sehr vermisst, sie nicht versteht, weshalb sie so Mühe hat mich loszulassen und ständig mit ihren Freunden über mich redet.

Hab das unkommentiert stehen lassen, bis sie dann erwähnte, dass sie nun seit einigen Wochen beim Therapeuten ist, daran ist, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten und ich der Grund dafür sei.

Hab daraufhin nur gesagt, dass ich mich für sie freue, dass sie den Mut dafür gefunden hat.

Oh Wunder, kalt gelassen hat mich das nicht...Aber auf weiteren Kontakt werde ich verzichten.

15.01.2020 14:04 • x 1 #32



Bindungsangst bei Frau

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Tuvalu123


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Glückwunsch zu dieser konsequenten Haltung. Bleib dabei. Sie kann sich ja bei dir melden, wenn sie stabiler ist und sich mal so richtig wirklich mit sich selbst auseinandergesetzt hat. Da so was Jahre braucht, kannst du dein Leben entspannt leben. Viel Erfolg.

15.01.2020 14:23 • x 1 #33


Begonie


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Hallo, Pablito,

es ist schön von Dir, dass Du hier nochmals ein Feedback gibst.
Das hört sich doch alles ganz gut an - für Dich.
Ich denke, Du hast innerlich bereits Abschied genommen und was sie macht, ist ihr Problem.

Typisch für Bindungsvermeider. Wenn die Distanz hergestellt, ist, kommen sie oft wieder angekrochen. Wenn dann aber wieder die Nähe kommt, die sie als einschränkend empfinden, kommen die üblichen Mechanismen wieder zum Vorschein. Daher gibt es bei solchen Konstellationen gar nicht so selten On-/Off-Beziehungen.

Zitat von pablito:
dass sie nun seit einigen Wochen beim Therapeuten ist, daran ist, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten und ich der Grund dafür sei.

Du warst wohl der Auslöser, dass sie beim Therapeuten aufgeschlagen ist. Ob er ihr helfen kann, ist fraglich, aber für Dich auch egal. Du bist aber mit Sicherheit nicht der Grund, warum sie ihre Vergangenheit aufarbeiten will. Die Fehlprogrammierungen bei ihr dürften in der Vergangenheit zu suchen sein. Das aufzudecken, ist Sache von ihr und dem Therapeuten.

Geh Du Deinen Weg weiter und vermeide jeglichen Kontakt. Sie war nur eine Episode.

Begonie

15.01.2020 14:31 • x 3 #34


pablito


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Zitat von Begonie:
Hallo, Pablito,

es ist schön von Dir, dass Du hier nochmals ein Feedback gibst.
Das hört sich doch alles ganz gut an - für Dich.
Ich denke, Du hast innerlich bereits Abschied genommen und was sie macht, ist ihr Problem.


Gerne.

Das ist leider etwas, was mich bei diesem Forum stört. Tausende Schicksale und Geschichten, die angebrochen wurden, jedoch man selten den Verlauf über einen längeren Zeitraum mitverfolgen kann - finde ich schade, da mich der Ausgang doch interessieren würde.

Zitat von Begonie:
Du warst wohl der Auslöser, dass sie beim Therapeuten aufgeschlagen ist.


Das war vermutlich auch das, was sie damit gemeint hat. Unter uns: Ich wünsche ihr, dass sie es auf die Reihe kriegt, so viel Empathie kann ich noch aufbringen, aber bei mir nochmals anzudocken versuchen muss sie nicht.

15.01.2020 14:43 • x 4 #35


Merilin


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Sie liebt dich nicht. Sie nutzt die Vorteile die du ihr bringst um dann verliebt zu sein in jemanden der sie schlechter behandelt als du. Ist so.

15.01.2020 15:07 • x 1 #36


Pilot66


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@monchichi_82

Wie wahr!

Ein Betroffener mit absoluter Bindungsphobie der lässt sich erst gar nicht auf Beziehungen ein, der lässt dich nicht am Privatleben teilhaben, der hat Panikattacken, meldet sich oft wochenlang nicht, provoziert ausgeartete Streitsituationen, der kann keine Komplimente annehmen, keine Geschenke annehmen, der kann sich selbst nicht annehmen!...

08.06.2022 15:57 • #37


Pilot66


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@sonnenliebe

Oh ja!

Starke Bindunsgphobiker haben z.B. keinen Kinderwunsch. Beim Zusammenziehen kann eine solche Beziehung sehr schnell zu Ende sein. Man braucht unendlich viel Geduld und das ist schwierig auf Dauer.

08.06.2022 16:00 • #38


Pilot66


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@Begonie

Da weiß aber eine, wovon sie spricht: ich bin schwer begeistert:

Es war eine Quälerei, weil ich mehr Anteil an seinem Leben wollte. Ich wollte die Nummer eins in seinem Leben sein, war aber nur Zaungast.

So ein Gespann funktioniert prächtig, denn die beiden ergänzen sich so wunderbar. Glücklich damit wird keiner. Der eine nicht, weil er ständig damit befasst ist, seine Unabhängigkeit zu bewahren und seine Freiheit zu verteidigen. Der andere nicht, weil er erfolglos Nähe sucht und frustriert ist.

Du bist klar in der Verliererposition, denn Du willst was, was sie Dir nicht geben kann und auch nicht geben will. Du bist in der unterlegenen Position, denn Du hast Sehnsüchte, die sich nicht erfüllen.

Ich empfehle Dir ein Buch von Stefanie Stahl: Jein - Bindungsängste erkennen und bewältigen.
Ich fand darin eins zu eins meine Beziehung bzw. Nichtbeziehung beschrieben.

Sie dauert lang, aber letztendlich ist es der einzige Weg, irgendwann mal wieder ein stressfreieres Leben zu führen.
Du bist nämlich jetzt in der Position eines Hampelmanns, an dem sie die Fäden zieht. Wenn das länger geht, verlierst Du den Bezug zu Dir selbst, lebst praktisch nur noch für diese Beziehung, während alles Andere in den Hintergrund tritt und Du verlierst letztendlich Deine Selbstachtung und Dein Selbstwertgefühl.
Wer auf sich achtet, .lässt sich nicht quälen, hinhalten und abspeisen mit leeren Versprechungen und hohlen Worten aus der Ferne.
Wer weiß, was er wert ist, der verkauft sich nicht unter wert und lässt sich nicht vom Partner drangsalieren.

Arbeit an Dir selbst wäre wichtig, denn da kannst Du etwas bewirken, Arbeit am anderen lass sein, denn das ist nicht möglich.
Schon, weil sie es nie zulassen würde.

Ein Psychotherapeut hat mal zu mir gesagt: Bindungsängste sind nur schwer heilbar. Der Leidensdruck muss dann tatsächlich sehr hoch sein, dass diese Menschen Hilfe suchen. Meistens tun sie das nicht, denn sie kommen ja auch so durchs Leben. Ewig auf der Suche nach einem Partner, den sie aushalten können, den es aber nicht gibt.

08.06.2022 16:18 • x 1 #39


Pilot66


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@Begonie

Immer noch schwer begeistert von Deinen Worten:

Du hast in Deiner Antwort einen wichtigen Punkt angesprochen. Den SELBSTWERT!
Der ist bei den Partnern, die in der unterlegenen Position sind, nämlich kategorisch unterentwickelt. Hier fehlt es ganz klar an Eigenliebe und Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Wer weiß was er wert ist, lässt nicht mit sich Schlitten fahren.

Du bist in der Lage des Abhängigen und sie gibt Dir den Takt vor.

Ich weiß selbst, wie schwer die Lösung von solchen Menschen sind, denn nichts reizt mehr als dieses Wechselbad aus kalt und warm, aus Nähe und Distanz. Aber ein Wechselbad ist auf längere Dauer schädlich. Es braucht unendlich viel Energie, um hier Schritt zu halten. Eine ständige Anpassung an ihre momentanen Befindllichkeiten ist gefordert. Dafür solltest Du Dir zu schade sein.

Junge, denk an Dich und stell Dich in den Mittelpunkt Deines Seins. Die Dame ist nur so attraktiv, weil sie nicht richtig verfügbar ist.

08.06.2022 16:28 • #40


Pilot66


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@Lebenskünstler

Gut formuliert:

Dass SIE so schnell Nähe, S. und Liebe wollte ist völlig normal, das nennt sich auch Love bombing, bzw. fast forwarding, wo bestimmte wichtige Elemente einer Beziehung wie S., erstes Mal über Nacht bleiben, Eltern vorstellen u.v.m. eben sehr schnell gemacht wird. 
Hintergrund davon ist, dass sie genau wissen, dass die Angst wieder zuschlagen wird und sie wollen eben diese Punkte UNBEDINGT mit dem Partner(in) erleben und forcieren daher den zeitlichen Ablauf.

08.06.2022 16:40 • #41


Pilot66


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@Begonie

Wow, Begonie. Das ist ja besser als live-TV und beschreibt meine Situation eins zu eins:

Deine Aussage mit dem love bombing trifft es wirklich gut und jetzt verstehe ich auch, warum das betrieben wird. Innerlich wissen die BPs, dass auch diese Beziehung nicht halten wird und gerade deswegen weben sie den ahnungslosen Partner so schnell und so geschickt in ihr Leben ein, dass der auch von der nun endlich gefundenen großen Liebe überzeugt ist.

Die ersten Wochen - ein Rausch der Gefühle! Herzklopfen nur beim Gedanken bei ihm, Glücksgefühle, die sich auf alle Lebensbereiche auswirken und dazwischen wieder Sehnsuchtsanfälle, weil ich ihn ja nicht so ohne weiteres sehen konnte. Und ihm ging es genauso.
Er sprach von Liebe, der S. war granatenmäßig, wir waren beide davon überzeugt, dass wir nun in höherem Alter die Liebe unseres Lebens gefunden hatten. Es konnte gar nicht anders sein!
Diese Übereinstimmung in vielen Dingen, aber auch diese wundervollen Unterschiede - wie liebenswert das doch alles war.

Ich tat das damals ab, wollte mir meinen Traum vom Glück nicht zerstören lassen und ihn keinesfalls aufgeben. Und doch wirkte diese Geschichte in mir irgendwie nach. Damals bereits fühlte ich das erste Mal die Angst, die mir später zu einem treuen Begleiter während dieser Beziehung werden würde.

Als er dann merkte, dass es mir ernst wurde mit der Beziehung, kamen die auf leisen Pfoten die ersten Distanzmanöver um die Ecke. Noch eher leicht. Schwammige Aussagen, von wegen, er wisse nicht, ob er das ganze Wochenende für mich erübrigen könnte.

Ich begann, das erste Mal zu weinen, heimlich natürlich und nicht vor ihm. Aber ich ahnte schon, wohin die Reise führen würde. Aber wieder verdrängte ich alles, redete mir alles schön und wartete auf Zeichen der Zuneigung, die mich immer sofort und für den Moment ruhig stellten.
Die nächsten Monate wurde es immer schlimmer, Ich verzehrte mich nach dieser hoffnungslosen Liebe, die ich nie erreichen würde und er schaffte immer wieder Distanz.

Er konnte mich in Null komma nichts von Wohlfühltemperatur in einen Eiseskeller der Angst und der Enttäuschung stossen und merkte es nicht mal.

Ich war wie ein Spiegel. Hauchte er zartfühlend in den Spiegel, blühte ich auf, sofort und mit Wohlbefinden, Genauso schnell andersrum. Ich wurde empfindlich und ich fühlte die Abhängigkeit.

Mir war klar, wie toxisch diese Beziehung war, denn ich war nicht mehr Ich. Ich lebte nur noch für diese Beziehung und wenn ich ihn nicht sah, so dachte ich über ihn nach. Das Misstrauen bei mir wuchs. Es war schlichtweg Verlustangst und Eifersucht.

Ein unglaublicher Hormoncocktail hielt mich bei der Stange. Glücksgefühle, Erleichterung, dann wieder Anspannung, Angst vor ihm und einer Trennung und Enttäuschung. Die Hormone fuhren rauf und runter. Normalzustand? Was ist das? Ich hatte vergessen wie das Leben auch sein konnte, vor ihm.Ha, aber jetzt, jetzt lebte ich. Nur wie? Wie auf Dro.. Er war mein Dealer, der mir schadete und der entschied, ob ich meinen Stoff bekam oder nicht und wenn ja, wie lange. Entzug war unvorstellbar, aber er kam.

Kriech zu Kreuze und er fühlt sich oben und bestätigt, denn er hatte die Machtposition wieder erlangt. Der Mächtige kann dann auch gnädig und nachsichtig sein. Gnädig trat er auf, das trifft es genau.

Ich äußerte den Wunsch auf eine Wochenendreise. Er reagierte wieder mal verschleiert und ich merkte, ich musste ihm Zeit lassen.
Es war die Zeit, ein Wochenende, in der er die Beziehung klar machte. Die Trennung kam, denn die Bedrohung war zu groß. Eine Begonie, die Wünsche äußerte, die Ansprüche stellte. Wo kämen wir dahin?

Trauer bestimmte mein Leben, bis auch diese Freundschaft, die nur noch aus Mails und ab und zu Telefonaten bestand , ein Ende fand.

Die Mechanismen klärten sich auf und lagen offen da, die wir abgespult hatten. Jeder war nur der Gefangene seiner eigenen Defizite und Sehnsüchte gewesen. Schuld relativierte sich, denn mein Verhalten bedingte auch seines und umgekehrt. Eine Art Läuterungsprozess setzte ein. Er war schuldig und auch unschuldig und ich auch.

Das war typisch. Am Schluss drehte er die Schuldfrage um. Ich war die Gemeine, die Schuldige und seine Weste blieb rein.
Sein Mittel zur Selbsthilfe!

Ich bin mir sicher, dass ich damit zur schwarzen Fee bei ihm mutierte. Wenn wir uns mal sehen, grüßen wir uns und gehen weiter. Kein privates Wort mehr! Kein blödes Geschwafel! Ich kam mit ihm nichts mehr anfangen und der Reiz, den er ausübte, ist längst verschwunden. Er würde mich langweilen und außerdem würde ich sämtliche Äußerungen von ihm sofort durchschauen.

Gott sei Dank, ich bin clean. Ich habe meine Zeit gebraucht, aber ich habe wieder zu mir gefunden. Ich habe etliche Defizite entdeckt, die mich dorthin geführt haben und ich habe an mir gearbeitet. Ich bin kein anderer Mensch geworden, aber ich kenne mich jetzt besser. Und ich habe begriffen, wenn ich mich nicht um mich kümmere, tut es keiner. Jeder ist seines Glückes Schmied, das kann kein anderer erledigen. Ein unzufriedenes Leben wird durch eine Beziehung nicht zufriedener, aber man kann eine zufriedenstellende Beziehung führen, wenn man lernt, sich selbst anzunehmen.
Es liegt alles an einem selbst.

Solche Menschen wie er sind gute Lehrmeister. Sie bringen einen an Grenzen und eröffnen letztendlich auch Chancen. Und dafür bin ich ihm sogar dankbar. Wäre er nicht gewesen, hätte ich nicht so viel gelernt.

08.06.2022 16:55 • #42


Pilot66


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@Lebenskünstler

Danke für Deine Erfahrung!

Ja, diese Menschen können und das ist das unfassbare, ihren Partner derartig manipulieren durch Gaslighting und Future Faking, dass man selber nachher glaubt, die Schuld läge bei einem selber, bzw. man hätte selber bestimmte Dinge getan, die jedoch gar nicht so waren.
Leider fühlt sich keine Beziehung so richtig an, wie die Falsche!

... und bin vom Kopf völlig klar, welche Muster dazu führten und wo mein Anteil lag.

Wenn mein Gefühl noch mitspielt, was hoffentlich bald der Fall ist, werde ich wohl stark genug sein, alleine zu stehen und standhaft zu bleiben, falls sie sich noch mal meldet, oder gar Runde drei einläuten will.

08.06.2022 17:00 • #43


Pilot66


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@pablito

Besser kann man es wohl nicht ausdrucken:

Hach, das haben Ihre Freunde und Familie auch über mich gesagt und dann auch sie selbst, aber schlussendlich sinds nur leere Worte.

Finde es sowohl bemerkenswert als auch erschreckend, wie sehr sich die Geschichten im Kerne ähnlich sind.
Schlussendlich ist man als Geschädigter eine Erfahrung reicher und die BÄ ziehen weiter ihre traurige Kreise.

08.06.2022 17:01 • #44


Pilot66


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@Lebenskünstler

Danke für diese Tatsache:

Ich zitiere hier einen meiner Lieblings-Coaches C. Hemschemeier: Achtet nur auf die Taten, niemals auf die Worte! Nur was sie für EUCH tun, kann man werten und messen. Geschrieben hat man schnell, getan jedoch erfordert ganz andere Skills
Wenn man sich diesen Spruch zu Herzen nimmt, ihn zu seinem Leitspruch macht, dann erscheinen viele Dinge, ja auch viele Beziehungen zu Freunden, auf einmal in einem ganz anderen Licht, als man sie vorher sah.

08.06.2022 17:03 • #45



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