Lieber Tyler,
du überraschst mich, so wie viele andere auch. Das was du da beschreibst, klingt nach einer erstaunlich hohen Hormonausschüttung, so wie sie Neuverliebte empfinden. Und die hat vermutlich begonnen, als die Verabredung stand und es klar wurde, dass deine Frau offensichtlich nicht auf eine Trennung hin arbeitet, sondern genau das tun will, was ich geschildert hatte: Mit dir zusammen das Problem anpacken und bestenfalls lösen. Aus jedem deiner Sätze spricht das „Wir“, und das war zu hoffen, aber es war keineswegs damit zu rechnen.
Zitat:>>Allerdings habe ich auch immer wieder ein schlechtes Gefühl im Magen, wegen der vielen Zeit die ich in meinem eigenen "Gefängnis" verbracht habe. Eine Zeit mit viel Wut, Selbstzweifeln und dummen Kopfkino. Ob die Zeit sinnlos war? Mit Sicherheit nicht... aber sie war definitiv viel zu lange. Da habe ich ein richtig schlechtes Gewissen.<<
Das spricht für dich. Die Zeit war außergewöhnlich lang und das war von außen betrachtet destruktiv. Aber man sieht von außen eben das Wesentliche nicht. Ein „Schlechtes Gewissen“ hat man dann, wenn man die Erkenntnis gewinnt, dass man etwas anders hätte tun sollen. Die Erkenntnis ist konstruktiv, aber das Rückwärtsgewandte „Hätte“ ist destruktiv. Denn ändern und handeln kann man nur in Gegenwart und Zukunft. Die Vergangenheit bleibt wie in Stein gemeißelt bestehen. Ändern kann man aber die Sicht auf das, was man getan hat. Und zwar dann, wenn neue Erkenntnisse hinzu kommen. Insofern kannst du also das, was du über die Zeit deiner Wut und Selbstzweifel schreibst, positiv verwerten und die Zeit als Investition in das ansehen, was nun getan werden kann. Du hast halt länger gebraucht als andere. Das war Lebenszeit, aber wenn daraus positive Erkenntnisse gewonnen werden können, war es gut investierte Lebenszeit.
Zitat:>Wie ich bereits im ersten kurzen Feedback geschrieben erwähnte, haben wir es die ganze Zeit über geschafft ohne Vorwürfe und Schuldzuweisungen zu sprechen. Speziell als wir nach einer Weile auf die auslösende Situation und diesen für uns beide so schrecklichen Tag kamen.<<
Deine Wut, dein Unverständnis und ihre Reue haben sich aufgewogen. Vielleicht kann man das so sehen. Es war ein neues Gleichgewicht gefunden worden. Und das wird für euch beide sehr überraschend gekommen sein. Ihr wart beide davon überrascht – oder gar überwältigt – dass eine solche Begegnung und ein solchen Gespräch überhaupt möglich waren, ohne dass negative Gefühlsausbrüche sich störend auswirken konnten. Denn auch deine Frau hätte ja Grund genug gehabt, dein extrem hartes Herangehen zumindest kritisch zu erwähnen, um ein relatives Gleichgewicht wieder herzustellen. Das hat sie nicht getan und auch du konntest auf jeden Vorwurf verzichten. So können nur sehr reife und einsichtige Menschen handeln. Meinen aufrichtigen Glückwunsch dazu.
Zitat:>>Auch jetzt nach über einem halben Jahr und regelmäßigen Sitzungen beim Psychiater, kann sich meine Frau immer noch nicht erklären wie es dazu kommen konnte. Hier gab es also für mich keine neue "Erkenntnis". <<
Dazu möchte ich anmerken, dass die Erkenntnisse, die sie aus den Therapiesitzungen hat gewinnen können, möglicherweise einfach nur noch nicht „zur Veröffentlichung dir gegenüber geeignet waren“, sondern dass sie selber noch viel über sich zu lernen versucht. Und das sei ihr von Herzen gegönnt. Nicht jeder neue Gedanke, den sie aus den Sitzungen gewinnen kann, müsste sie mit dir teilen. Sie muss sich selber neu finden. Und du bist ihr geliebter Partner, nicht ihr Therapeut.
Zitat:>>Was mich sehr berührte... und ich Ihr auch zu 100 % glaube... Sie schwört darauf das Sie trotz der schrecklichen letzten Monate, meinen Ausraster (für welchen ich mich wie angekündigt bei ihr entschuldigte) und der ungewissen Zukunft, es mir wieder genauso Beichten würde, wenn die Zeit nochmal zurückgedreht werden würde. Sie hätte das niemals für sich behalten können. Ihr kam zu keiner Zeit der Gedanke in den Sinn, es mir zu verschweigen. <<
Das berührt auch mich zutiefst. Da ist null Berechnung, da ist null Strategie, da ist nur das Bedürfnis, mit dir zusammen dieses Tal zu durchschreiten, um dann auch gemeinsam wieder rauf zu kommen und einen neuen größeren Horizont sehen zu können. Das was sie durch die Beichte getan hat, war eine gewaltige Zumutung für dich. Und sie stellt klar, dass sie diese Zumutung für angemessen gehalten hat und für angemessen hält. Denn du bist nun mal ihr Fels, und Felsen halten so etwas aus.
Zitat:>>Sie hatte große Scham. Sie war wütend auf sich. Sie hatte gelitten.<<
Wie weit ist das alles von dem entfernt, was Außenstehende gern vermuten, wenn sie von solch einem Vorfall hören oder lesen. Bitte glaube es ihr, egal wohin euer Weg euch führt. Wenn die Ehe beendet werden muss, dann einvernehmlich und mit Respekt und Würde.
Zitat:>>Wenn mir allerdings jemand vor ein paar Tagen noch erzählt hätte..., das ich mit meiner Frau Zuhause auf dem Sofa sitze und wir uns umarmen, ich hätte ihn für verrückt erklärt. <<
Naja, der Typ, der du vor wenigen Wochen oder Tagen noch warst, der hier seine Gedanken und Gefühle ausgeschüttet hat und vor Wut kaum geradeaus gucken konnte, wäre dazu ja auch nicht imstande gewesen. Du hast zuvor einen Wandel durchgemacht, der uns alle hier aus den Socken haut.
Zitat:>>Von daher waren diese Umarmungen in unserer Situation schon eher außergewöhnlich und ein hohes Maß an Intimität. War aber glaube ich für uns Beide so in Ordnung, auch das es nicht mehr gab.<<
So handeln nur reife Menschen mit hoher emotionaler Klugheit. Ihr wart im JETZT, und das was geschah, war genau das Richtige im Jetzt.
Zitat:>>Wir haben uns gegenseitig um Verzeihung gebeten. Und wir haben uns beide verziehen.
Ohne geht es nicht. Das habe ich hier in vielen tollen Beiträgen lernen können.
Das was passiert ist, gehört jetzt zu unserer "Geschichte". Aber eine gute Geschichte (wir sind immerhin über 20 Jahre zusammen) besteht aus mehr als nur ein paar Seiten.<<
Ganz ehrlich? Besser kann man es nicht machen. Das klingt wie aus einem Fachbuch über die Aufarbeitung einer Krise. Ich bin schwer beeindruckt.
Zitat:>>Einen "richtigen Plan" haben wir jetzt für uns beide natürlich, noch nicht "ausgearbeitet"...<<
Gott sei Dank, denn der würde ja nur binden. Ihr seid aber frei darin, auch weiterhin euren Gefühlen zu folgen und mehr und mehr den jeweils anderen dabei in den Blick zu bekommen und in diese Pläne mit hinein zu nehmen.
Zitat:>> Alle User die mir PN geschickt haben und jetzt noch auf Antworten warten....<<
Dazu gehöre ich auch. Würde mich freuen, auch auf dieser Ebene von dir zu hören/lesen.
Jetzt versuche erst einmal, das Geschehene in deinen Alltag zu integrieren und mehr und mehr Fenster und Türen zu finden, durch die du in den nächsten Lebensabschnitt hinaus schauen kannst. Viel Erfolg dabei!