@allMir stellt sich beim Lesen dieses Themenstrangs und einiger Beiträge erst einmal die Frage (um die es hier doch in erster Linie gehen sollte):
WIE kann man einem Menschen in einer solch extrem schwierigen und lebensverändernden Situation am besten
HELFEN?
Dadurch, dass ich tröste und Mitleid zeige?
Dadurch, dass ich den Ehemann, der betrogen hat, beschimpfe und den Eindruck erwecke, dass es sowieso besser ist, wenn er nicht mehr da ist?
Dadurch, dass ich die Ratsuchende deutlich auf ihre eigenen Fehler Hinweise und damit unterschwellig sage: "DU BIST DARAN SELBER SCHULD? Also zieh die Konsequenzen und nimm dein Leben in die Hand!"?
Dadurch, dass ich aus eigenen (oder miterlebtem) Erfahrungen berichte, die vielleicht ähnlich abgelaufen sind?
Dadurch, dass man zusammen mit dem Ratsuchenden versucht, die Gründe für die Krise oder Trennung herauszufinden, damit er
VERSTEHEN kann, was dazu geführt haben könnte?
Was bedeutet es überhaupt ZU HELFEN? Für mich bedeutet es in erster Linie, einen Ratsuchenden da abzuholen, wo er
JETZT gerade ist. Dazu gehören die äußeren Umstände, dazu gehört der Gemütszustand und dazu gehört die Frage, wie der Status Quo entstanden ist, damit der Ratsuchende seinen Weg in diesen Status Quo nachvollziehen, verstehen und damit auch irgendwann das Handeln des anderen verstehen kann (ohne dafür Verständnis aufbringen zu müssen. Denn über das Verstehen werden Verletzungen am ehesten geheilt.
Dazu gehört dann auch, zu akzeptieren, was geschehen ist. Aber bevor man das kann, muss man erst einmal aufhören, die Situation noch verändern zu wollen und den Partner zurück bekommen zu wollen. So lange diese Hoffnung also noch besteht, ist der Status Quo ja noch nicht statisch, sondern fließend. Also bedeutet
HILFE bis zum Zeitpunkt der Akzeptanz vor allem, den Ratsuchenden dabei Wege zu zeigen, auf denen er zu einer eigenen
ENTSCHEIDUNG gelangen kann. Denn Akzeptanz ist ja Entscheidungssache. Wenn andere ihm sagen, was er ihrer Meinung nach entscheiden SOLLTE, übernimmt dieser Ratgeber automatisch und unbewusst auch Verantwortung für das Handeln des Ratsuchenden. Darum halte ich solche konkreten Trenn dich! Imperative für übergriffig.
Ein Ratsuchender kann eine Änderung oder Entscheidung nur dann herbeiführen, wenn er auch selber in der Lage ist, dafür die Verantwortung zu übernehmen und die Konsequenzen zu tragen. Und zwar nicht für Tage und Wochen sondern meistens für den Rest des Lebens.
Ich finde also, dass jemand, der Rat erteilt, immer auch ein ganzes Stück Verantwortung trägt und übernimmt. Es sei denn, man berichtet nur über eigene Erfahrungen und schildert die eigene Sicht. Dann steht es dem Ratsuchenden frei, daraus Lehren zu ziehen oder nicht.
Am wenigsten hilfreich ist es in meinen Augen, wenn über SCHULD gesprochen wird, egal ob die beim Partner oder beim Ratsuchenden selber festgestellt wird.
Dass das alles nur meine persönliche Meinung ist und kein Dogma, ist selbstverständlich.
Vor diesem Hintergrund wende ich mich jetzt an
@tindLiebe Tind.
Wo willst du hin? Weiß du schon, was dein Ziel sein könnte? Hast du noch das Bedürfnis, deinen Mann zurück gewinnen zu können, wenn du ihm zugestehst, dass sein Ausbruch für dich nachvollziehbar sein könnte, weil du selber auch Fehler gemacht hast? Oder kannst du sogar schon einen Silberstreif am Horizont erkennen, wenn du an eine Zukunft ohne ihn denkst?
Meine Erfahrung zeigt, dass es bis zu diesem Streifen noch einige Wochen dauern wird und dass dabei auch eine Rolle spielt, was von ihm noch kommt. Sind noch Gespräche geplant? Hast es überhaupt schon Gespräche gegeben, aus denen hervor geht, wie euer weiteres Leben verlaufen kann?
Zitat:>>Es ist eher so, dass unsere Partnerschaft mir Sicherheit in meinem Leben gegeben hat, da sie etwas war, worauf wir beide bauen könnten, die uns Halt und Unterstützung gegeben hat. Darauf könnte ich mich verlassen. <<
Das ist nachvollziehbar und das ist von einer guten Lebensbeziehung, aus der Kinder hervorgehen sollen, auch zu erwarten.
Zitat:>>Das bedeutet aber nicht, dass ich mich in Sicherheit gewogen habe und alles als selbstverständlich angesehen habe. Es war vielmehr über all die Jahre so, dass wir beide häufig darüber gesprochen haben, eine ganz besondere Beziehung zu haben, die durch sehr großes Vertrauen, Liebe und Respekt geprägt war.<<
Dann hast du dich zu Recht darauf verlassen, dass Dinge, die die Beziehung belasten könnten, auch angesprochen wurden. Hat er das denn mal getan? Und was war es dann, was er angesprochen hat, mit dem er unzufrieden war?
Zitat:>>Wir haben einige befreundete Familien zerbrechen sehen und viele Gespräche zu dem Thema geführt. Gerade im letzten halben Jahr, da in der Ehe unserer besten Freunde eine AF passiert ist. Vielleicht ist es gerade deshalb für mich so unfassbar, dass er nicht mit mir über sich/uns geredet hat, mir nicht gesagt hat, wie unglücklich er tatsächlich ist. Es hat zig Momente gegeben, in denen er über sich hätte sprechen können.<<
Kann es sein, dass ihm der Mut dazu fehlte, eure
"ganz besondere Beziehung" in Frage zu stellen? Kann es sein, dass du stark argumentieren kannst und er sich deinen Argumenten nicht gewachsen fühlen könnte? Kann es sein, dass eure Beziehung nicht ganz ebenbürtig war und du vielleicht die Stärkere warst? Vor diesem Hintergrund wäre auch nachzuvollziehen, warum er gleich widerspruchslos ausgezogen ist, als du ihm das gesagt hast.
Zitat:>>Ich bin so enttäuscht von ihm, weil er keinen Versuch unternommen hat unsere Partnerschaft zu retten. <<
Darum glaube ich ja auch, dass es sinnvoll ist, nach den Gründen zu suchen, warum er das nicht getan hat. Er könnte also in dem Glauben, dir in einem solchen Gespräch nicht gewachsen zu sein, ausgebrochen sein in eine Affäre. Denn das war einfacher. Es kann aber auch sein, dass er zu bequem dafür war, sich mit dir über seine konstruktiven Änderungsansätze zu unterhalten. Es war ihm einfach zu anstrengend und es hätte für ihn auch bedeutet, sich mit seinen eigenen Anteilen auseinander zu setzen.
Zitat:>>Das bedeutet nicht, dass ich keinen Anteil an dem ganzen Desaster habe, ganz bestimmt nicht! Ich mache mir die größten Vorwürfe, dass ich die Katastrophe nicht kommen sehen habe.<<
Das ist sinnvoll, wenn du dich dabei nicht überforderst und dir auch selber vergeben kannst, nachdem du das angesehen hast.
Zitat:>>Zu Hause herrscht nur noch Ausnahmeszustand, nichts mehr ist normal. Ich kann nicht essen, nicht schlafen, gestern bin ich ohnmächtig geworden vor den Augen der Kinder, die jetzt natürlich noch mehr Angst haben, weil sie geglaubt haben, dass ich sterbe.
Ich gebe mir wirklich die größte Mühe, nicht zu viel an die Kinder heranzulassen, aber das funktioniert nur bedingt.<<
Mein konkreter Rat an dich ist, dass du sehr schnell über eine Familienberatungsstelle eine professionelle Begleitung für deine Kinder findest. Es gibt da spezielle Institutionen, die Kindern in Trennungssituationen in verschiedenen Altersgruppen die Möglichkeit geben, sich mit dieser Trennung dergestalt auseinander zu setzen, dass sie keinen der Elternteile hassen müssen. Denn diese Gefahr besteht ja, wenn sie dich so leiden sehen und keinen Grund erkennen können, warum der Vater auch sie verlassen hat. Das sollte so bald wie möglich geschehen. Gerade der Versuch der "Parentisierung" von deinem Sohn stimmt da bedenklich, denn er möchte dich trösten, dich schützen und für dich in solchen Momenten das sein, was eigentlich Aufgabe von Eltern ist. Das fühlt sich gut an, ist aber für Kinder immer eine Überforderung.
Ich hoffe, ich konnte dir hier ein paar Denkangebote geben. Was du davon annehmen oder weiter verfolgen kannst, liegt nur bei dir.
Und wenn du weitere Fragen hast, gerne