Zitat von FebruarChaton: Ich maße mir an, dass zwischen uns Liebe ist
Liebe ist ein starkes Wort und wird erstaunlich oft dort bemüht, wo ich sowas wie Liebe noch überhaupt nicht zu erkennen vermag.
Liebe ist etwas, das Zeit zum Wachsen benötigt, plus eine umfassende Kenntnis der Person des anderen. Dazu benötigt es eine Phase des Kennenlernens, in dem sich die anfänglichen Anziehungs- und Verliebtheitsgefühle verdichten, verstärken und sich die Hoffnung, auch in wesentlichen anderen Dingen gut zueinander zu passen, erfüllt sodass die Beziehung sich vertieft, verfestigt und sich auf dieser Basis mit der Zeit eine echte Liebe entwickeln kann. Dies führt zu stabilen, tragfähigen Beziehungen, in denen man kein Drama braucht, um sich und seine Gefühle für den anderen spüren zu können.
Bei deiner Geschichte sehe ich eher Strukturen, die zu einer Affäre passen. Ich würde das noch nicht mal als Kennenlernen einordnen. Alles geht total schnell und überstürzt, Emotionen kochen von Anfang an direkt hoch, alles wird mit Bedeutung aufgeladen. Es gibt keine Phase des normalen Kennenlernens, sondern eine Reihe von Highlights, Kurztrips und viel ChiChi, gekoppelt an massive Streits, Eifersuchtsszenen und zur Krönung noch die ungeplante Schwangerschaft.
Vielleicht magst du mal genauer ergründen, warum du darin Liebe siehst. Ich sehe eher einen Mann, der deutlich weniger für dich fühlt als du für ihn (und der ein ziemlicher Gigolo zu sein scheint, der weiß welche Knöpfe er bei Frauen drücken muss, außerdem recht misogyn angesichts seiner Wünsche dich in Sack und Asche zu kleiden) und der dich noch gern bei der Stange halten will. Du jedoch bist für ihn heiß entbrannt, hältst deine durch die affärenartige Struktur eurer Beziehung besonders hoch kochenden Hormone und Emotionen für echte Liebe. Ich glaube dir, dass du sehr heftige und sehr intensive Gefühle für alles hast, was mit diesem Mann zu tun hat. Ihn selber jedoch kennst du in Wahrheit kaum, und an entscheidenden Stellen war er nicht sehr nett zu dir, mal ganz davon zu schweigen dass er anderweitig gebunden war (oder ist) und aktiv Dates sucht.
Je stärker die eigene Verliebtheit, desto weniger klar sieht man ob der andere wirklich ein geeigneter Partner sein kann. Verliebtheitsgefühle wiederum verstärken sich unter bestimmten Voraussetzungen, und dazu gehören: Gefährdung des Begehrten (z. B. durch Streit, durch Eifersucht, dadurch dass der andere gebunden ist oder sonst wie rar verfügbar) und Drama. Dazu kommt dass man sich nicht richtig kennenlernt, weil man sich immer nur unter besonderen Umständen sieht, und die weißen Flecken auf der Persönlichkeitslandkarte des anderen mit seinen eigenen Projektionen und Wunschvorstellungen ausfüllt.
Dies ist unter anderem die Ursache dafür, dass gerade in Affären und affärenartigen Beziehungen die Beteiligten oft besonders stark gefühlsgesteuert sind und dies begründet auch die suchtartigen Phänomene in solchen Beziehungen. All dies sehe ich hier bei dir in besonderem Maße gegeben.
Du würdest deutlich besser mit der ganzen Situation zurechtkommen können, wenn du emotional ein paar Schritte zurück machst und das Ganze aus der Vogelperspektive betrachtest. Dir zugestehst, dass dies vielleicht der Beginn einer großen unsterblichen Liebe ist, vielleicht aber auch nur ein völlig verkorkstes Affären-Kennenlern-Drama, in dem deine Gefühle aufgrund der beschriebenen Dynamiken frei drehen.