Als ich gestern Abend meine Runde mit dem Hund drehte, es war schon richtig dunkel und ich konnte den ein oder anderen Blick in die Wohnstuben der Siedler werfen, nahm ich in einem Haus eine größere "Tafelrunde" wahr, die wohl zum Essen zusammenkam. Diese Wahrnehmung war für mich auch noch einmal ein Moment, in dem ich mein aktuelles Alleinesein, mein Dasein als eine von anderen abgeschnittene Existenz wahrnehmen musste. Die Coronadeprivation verstärkt diese Wahrnehmung, alleine schon dadurch, dass diese eigentlich alltägliche stattfinden könnende Sicht in das Wohnzimmer der mir Fremden, durch das Ausbleiben von Alltagsgeräuschen etc.. Was ist nun das Besondere an der Situation "Getrennt sein", wenn man das Trennende auch täglich wahrnehmen kann, ja muss?
Sehe ich meine Existenz in einem größeren Kontext, weiß ich, dass alle Individuen alleine bzw getrennt sind, da ja, wie jeder weiß, jegliche Existenz an unseren Körper gebunden ist und eine sächliche Verbindung mit einem anderen Körpern nicht möglich ist. Die Verbindung kann also allein auf einer geistigen, spirituellen Ebene stattfinden oder sich durch Handlungen des Miteinanders schaffen.
Ich finde die Erkenntnis, das Alleinseins von Allen hilfreich. Damit hebt man die Unterschiede zwischen des eigenen abgeschnittenen Daseins grundsätzlich auf und stellt sich in eine große Gemeinschaft der alleine Seienden. Das ist etwas, was für alle Menschen Gültigkeit hat und man ist gut aufgehoben in dieser "Gemeinschaft".
Schaut man mehr auf Sich, auf den eigenen Mikrokosmos, verlässt man diese Gemeinschaft und sieht sich mehr im Vergleich zu den anderen. So die meine Wahrnehmung der Familie zu Tisch, der ich nicht angehören darf. Allein der Vergleich ist es, der mir Schwierigkeiten macht, denn ich erkenne in diesem Augenblick des Vergleichs, dass ich nicht die Möglichkeiten habe, die andere aktuell haben. Ich kann mich nicht gemeinsam an einen Tisch setzen, Gespräche vis a vis führen, also eine geistige oder handlungsorientierte affirmative Nähe herstellen. Nichts kann werden, auch, da die Situation eine ist, die ich selbst gar nicht herbeigeführt habe.
Mir fällt bei diesen Gedanken gerade das Thema einer jungen Frau ein, die hier einen Beitrag veröffentlicht hat, in dem sie beschreibt und beklagt, dass sie "Getrennt wurde, einen Skiunfall hatte und mit Krücken seit Wochen im Zimmer liegt und nun noch mit der Coronadeprivation klarkommen muss". Die junge Frau litt, demgemäß, was sie schreibt entsetzlich in dieser Situation, auch und gerade, weil sie sich immer mit anderen menschen, die zwar auch unter der Coronaisolation leiden müssen, aber eben nicht zusätzlich unter den anderen, den ihr zugefallenen unglücklichen Hindernissen.
Ein Dasein, welches fast schlimmer als eine Gefängnisssituation erscheint. Ich wünsche dieser jungen Frau viele gute Gedanken und Menschen, die ab und an auf sie achtgeben. Und am allermeisten wünsche ich ihr, dass sie es schafft aufzuhören, sich mit anderen zu vergleichen.
Wie lässt sich nun das abgetrennte Dasein besser ertragen? Mir scheinen "Spaziergänge, Joggen, Krafttraining ..." zwar gute Betätigungen, aber ist es nicht die ausgeschaltete Wahrnehmung unseres Daseins, die uns diese Situationen nicht auch als "Allein" wahrnehmen lässt? Würde man sich der Situation "Joggen" gedanklich wirklich stellen, offenbarte sie uns, dass wir auch hier allein sind. Das können wir natürlich in Situationen, in denen wir uns Linderung versprechen, nun gerade gar nicht gebrauchen, also verdrängen wir dies und denken eben, dass wir "joggen" (und nicht alleine sind). Unser Unbewußtes sieht das natürlich anders und wir spüren das auch. Aber deswegen "helfen" diese Substitute auch nicht wirklich.
Mir persönlich hilft es, wenn ich diese Vergleiche lasse. Wenn ich meine Existenz als Individuum unter Individuen sehen, die alle gleichzeitig das Schicksal des Alleinseins tragen. Das schafft eine große Gemeinsamkeit. Manchmal kann man diesen vergleichen nicht entfliehen, ist ihnen plötzlich und unerwartet ausgesetzt. Wird dadurch an andere Tage und Situationen erinnert. Diese plötzliche Niedergeschlagenheit, diese Depression die der Wahrnehmung folgt, kann man aber wieder zurückdrängen, in dem man sich vergegenwärtigt, dass der Ursprung derselben allein in einem Vergleich liegt.
Nachtrag: immer wieder beneide ich meinen Hund. Er denkt darüber gar nicht nach
