Zitat von Blanca:Schon zu Schillers Zeiten inspirierte das Thema "Verstand vs. Vernunft" Werke wie "Die Räuber". Da gab es noch kaum Maschinen, wohl aber steht die Figur des Franz Moor für den eiskalt berechnenden Verstandes- und die seines Bruders Karl für den Vernunftmenschen, dessen Charakter auf einer Kombination von Verstand plus Gefühl basiert.
Du weckst Erinnerungen, z.B. an vanKempelens "Schachtürken". Im ausklingenden 18. Jahrhundert war das Spiel oft der Inbegriff für den Verstand, obwohl heute auch klar ist, das Intelligenz und die Fähigkeit es gut zu spielen nur im relativen Sinne miteinander korrellieren. Schon damals träumte man von einer Maschine (Verstand), die der Vernunft des Menschen überlegen wäre. Doch dieses mechanische Kunstwerk war eine geschickte Täuschung, weil zwischen den Zahnrädern und Gestängen ein Mensch versteckt war, der die Züge registrieren konnte. Oder der "blecherne Trompeter". Für die damalige Welt muss der Gedanke faszinierend gewesen sein, tatsächlich eine künstliche Intelligenz schaffen zu können, die dem Mensch ebenbürtig oder gar voraus wäre.
Zitat von Blanca:Instinkte steuern unser Verhalten demnach mit, doch anders als die darauf reduzierte Tierwelt haben wir auch die Fähigkeit zur Vernunft
Da sprichst du was an. Natürlich kann die Vernunft (Verstand und Gefühl) in der Entscheidung siegen, wenn es entsprechend bedacht wird. Die Steuerung durch die Instinkte halte ich aber für enorm stark. In großen Gruppen und auch Experimenten, die gemacht wurden, kommt das unglaublich zum Vorschein, wie wir sehr dazu neigen, dem stärkeren, sich durchsetzenden Teil, oder dem Einen, der Einen, ergeben nachzufolgen. Mag am Anfang in den Gesichtern der Massen die Überraschung, die Empörung zu lesen sein, so wirst du in einigen von ihnen auch die Faszination ablesen können, die Erregung, die sie ergreift, was sie sehen und hören. Da werden "tierische" Instinkte schnell wach und aktiv.
Zitat von Blanca:Letztlich hat der Bauch bzw. "die innere Stimme" recht, wenn sie warnend in uns pocht, während die Gier uns in eine andere Richtung zieht. Dieses Pochen hat viel mit inneren Werten zu tun... je gefestigter man in seinen Wertvorstellungen ist, desto eher wird man auf ihn hören, statt sich seinen Instinkten hinzugeben, wie ein Tier.
Ja, die innere Stimme, die Werte, die gelernt oder verinnerlicht wurden, die mögen sich empören. Wut entsteht und doch werden all diese Gefühle und der Verstand überlagert. Von der Gier "dem Tierischen" in uns, den Hormonen, die in Wallung geraten. In jenem Moment für Gerechtigkeit einzutreten, für Werte, emphatisch (im Sinne von Humanismus) den Schwachen zu schützen oder wenn es nur einen selbst betrifft, selbstbewusst, trotz all dieser anderen Triggerimpulse für das Richtige einzutreten, ist extrem schwer und bedarf einer sehr ausgeprägten und würdevollen Persönlichkeit.
Zitat von Blanca:Ein Mensch mit tief verinnerlichten Wertvorstellungen müßte sich selbst verraten, um bestimmte Dinge zu tun.
Wenn die "Gier" durchschlägt, findet dieser Selbstverrat auch statt. Das geschieht dann, wenn eine Situation vielleicht ganz plötzlich auftritt. Die Impulse überrollen eine(n) Frau, Mann unter Umständen. Reichen verinnerlichte Wertvorstellungen dann aus? Eventuell, aber das setzt einen sehr starken Charakter voraus, einen Menschen, der von enormer Festigkeit geprägt ist, der Lebenserfahrung hat und diese sehr, sehr tief im Leben reflektiert, immer wieder.
Zitat von Blanca:doch es gab auch eine friedliche Version - die Zeugen Jehovas etwa. Eugen Kogon widmete letzteren in "Der SS-Staat" ein interessantes Kapitel, das damit schließt, daß die Lager-SS zwar ein grausames Katz- und Mausspiel mit ihnen trieb, aber psychologisch nicht ganz fertig mit den "Bibeltreuen" zu werden vermochte.
Das Beispiel der Zeugen Jehovas aus dieser Zeit kenne ich. Der SS in den Lagern gelang es so gut wie nicht sie gegeneinander auszuspielen. Das Teile-und-Herrsche-Prinzip funktionierte bei ihnen nicht, weil ihr Glaubensgebäude stärker war. Das ist ein erstaunlich interessantes Beispiel und verdient Hochachtung, weil es zeigt, das Menschen auch in Gruppen füreinander einstehen können. Ähnlich wie dies früher in den Bergen der Welt öfters geschah, auch wenn die Anzahl kleiner war. Egal wie bedrohlich die Situation war, achteten Einzelne nicht in vorderster Priorität auf ihr eigenes Leben. Das hat vermutlich viel mit Charakterbildung zu tun, die im Menschen entweder sehr früh reift oder nie zum Vorschein kommt. Bei anderen vielleicht lange überschattet wird, aber ein Schlüsselereignis in ihrem Leben, dies nachhaltig ändert.
Zitat von Blanca:Wer mal die Riefenstahl-Filme gesehen hat wird wissen, wie faszinierend sie sogar heute noch wirken.
Der Film über die Besteigung des Nanga Parbat 1954 durch Hermann Buhl ist ja auch ein Film von Leni Riefenstahl. Das Pathos des Dritten Reiches ist da drin noch total spürbar.
Zitat von Blanca:als damaliger Zuschauer - ein eigenes, geschlossenes Weltbild hatte, das es beispielsweise absolut verwerflich empfand, Gottes Werk - den Menschen - neu erschaffen zu wollen. Wer sowas tief verinnerlicht hat, in dem konnte sich angesichts der Konfrontation mit Bildern, die den perfekten Körperbau so herausstellten, erst mal vor allem ein Störgefühl " regen.
Eine Erlöser-Ideologie wirkt immer tief. Es entstand ein neues nationales Selbstbewusstsein. In solchen Systemen hat Religion und Gott oft wenig verloren, weil es der Vergötterung des Erwählten im Weg steht. Unabhängig wo und wann auf der Welt. Jedesmal, wenn solche Reiche emporwachsen, ist das für den Menschen mit einem humanistisch oder christlich geprägten Weltbild ein Störgefühl. Er spürt intuitiv, das er sich hier nicht einreihen kann, das etwas propagandiert wird, mit dem er sich aufgrund eigener innerer Werte niemals identifizieren kann. Die Stärke des Individiums zeigt sich in der Regel oft erst in Ausnahmesituationen, wo die menschliche Substanz auf Herz und Nieren geprüft wird.
Zitat von Blanca:Jemand, der aus innerer Überzeugung in einem Behindertenheim tätig ist, kann vielleicht nachvollziehen, wie ich das meine
Im Zivildienst war ich in einem Behindertenwohnheim tätig. Mit diesen Menschen hatte ich keine Berührungsschwierigkeiten. Die Leute liebten es eher, wenn du einfach und unkompliziert warst und sie selbst trotzdem ernstgenommen hast, mit ihnen über Unsinn gelacht hast. War eine gute Zeit, an die ich mich ganz gern erinnere.
Zitat von Blanca:"Nein, alles schön und nett, aber das bin ich nicht und ich will damit auch so wenig zu tun haben, wie irgend möglich." (Gänzlich entziehen kann man sich dem Programm eines totalitären Systems bekanntlich nie.)
Nein, die haben ihre eigene Faszination. Sie entsprechen dem versteckten Wunsch des Menschen nach Macht und Stärke.
Zitat von Blanca:Jedenfalls wird es deutlich größer sein als das von als jemand, der sich darüber bislang keinen großen Kopf gemacht hat und nach dem Motto lebt: "Mal gucken."
Jemand der sagt "mal gucken" tut dies gerne mit einer jovialen Bemerkung am Rande. Lächelt dabei und denkt sich "mir liegt die Welt zu Füssen, ich hole mir was ich will".
Einen Kopf wird sich dieser Mensch nicht machen. Höchstens dann, wenn er/sie an den Falschen geriet und die geernteten Früchte schwer verdaulich sind.
Zitat von Blanca:Und tut er es doch, so wird ihn dessen Annäherungsversuch empören, statt begeistern.
Auf sehr hohem moralischen Niveau Blanca. Menschen, die zutiefst gefestigt sind. Die Welt, wie wir sie jetzt kennen, zeigt uns mehr die Verführung. Dadurch ist es eine harte Lernaufgabe so ein Mensch zu werden und dauerhaft zu bleiben.
Zitat von Blanca:Und wen es wirklich schon auf den ersten Blick so erwischt, daß alle Störgefühl-Sicherungen erst mal durchknallen, der wird spätestens beim Aufwachen am nächsten Morgen spüren, daß er im falschen Film gelandet ist.
Eher schon, wenn es so passiert ist. Oder der/die sind auf den Geschmack gekommen und lassen alle moralischen Hüllen fallen, selbst wenn sie zuvor noch grundlegende Werte zeigten.
Zitat von Blanca:Und selbst wenn auch diese Barriere eingerissen werden konnte und die Affaire sich hinziehen sollte: Irgendwann wird jemand mit einem gesunden Selbstbewußtsein in den Spiegel schauen und sich sagen, daß es besser ist, eine Entscheidung zu fordern und zu akzeptieren, wenn sie zugunsten der Hauptbeziehung ausfällt.
Bei mir hat dieser Weg ein ganzes Jahr gedauert, bis zur faktischen Loslösung. Nicht mal dann war ich ohne ihren Tritt in der Lage, diesen Weg einzuschlagen. Warum wohl nicht. Die verletzte Eitelkeit überschattet gelegentlich jenes das sinnvoller wäre. So schlagen wir oft lange falsche Wege ein, die uns in die Irre führen, uns Schmerzen bereiten, bis wir irgendwann zum Erkenntnisgewinn bereit sind oder uns dahin hin komplementieren lassen. Das ist dann die unfreiwillige Bruchlandung und die tut weh.
Zitat von Blanca:Das ist vielmehr nichts anderes als die Reakton auf das Störgefühl, das man im eigenen Bauch wahrnimmt.
Das Störgefühl nahm ich schon nach 4-6 Wochen wahr. Langsam, Stück für Stück immer mehr, wo ich spürte, es fehlt an Respekt, an der eigentlichen Essenz in einer Beziehung oder einer Affäre, in der von der Möglichkeit einer Beziehung gesprochen wird (Augenhöhe). Ich nahm durchaus wahr, es wäre besser die Sache frühzeitiger zu beenden, aber die tiefliegenden "Instinkte" verhinderten es wohlweislich
Zitat von Blanca:Der Zuneigung zu sich selbst nämlich und dem Ärger, angesichts der Hartnäckigkeit, mit der derjenige, mit dem man sie führt, darauf bestehen bleibt, lieber mit jemand anders gemeinsam leben, sich fortpflanzen, alt werden
Die Traumschlösser wurden mir auch gebaut. Die sind verführerisch. Da mäandern im Kopf die schönsten Bilder herum, wartet auf die Verwirklichung in Raten. Dann Vertröstungen, Hinhaltetaktik, wieder eine Prise Leidenschaft, Spielchen, wieder ein Leckerchen und so weiter. Gefühle wie Wut, Ärger, Eitelkeit, Sehnsucht nach Geborgenheit, Ängste, Verliebtsein, Kindheitsverletzungen. Die vermischen sich und halten uns in diesem Hexenkessel oft eine geraume Zeit fest.
Zitat von Blanca:In der Tat kann einen das so wütend machen, daß man den Kontakt abbricht... ja.
Hm. Ja, und selbst eine gewisse Spanne danach, wallen noch alte Emotionen auf. Die Wut steht dann nicht mehr im Vordergrund, sondern mehr das Nichtverstehen warum alles so kam.