Zitat von Blacksun: Und wie du selbst sagst- es ist zwar bei weitem noch nicht alles super, aber du hast Fortschritte gemacht, im Vergleich zum letzten Jahr.
Naja, manche Fortschritte waren und sind auch das Ergebnis von purer Verzweiflung. Denn ich wusste, so wie im letzten Jahr kann und darf es nicht bleiben. Da gehe ich auf lange Sicht kaputt. Dazu kommt, dass ich schon 48 bin, und manchmal sehr, sehr deutlich vor Augen habe, dass diese Lebenszeit eben begrenzt ist.
Durch den Schmerz sind bei mir auch Themen an die Oberfläche gekommen, die ich teilweise schon lange mit mir herumschleppe. Manches hatte ich vorher schon begonnen zu bearbeiten, war aber nie so recht zu einem Ergebnis gelangt, so dass sich Grundsätzliches geändert hätte. Nun war das anders, und plötzlich sah ich auch, wie ich viele Jahre irgendwie weggeworfen hatte, weil ich glaubte, Erwartungen erfüllen zu müssen, Schuld abzutragen und auch wiedergutzumachen. Das hat mich zusätzlich runtergezogen. Ja, und deshalb mache ich mir bewusst, je mehr ich im Leiden verharre und in der Erinnerung an diesen Mann festklebe, umso mehr verschenke ich auch jetzt wertvolle Lebenszeit. Dieser Gedanke half mir manchmal, doch auch nach vorn schauen.
Ich hatte im meiner größten Traurigkeit während des letzten Jahres beinahe alles abgesagt, was von außen an mich herangetragen wurde, mich zurückgezogen und jegliches Interesse verloren an Dingen, die mir sonst Freude gemacht haben. Aber ich möchte gern wieder am Leben teilzunehmen, und bin auch dankbar, dass die Menschen um mich herum nicht müde geworden sind und nie aufgehört haben nachzufragen. Wobei ich aber gestehen muss, vielfach auch einen Anstoß zu brauchen. Dann funktioniert das tausendmal besser. Für mich alleine fällt mir das schwer, da verfalle ich zu sehr ins Grübeln und lasse die negativen Gedanken gewinnen.
Lange dachte ich, alles erst aufarbeiten zu müssen, auch die Probleme, die in meiner Kindheit/Jugend lagen. Dann wäre ich irgendwann frei davon, und könnte endlich unbeschwert sein. Inzwischen sehe ich ein, dass dies immer zu mir gehören wird, und ich kann trotzdem auch jetzt schon leben. Ich bearbeite das weiterhin, werde vielleicht nie alles verstehen, nachvollziehen oder wiedergutmachen können. Vor allem aber kann ich es nicht mehr ändern, und manchmal blitzt so eine Idee auf, ich könnte trotzdem vielleicht doch in Frieden mit mir kommen.
Als dieser Mann in mein Leben trat, war alles so leicht und ich dachte, endlich meint es das Leben mal gut mir mir. Nach dem Umbruch und dem unendlich tiefen Sturz, nach vielen Tränen und Fragen nach dem Sinn all dessen begann ich langsam zu begreifen, dass ich es selbst gut mit mir meinen muss. Leichter gesagt als getan.
Zitat von Blacksun: Ich lese mich selbst in deinen Zeilen. AUch bei mir ist die Traurigkeit bester Bekannter geworden.
Die Traurigkeit ist vertraut, auch aus früheren Erfahrungen. Und Vertrautes gibt Sicherheit. So widersprüchlich das auch ist, vielleicht sucht man unbewusst nach Sicherheit und bleibt deshalb im Kummer, obwohl man mehr als deutlich spürt, es geht mir nicht gut damit.
Dagegen steht die Meinung, bewusst in einer Opferhaltung zu verharren, weil es so einfacher und eben bekannt ist. Man muss sich nicht auf das neue Leben, das Unbekannte einlassen, denn wer gibt schon die Garantie, dass es besser werden wird. Ich hatte auch diese Gedanken, mir würde nie, nie mehr ein nur annähernd so toller Mann über den Weg laufen. Und selbst wenn, es wäre doch nie ER. Deshalb auch die Frage, wozu überhaupt weitergehen im Leben.
Wahrscheinlich ist es bei mir das eine, als auch das andere. Aber es hat sich, wie gesagt, verändert. Die Zeit, die vergeht, trägt ihren Teil dazu bei. Rückschläge sind inbegriffen, und manchmal muss der Auslöser dafür gar nicht sehr groß sein. Dann geht es erneut talwärts, aber nur ein Stück, und ich finde schneller wieder Halt.
Schwierig ist es nach wie vor IHM zu begegnen, was in der kleinen Stadt hier (leider?) nicht dauerhaft zu verhindern ist. Vielleicht bin ich in diesem Punkt aber auch nicht ganz ehrlich zu mir. Fahre ich seine Straße entlang, weil ich mir beweisen will, dass es mir nicht mehr so viel ausmacht IHN zu sehen, oder hoffe ich nicht insgeheim doch, ER möge gerade in dem Augenblick dort entlang gehen? Weil ich mich dann freue, dass wir uns sehen und einander grüßen? Aber es soll dann bitte nicht seine Freundin dabei sein! Und so sind es ganz gemischte Gefühle, dort entlangzufahren. Wenn die Straße frei ist, bin ich erleichtert, denn ich muss mich dann nicht damit auseinandersetzen, was eine Begegnung in mir auslösen würde.
Mein größter Wunsch ist es, dass mich all das nicht mehr berührt, ER nicht mehr so in meinen Gedanken herumgeistert. Unwichtig auch, ob ich wenigstens noch ein kleines Krümelchen in seinem Leben bin.
Diesen Wunsch kann ich mir nur selbst erfüllen.
Zitat von Blacksun: Vielen Dank für deine Story, auch wenn es schlimm ist, tut es gut zu wissen, nicht alleine zu sein.
Auch ich danke Dir. Und bin immer wieder froh, hierher gefunden zu haben. Das Gefühl nicht allein zu sein, und einfach auch verstanden zu werden. Unglaublich, diese Unterstützung von Menschen, die mich überhaupt nicht kennen. Das ist so wertvoll. Tausend Dank dafür.