@Arella
Zitat: Im Grunde ist wohl jeder auf seinem eigenen Level - unwissend
Das ist wohl wahr und es wäre fahrlässig, die beschränkte Grenze der eigenen Erkenntnisfähigkeit zu leugnen.
Der defaitistische Grundton deiner philosophisch anklingenen Betrachtung des irdischen Elends, aus dem es kein Entrinnen gibt, erinnert mich an die Lektüre von Jean Paul Sartre`s existenzialistischen Werks "Der Ekel", das von der Absurdität der Sinnlosigkeit des menschlichen Daseins handelt.
Die Stimmungslage der Resignation und das Gefühl der Vergeblichkeit sind mir durchaus vertraut.
Für eine Recherche über Alzheimer war ich mal eine Woche in einem Pflegeheim für dementielle Patienten, in Wasserburg am Inn. Es gab in dem Haus einen Bewohner, der mich nachhaltig beeindruckt hat. Ein ältere Herr, der scheinbar alles vergessen hatte, sein ganzes 70 Jahre altes Leben. Einmal haben ihn einige Familienangehörige aus drei Generationen besucht. Weder hat er seine Frau noch seine Tochter erkannt, doch seine Enkelin kannte er nicht nur mit Namen, er konnte sie sogar auf Jahre zurück liegende Begegenheiten ansprechen, als seien sie gestern passiert, überdies sprühte er vor Freude, sie zu sehen, während er beim Anblick seiner Frau und Tochter keine emotionale Reaktion zeigte.
Ein Forscher auf dem Gebiet der Demenz erklärte mir die Beobachtung mit dem Verlust der Funktionalität, meist nach dem Eintritt in den Ruhestand. Was jedoch stattdesssen wieder zum Vorschein kommt, sind starke emotionale Erlebnisse aus der Vergangenheit. Solche hatte er wohl nur mit der Enkelin. Hätte er seine Frau innig geliebt, wäre ihm wohl auch ihr Name eingefallen, so blieb sie die Fremde, die sie wahrscheinlich im Eheleben bereits gewesen ist.
Was mich fasziniert hat, war sein ruhiges Gemüt im seiligen Zustand des großen Vergessen. Sein Gedächtnis hat den Ballast des funktionalen Lebens einfach ausgelagert, als habe die Routine von Ehe und Beruf nicht die geringste Bedeutung gehabt. Er wirkte auf seine entrückte Art glücklich.
Vielleicht sollten wir uns diesen Gemütszustand zum anstrebenswerten Ideal machen?