64

Bindungsangst bei Frau

Pilot66


330
2
183
@Begonie

Wie schon Du das beschrieben hast:

Ich googelte und mir fielen die Augen raus. Über dieses Phänomen gab es ja ganze Bücher! Ich las einige und sah meine Beziehung.
Die Probleme, die ich als einzigartig ansah, waren gewöhnlich. Fast erschreckend, wie wenig individuell das alles war.

Stefanie Stahl beschrieb in ihrem Buch Jein die Mechanismen, die ablaufen, ganz genau. Und sie beschreibt auch, warum man sich aus solchen Beziehungen oft kaum lösen kann. Eben weil die Bindungsvermeider ein gutes Gespür dafür haben, wann und wie sie sich beim Partner wieder melden und ins Spiel bringen, dass der automaitsch und glücklich über die Zuwendung sofort wieder erfreut bereit steht. Eine scheinbar liebevolle SMS, ein Anruf zu unerwartetet Stunde, eine liebe Mitteilung - der Wartende ist meist mit so wenig zufrieden, dass er sich an jeden Strohhalm klammert.

Die Taktik ist so: Da, darfst Du mal *beep*, wie es wäre, wenn Du den ganzen Bonbon bekommen würdest. Aber ätsch, den kriegst Du nicht, denn ich bestimme, wie oft Du daran *beep* und riechen darfst, ehe der Bonbon vor Deinem Mund wieder verschwindet.

Geschickt halten sie einen in der Warteschleife.Das geht natürlich nur mit den richtigen Partnern. Diese Partner sind meist auch ziemlich austauschbar und sich im Wesen ähnlich. Von einer großen inneren Sehnsucht nach Liebe und Verschmelzung geprägt, oft mit Defiziten aus der Kindheit wie Liebesentzug und zu wenig Beachtung geplagt, eiern sie ziellos durchs Universum. Bis sie dann in die Umlaufbahn von Mr. oder Ms. X finden und dann dort ihre Kreise ziehen. Sie sind zwar Mitglieder der Umlaufbahn, aber werden auf Abstand gehalten. Das traurige Schicksal ist immer dasselbe: Der Partner zieht voller Sehnsucht nach Nähe seine Kreise und wie weit er dem Zentralgestirn nahe kommen darf, entscheidet das Zentralgestirn.
Wie gerne wäre ich die Hauptperson in seinem tollen Leben gewesen, war aber im Endeffekt nur der Zaungast, der ihm oft eifersüchtig und missgünstig beim selbstständigen Leben zusah. Und indem ich sein scheinbar tolles Leben sah, wurde mir wieder mal bewusst, wie klein und unvollständig doch mein Leben war. Man weist sich selbst eine ungenügende Rolle zu.

Dazu braucht es auch eine bestimmte Wesensstruktur, die so ein Beziehungsmuster innerlich akzeptiert. Zwar leidet man innerlich oft darunter, aber im Grund genommen teilt man sich selbst etwas Unvollständiges zu. So, als ob man eine richtige Beziehung nicht wert wäre, begnügt man sich mit einer Pseudobeziehung, die diese Bezeichnung nicht verdient.

Mangelndes Selbstwertgefühl ist der ideale Nährboden für toxische Beziehungen. Das betrifft den aktiven Bindungsvermeider, der meist auch süchtig nach Bestätigung und Zuwendung ist, weil er im Grund genommen weiß, dass er nicht viel wert ist. Und das betrifft den passiven Part, der von vorn herein davon überzeugt ist, dass er nicht viel wert ist.

Und so kommen zwei Partner zusammen, die beide defizitär um nicht zu sagen, krank sind. Im Grund genommen ist es eine Art Krankheit, die immer wieder aufflammt, sich zeitweise scheinbar bessert, ehe sie wieder akut zum Vorschein kommt. Genauso laufen diese Beziehungen ab.Zwei Kranke werden gemeinsam nicht heil, weil jeder in seiner Krankheit verharrt und nicht raus kommt.
Und ein gesunder Mensch mit einem gesunden Selbstwertgefühl und mit einem ausgeprägten Ehrgefühl würde sich ja nie auf so eine Schmalspurbeziehung einlassen bzw. beizeiten wieder verschwinden.

Was der passive Bindungsvermeider meist nicht weiß, ist , dass er selbst von dieser Krankheit betroffen ist. Er lebt und liebt ja leidenschaftlich und wünscht sich doch nichts mehr als eine schöne Beziehung auf Augenhöhe, die Glück und Zufriedenheit und innere Ruhe bringt. Aber er sucht ausgerechnet dort nach Liebe und Zuwendung, wo er sie nicht oder nur sporadisch bekommt.

Es bleibt nur, mit den eigenen Defiziten zu leben, sie zu erkennen und sie anzunehmen und das Beste draus zu machen.Es ist es wie es ist und damit fertig.

Seltsam, wo eigentlich diese Träumereien vom Märchenprinzen geblieben sind, der in mein Leben kennt, meinen einzigartigen Wert erkennt und mich rettet. Sie sind einfach weg. Die Realität ist zwar ein gutes Stück kälter, aber doch lebenswert. Also machen wir das Beste draus.

08.06.2022 17:12 • x 1 #46


Pilot66


330
2
183
@Begonie

Oh ja:

Du warst wohl der Auslöser, dass sie beim Therapeuten aufgeschlagen ist. Ob er ihr helfen kann, ist fraglich, aber für Dich auch egal. Du bist aber mit Sicherheit nicht der Grund, warum sie ihre Vergangenheit aufarbeiten will. Die Fehlprogrammierungen bei ihr dürften in der Vergangenheit zu suchen sein. Das aufzudecken, ist Sache von ihr und dem Therapeuten.

Geh Du Deinen Weg weiter und vermeide jeglichen Kontakt. Sie war nur eine Episode.

08.06.2022 17:15 • #47



Bindungsangst bei Frau

x 3


Pilot66


330
2
183
@merilin

Ich weiß:

Sie liebt dich nicht. Sie nutzt die Vorteile die du ihr bringst um dann verliebt zu sein in jemanden der sie schlechter behandelt als du. Ist so.

08.06.2022 17:17 • #48


Pilot66


330
2
183
Bei uns ist es also aus. All right.

Meine BÄ und ich waren im sechsten Jahr inkl. Dreiecksbeziehung (sie verheiratet) gewesen.

Da es hier ja eine geballerte Kompetenz gibt, würde ich gerne auch noch eine Frage los werden.

Ich hatte sie aufgrund unserer Fernbeziehung des öfteren einmal gefragt, warum sie mir, von Weihnachten einmal abgesehen (Bitte warte auf mich) eigentlich NIE einen Brief oder sonst etwas schreiben würde?

Mir kam das im Nachhinein so vor, als hätte sie dann etwas heucheln müssen, dass sie ohnehin nicht aufrichtig meint, sodass ich sie später nicht an ihren eigenen gemachten Worten verbindlich festnageln kann.

Was meint Ihr, wieso ein BÄ, auf den alles zutrifft, was Stefanie Stahl beschreibt und der das auch alles selbst eingesteht, sich weigert, seinem Affärenpartner einen Brief zu schreiben?

08.06.2022 18:31 • #49


Pilot66


330
2
183
@Begonie

Liebe Begonie,

besser als Du es in Deinem Post vom 04.11.2019 beschrieben hast, kann man es definitiv nicht beschreiben! Daumen nach oben!

Danke für Deine Zeit und Mühe, welche Du in Deinen Beitrag investiert hast!

Gestern 10:00 • #50


Pilot66


330
2
183
@Begonie


Was für eine Meisterleistung Deiner Beschreibung!

Daaaaaaanke für diesen tiefen Einblick in Deine damalige seelische Verfassung!

Gestern 10:38 • #51


Begonie


1722
5385
Danke für Dein Kompliment!
Ich kann gut darüber schreiben, weil ich das ja durchlebt habe, dieses ständige Hoffen und Bangen, die Sehnsüchte, die Gier nach seiner Zuwendung und die Abhängigkeit von ihm. War er lieb und zugewandt, stellte sich sogleich ein wohliges Gefühl ein und durchströmte mich. Oft war es anders und er wirkte kühl und irgendwie abwesend, was mich oft schon verwirrte. Mit der Zeit stellte sich dann die Abwertung meiner Person ein. Es begann leise und doch bemerkte ich es und im Lauf der Zeit spürte ich, dass ich trotz aller Anstrengungen nichts mehr richtig machen konnte. Wir waren längst in der Abstiegsphase angelangt und ich redete mir immer noch alles schön und klammerte mich an Strohhalme. Denn das Ziel war klar: Alles, nur keine Trennung!

Natürlich kam die Trennung, die er aussprach. Klar, er hatte ja die Hosen an, er gab den Takt vor, er entschied über mein Wohlbefinden oder eben über Ängste und Zweifel und Trauer.
Er wollte, obwohl er ja kaum in der Lage war, dauerhaft eine Beziehung zu halten, immer die Kontrolle haben.

Ich erinnere mich an einen Festabend auf einem Kongress. Er ging mit seiner EDV-Truppe zum Feiern und ich mit einer Kollegin und einem, den ich vorher nicht kannte. Es war zunächst für mich sein sehr lustiger Abend und wir hatten viel Spaß. Im Lauf des Abends trabte ER dreimal an meinem Tisch vorbei - scheinbar zufällig. Und doch hatte ich das Gefühl, dass er mich kontrollieren wollte. Zugegeben hätte er es nie.
Viel später traf eine SMS von ihm ein mit der dummen Frage ob ich noch da sei. Ich ärgerte mich, weil er ja nur nachschauen hätte müssen. Und doch keimte wieder die Hoffnung in mir auf. Ich schrieb zurück dass ich noch ein Wasser trinke und dann gehe. Keine Reaktion. Dabei hatte ich irgendwie gehofft, er würde vielleicht auch gehen wollen, mit zu mir.

Als ich zum Ausgang ging, sagte meine Kollegin (die einzige, die von uns wusste), dass er da stand. Tatsächlich, ich ging direkt an ihm vorbei und ich fragte mich, warum er jetzt da rum stand. Wollte er vielleicht doch ...? Als ich vorbei kam, fragte ich ihn kurz: Und, bleibst Du noch! Er sagte nur ja, ich bleibe noch.
Meine Enttäuschung war wieder mal grenzenlos. Ich hatte den Schimmer einer Hoffnung, die er wieder zunichte gemacht hatte, mit ein paar wenigen Worten.
Ich hielt mich noch, bis ich mich von der Kollegin verabschiedet hatte, die in einem anderen Hotel wohnte. Dann ging ich allein weiter, nach Mitternacht und heulte und heulte und ich war so froh, dass mir niemand begegnete. Irgendwie schaffte ich es ins Hotel.
Ein Abend, der fröhlich begonnen hatte und in tiefer Traurigkeit endete. Es war hoffnungslos und das wusste ich insgeheim die ganze Zeit. Aber ich handelte nicht danach, ich ließ handeln und mich be-handeln.

Gestern habe ich ein Buch über narzitischen Missbrauch gelesen und einiges kam mir sehr bekannt vor ...
Und ich, die scheinbar lebenstüchtige und fröhliche Frau wurde zu einem passiven Anhängsel, das die meiste Zeit Verlustängste hatte und Eifersucht verspürte. Er nahm ja auch Kontakt zu anderen Frauen auf, von denen er angeblich nichts wollte, als ich ihn darauf ansprach. Er lerne halt gerne Jemand kennen, sagte er. Ich glaubte ihm sogar, dass er nicht das Eine von denen wollte, aber sie gaben ihm doch etwas sehr wichtiges: eine narzistische Zufuhr von Anerkennung und Geschätztwerden. Er war gierig nach jeder Form der Anerkennung und der Bestätigung, aber was von mir kam, wirkte schon lange nicht mehr. Da wirkt das von einer anderen Frau natürlich ganz anders.

Es ist jetzt so lange her, aber wenn ich mich an Episoden erinnere, ist es, als ob es gestern erst gewesen wäre.
Er hat mich nachhaltig gebeutelt, aber ich verspüre noch heute eine große Erleichterung, dass dieses Kapitel Geschichte ist und ich es doch recht gut gemeistert habe. Er hat mich nicht gebrochen und klein gekriegt.
Er war nicht bösartig, aber irgendwie doch hinterhältig und er tat vieles im Geheimen. Ehrlich war er selten, aber auch nicht direkt verlogen.
Es ist kompliziert zu beschreiben. Jedenfalls war er auch bedauernswert, ein Gefangener seines inneren Traumas, das ihn wahrscheinlich sein ganzes Leben begleiten wird. Und da verspüre ich auch wieder ein wenig Mitleid mit ihm. Er war nicht daran schuld, andere hatten ihm zu dem gemacht, was er ist. Sein Elternhaus, das ihm vermutlich zu wenig Liebe und Anerkennung gab. Die Mutter überfordert mit Zwillingen, die eineinhalb Jahre nach ihm zur Welt kamen. War er bis dahin der mütterlichen Zuwendung sicher, so änderte sich das vermutlich schlagartig, zumal ihr auch der Vater nicht hilfreich zur Seite stand. Und so war er entthront, lief so nebenher und verstand nichts, denn er war ja noch ein Kleinkind. Aber auch so etwas brennt sich ein.
Später fühlte er sich oft allein und diesen Zustand übernahm er ins Erwachsenenalter. Er war gerne allein, aber doch brauchte er die Umwelt als einen Spiegel, dass er eben doch wichtig und geschätzt ist.
Mit seinem Vater verband ihn wenig. Der arbeitete, aber kümmerte sich wenig um das Familienleben. Urlaub gab es nicht und gemeinsame Unternehmungen mit Kindern und Eltern auch nicht. Er behandelte ihn nicht gut, den erstgeborenen Sohn, sondern wertete ihn oft ab. Geh weg, das kannst Du nicht - solche Sprüche waren wohl häufig. Für die Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins ist das kein Nährboden. Vielleicht wurde er vom Vater auch geschlagen. Viel weiß er nicht mehr, denn das meiste hat er ausgeblendet und verschoben ins Unterbewusstsein, sodass er den Schmerz der Ablehnung nicht mehr spürt, aber er wirkt eben doch und steuert ihn unbemerkt.

Er war innerlich traurig, er lachte nie, er lächelte hin und wieder. Und nicht mal das bemerkte ich, erst viel später. Er war allenfalls lauwarm, aber nie richtig warm. Er wusste und erspürte instinktiv, wie er sich zu verhalten hatte, damit er das bekam, was er brauchte. Lob, Bestätigung und noch mehr Lob.
Klar war er im Beruf gut und kompetent, aber innerlich doch ein kleiner trauriger Bub geblieben, der sich über Wasser hielt und doch nirgendwo richtig ankam. Im Grund seines Herzens ein Sonderling.

Ich habe meinen Therapeuten damals mal gefragt, ob Bindungsängste heilbar seien. Da meinte er, nur schwer und es ist eine langwierige Angelegenheit und setzt die Erinnerung des Klienten voraus und auch die Bereitschaft zur Erinnerung. Aber was, wenn das meiste scheinbar vergessen ist und verschüttet? Dann ist oft nicht mehr viel zu machen, denn der Patient muss nochmals in sein Drama zurückkehren, um es zu bewältigen.
Oftmals gehen diese Menschen gar nicht zu einem Therapeuten. Der eine Grund ist sicher die Angst, was da alles ans Tageslicht kommen könnte. Der andere ist, dass sie oft nicht glauben, dass sie es nötig hätten. Es ist einfacher so weiter zu leben und sich wieder einen neuen Partner zu suchen, der für eine Zeitlang das große Glück ist, ehe er in der Abwertung landet.

Sei gottfroh, wenn Du dem entronnen bist. Einmal Hölle und zurück reicht für den Rest des Lebens!

Vor 14 Minuten • #52


Pilot66


330
2
183
Zitat von Pilot66:
Das aufzudecken, ist Sache von ihr und dem Therapeuten.

Natürlich!

Vor 11 Minuten • #53


Begonie


1722
5385
Weißt Du, ob sie noch in der Therapie ist? Denn solche Menschen brechen diese oft ab, wenn es zu schmerzhaft wird.

Vor 8 Minuten • #54



x 4




Ähnliche Themen

Hits

Antworten

Letzter Beitrag