Hallo Kartoffelklos!
Zu Deiner ersten Frage: Ich finde es weder ok noch nicht ok, daß er seine Frau in irgendeinem Glauben läßt (der mir zudem nicht bekannt ist). Ich beurteile das nicht. Das kann nur er mit sich selber ausmachen.
Tatsache ist jedenfalls, daß man in unserer Gesellschaft nicht einfach nach Hause kommen und sagen kann: "Ach ja, Schatzi - ich hatte übrigens vorhin S. mit einer/m anderen." Oder: "Ich habe mich in jemandem verliebt." Das kann alles augenblicklich zum Einsturz bringen. Also wird es auch nicht so einfach gesagt wie meinetwegen, man habe eben vorhin einen Storch gesehen. Es geht hier, aufgrund dieser Konvention, wie sie bei uns eben vorherrschend ist, ja nicht um irgendeine Kleinigkeit, sondern um eine Tragödie von oft gewaltigen Ausmaßen.
Es ist nun einmal so, daß jeder sein Weltbild besitzt (samt zugehörigen Moral- und Wertevorstellungen, Ideologien, Maßstäben und allen Einschätzungen, Wahrheiten, Vorlieben und Empfindlichkeiten, die sich daraus ergeben), aber dabei gar nicht merkt, daß nicht er das Weltbild besitzt, sondern vielmehr das Weltbild ihn besitzt.
Das Zweite, was ich sagen möchte, ist (bezüglich Deiner Frage, wie ich mich fühlen würde): Ich war 15 Jahre lang mit meiner früheren Lebensgefährtin zusammen (ich bin nicht wegen ihr hier). Nach ungefähr 12 Jahren hatte sie über Monate eine Affäre, von der ich dann auch wußte. Sie ist schließlich (auch mit meinem Wissen) mit diesem Mann für einige Tage nach Venedig gefahren. Gerade dabei ist in ihr eine solche Sehnsucht nach mir aufgeflammt, daß sie die Affäre sofort nach der (vorzeitigen) Rückkehr beendet hat. Ohne daß ich in irgendeiner Form Druck ausgeübt, gebettelt, gejammert, gedroht oder ihr ein Ultimatum gestellt hätte oder sonst etwas.
Im letzten Jahr unserer Beziehung hat sie das Internet entdeckt, auch einige Datingportale. Sie hatte dann innerhalb von etwa zwei Monaten mit ca. 10 verschiedenen Männern S. Auch daran ist unsere Beziehung nicht zerbrochen, sondern das hatte andere Gründe.
Jetzt mag man vielleicht mit dem schlagenden Argument "Weichei" daherkommen. Aber damit hatte das nicht das Geringste zu tun. Sondern vielmehr hat es damit zu tun, daß ich aufgrund verschiedener Umstände zu einem einigermaßen anderen Lebensverständnis gekommen bin und ich das Leben so annehmen kann, wie es ist. D. h. unter anderem ist mir vollkommen bewußt, daß nach Jahren einer Beziehung die Gefühle versanden können, der S. langweilig werden kann und sich das Bedürfnis nach S. mit jemand anderem einstellen kann. Das ist für mich nicht unmoralisch, sondern nur natürlich. Jedenfalls ist es die Realität des Lebens. Und nicht die Realität wird sich an mich anpassen, sondern nur ich kann mich an die Realität anpassen. Das ist zwar etwas schwieriger und langwieriger als einfach zu sagen: ich bin, wie ich bin, und halte dieses und jenes nicht aus, oder: etwas hat gefälligst so und so zu sein (nach eigenem Gutdünken); aber zu guter Letzt wird einem das mehr bringen als ein stures und starres Beharren auf der Unumstößlichkeit und Berechtigtheit seiner Ansichten und Zustände.
Wer immerzu die Augen vor der Wirklichkeit verschließt, dem kann sie nur dann und wann auf den Kopf fallen.
Mir ist dabei durchaus verständlich, daß eben jeder anders empfindet und auch seine Urteile und Reaktionen sich danach richten. Ich habe ja auch das selber erlebt, in jüngeren Jahren. Ich kann mich etwa daran erinnern, als ich meine erste Freundin hatte (so mit etwa 17). Die hat einmal vor meinen Augen Petting auf bayrisch mit einem anderen praktiziert (also mit ihm getanzt), und ich habe zwei Wochen nichts mehr mit ihr geredet und furchtbar gelitten. Nur finde ich halt, daß man weder sich noch dem Partner etwas Gutes tut, wenn man das bis ans Ende seines Lebens beibehält - das kann ja nur immer wieder Leid, Frust, Zerwürfnisse und Untergang heraufbeschwören.
Grundsätzlich ist es (für mich) schlicht und einfach so, daß man - gerade in der Liebe - nichts erzwingen, ertrotzen, erpressen, erkämpfen kann. Und ich halte allein den Versuch schon für einen großen Unfug. Was dabei bestenfalls herauskommt, ist entweder ein Schauspiel oder irgendein ermüdetes, erschöpftes, verhungertes Arrangement, das mehr von einer verwüsteten und verlassenen Kriegslandschaft an sich hat als von einer blühenden Wiese.
Aus diesem Grund halte ich es auch für sinnlos, jemandem zum Bleiben oder umgekehrt zum Kommen zu nötigen. Alles dieses Erzwungene, Ertrotzte, Erpreßte hat für mich absolut nichts mit Liebe zu tun, und ich frage mich auch, was man mit einem solchen Schmarren überhaupt anfangen sollte.
Liebe ist eben nichts, das sich für alle Zeiten versprechen läßt, das sich an papierene Verträge hält oder sich an den Finger stecken läßt. Wie Du ja selber sagst: entweder man liebt oder man liebt nicht.
Schau, die Fragen, die Du sonst noch stellst, kann ich nicht beantworten. Wieviel Zeit gerechtfertig ist - das kann doch nur die TE selber für sich beantworten (und ich fürchte, nicht einmal sie kann das ... denn wenn sie meinetwegen nun 3 Monate festlegt für sich - was, wenn Liebe und Sehnsucht dann noch weiter bestehen?). Es geht hier ja nicht um einen Kuhhandel, sondern um Gefühle, und je nachdem, wie tief diese sind, ob es eigentlich um Liebe geht usw. kann das jeder nur für sich händeln, so gut es eben geht.
Sie mag zwar das Recht haben, zu wissen, wo sie steht - aber dieses Recht hat nirgendwo eine reale Grundlage. Er kann einmal so, einmal so sagen - durchaus seinen jeweiligen Empfindungen und Vorstellungen entsprechend, was eben gerade die Oberhand hat. Gefühle aller Art sind ja nichts Lineares und für alle Zeiten Feststehendes. Man mag da zwar das theoretische Recht haben, zu wissen, wie die Dinge stehen, aber diese Dinge sind eben sehr schwankend. Was in ihm vorgeht, ist sicherlich ein innerer Kampf, und sehr viel mehr, als machtlos zuzusehen, wird auch er nicht können. Darüber sollte man sich keine Illusionen machen.
Das einzige Recht, das tatsächlich in ihrer Hand liegt, ist, selber eine Entscheidung zu treffen. Nur scheint das offenbar auch nicht so einfach zu sein ...
Liebe Grüße