@TylorB
Ich versuche mal, das Ganze so zu betrachten, dass es sowohl dir als auch deiner Frau angemessen ist.
Grund für das Chaos, das über euer Leben hereingebrochen ist, ist ja nicht die absurde Handlung, die deine Frau an dem Senior vorgenommen hat, sondern ihre Unfähigkeit, das alleine zu verarbeiten und aus eurer Beziehung herauszuhalten. Wäre sie selber stark genug gewesen, das mit sich auszumachen, so wäre euer weiteres Leben genau so verlaufen, wie ihr es geplant hattet. Die Welt wäre in Ordnung. So wie sie in Millionen Ehen in Ordnung ist, in denen die Männer Prost. aufsuchen, weil es ihnen zuhause nicht reicht. Ich habe das bewusst provokativ formuliert. Sie war aber nicht stark genug dafür, denn du warst ja ihr „Fels in der Brandung“, und so glaubte sie offensichtlich, dass du ihr dabei helfen würdest, dieses absurde und unschöne Kapitel abzuschließen. Sie fand diesen Mann anfangs sympathisch, er hat es ausgenutzt und sie war außerstande, ihre Grenzen zu setzen, bis sie sich vor all dem ekelte. Und es dir dann gestand.
Du bist offensichtlich gerade in einer Phase der Einsicht. Das finde ich großartig und hoffe, dass die notwendigen Gespräche möglichst bald stattfinden. Ob deine Frau die Ehe wirklich noch fortsetzen will und kann, wird sich dann hoffentlich bald heraus stellen.
@All
Was ich nun schreibe, richtet sich also nicht nur an den TE, sondern an alle, die es interessiert, wie komplex der gesamte Prozess ist, in dem der TE gerade steckt. Denn es geht ja wieder mal um das schreckliche Wort SCHULD. Seit über 20 Jahren helfe ich Menschen durch Beziehungs- und Lebenskrisen. Und immer ist es die vermaledeite SCHULD, die soviel Elend und Kummer erzeugt. Manchmal verzweifle ich daran. Denn SCHULD ist relativ, das beachten die wenigsten. Und man erwirbt sie nicht, man bekommt sie auferlegt. Die Kriterien nach denen das geschieht, sind völlig diffus, subjektiv und situationsbedingt.
Am einfachsten scheint das bei strafrechtlicher Schuld zu sein. Denn da gibt es dicke Gesetzbücher und es wird gerichtlich ermittelt, wer Schuld hat und wie schwer die Strafen sind. Und das ist dann absehbar und angemessen. Aber HALT! Es gibt Länder, in denen einem die Hand abgehackt wird, wenn man gestohlen hat. Und es gibt Länder, in denen man für Handlungen die Todesstrafe bekommt, die bei uns alltäglich und völlig legitim sind. Und so ist schnell klar: Selbst im strafrechtlichen Bereich ist SCHULD relativ. Ein paar Meter hinter einer Grenze, und schon ist alles anders.
Und wenn zwei Brüder ihre Schwester getötet haben, weil sie „die Ehre der Familie beschmutzt hatte“, dann standen sie unter dem Druck ihrer Tradition und glaubten das tun zu müssen, denn diese SCHULD musste ja getilgt werden. Grausam, absurd und trotzdem geschah und geschieht so etwas. Weil Menschen der Meinung sind, das SCHULD gesühnt, bestraft oder gerächt werden muss.
Noch schwieriger ist es dann mit der moralischen SCHULD, auch in unserer offenen Gesellschaft. Bis in die 50er des vorigen Jahrhunderts waren die Spielräume da gering, weil großenteils von der Kirche vorgegeben wurde, was moralisch vertretbar ist und was nicht. Das hat sich dramatisch geändert. Denn hier gibt es kein Strafgesetzbuch, sondern – meist unausgesprochene - Vereinbarungen zwischen den Partnern. Die wenigsten Paare werden allerdings schriftlich festlegen, was der einzelne noch tun darf und was nicht. Sie werden es meist nicht mal explizit benennen. Ab welcher Handlung muss man also mit Strafe rechnen? Ist es das Berühren eines anderen Menschen? Eine Umarmung, ein Kuss? Viele umarmen sich und Küsse können sehr unterschiedlich sein. Sind es vor allem sexuelle Handlungen? Ist SB ein Trennungsgrund? Oder das Verschicken von eigenen Bildern?
Für viele ist das völlig klar, für andere nicht. Ich habe eine Frau begleitet, die kurz vor der Geburt stand, ihren Mann sehr liebte, aber herausgefunden hatte, dass er Bilder von seinem besten Stück verschickt hatte. Sie wollte ihn zwar eigentlich nicht verlieren, er bereute den Mist auch sehr. Aber in dem Forum wurde ihr zigfach geraten, das Schwein unbedingt sofort zu verlassen. Ist die Trennung wirklich eine Lösung? Ist sie eine angemessene Strafe oder bestraft der Trennende sich nicht selber genauso? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Trennungen keine Probleme lösen, sondern meistens neue Probleme schaffen.
Selbst wenn sich ein Partner neu verliebt, bedeutet das nicht zwingend die Trennung. Denn ich habe etliche Male erlebt, dass der Betrogene gewartet hat, es vergeben konnte und die Beziehung danach besser war als vorher.
Wodurch lädt man also SCHULD auf sich? Wenn ein Partner seine Frau übel beschimpft, Gegenstände durch die Wohnung wirft, ihr jedes Gespräch verweigert, auszieht und sie damit verlässt – lädt er dann nicht ebenfalls SCHULD auf sich? Und was geschieht, wenn auf SCHULD in der Beziehung unmittelbar die Strafe folgt? Im Strafrecht gibt es Anwälte zur Verteidigung und einen neutralen Richter, der nur dem Gesetz verpflichtet ist. Bestrafungen in der Beziehung sind da deutlich spontaner. Und sie richten oft großen menschlichen Schaden an, auch beim Strafenden selber.
Wenn mich Menschen in solch schwierigen Situationen um Hilfe bitten, ist mein erster Wunsch, den Begriff der SCHULD aus der ganzen Korrespondenz ab jetzt heraus zu nehmen. Stattdessen reden wir von URSACHEN, von VERANTWORTUNG und von WIEDERGUTMACHUNG. Wir reden nicht über das „Hätte“, sondern darüber, was ab jetzt besser gemacht werden kann. Wir reden darüber, wie der Betreffende dazu kam, das zu tun, was mich verletzt und ob er es weiter tut, oder ob er damit aufhört. Im vorliegenden Fall sind die Ursachen noch gar nicht wirklich herausgefunden, die Verantwortung hat die Frau bereits übernommen, indem sie offen gelegt hat, was sie getan hat und dass sie es bereut. Und zur Wiedergutmachung konnte es bisher nicht kommen, weil nicht mal klärende Gespräche stattfanden. Dass sie „zu allem bereit ist“ hat sie aber klar gestellt.
Ich bin sehr betroffen von einigen Beiträgen, die ich gelesen habe. Ich würde wünschen, dass man sich viel Mühe gibt, solche Fälle behutsam und sachlich zu beurteilen. Oder noch besser: Gar nicht zu urteilen, sondern so viele hilfreiche Gedanken und Standpunkte wie möglich zusammenzutragen und die Schlussfolgerungen ergebnisoffen dem Ratsuchenden zu überlassen. Viele tun das hier, darum schätze ich das Forum sehr. Und der TE scheint ja daraus auch etwas gelernt zu haben, neue Einsichten gewonnen zu haben. Aber lassen wir doch so viel wie möglich die SCHULD außen vor. Das wünsche ich mir.
Sorry für die vielen Worte, aber kurz kann ich nicht.