Zitat: PS. Die Geschichte, der nicht zurechnungsfähigen Satorius-Witwe, konntest du sie an den Tatort verkaufen?
Du bist echt schlau mit deinem Spürsinn oder eine geschickte Geheimagentin hinter deiner schwarzen Sonnenbrille.
Nun gut, weil du nach der Satorius gefragt hast, hänge ich aus purer Eitelkeit noch einige Absätze aus der Drehbuch-Zusammenfassung und dem Verbleib des Manuskripts an, die deine Fragen beantworten.
Erzähle es aber bitte nicht weiter, weil ich das Drehbuch tatsächlich verhökert habe und juristisch mein geistiges Eigentum, das den Besitzer gewechselt hat, nicht mehr veröffentlichen darf - aber sch. drauf, wir sind hier sowieso allein.
Der Kriminalfall[...]
Ganz anders der unverwüstliche Kommissar, der den Job in gewohnt sachlicher Manier und unbeirrbaren kriminalistischem Spürsinn erledigen will. Er macht sich schnell sehr unbeliebt mit der provokanten Hypothese, daß die Frau vorsätzlich auf ihren Mann geschossen haben könnte, in einem bewußten Moment geistiger Aufhellung. Er unterstellt ihr sogar, daß sie sich sehr genau an die Mordtat erinnern kann, ohne grundsätzlich ihre Demenz anzuzweifeln. Für die Mutmaßung der partiell simulierten Amnesie und Simulation findet er gewichtige Anhaltspunkte, kann aber kaum jemanden überzeugen, geschweige denn, die Verdächtigung der Täuschung beweisen.
Als die Streife das Haus der Sartorius betritt, sitzt die Klavierlehrerin kerzengerade und regungslos auf der Wartebank im Foyer, den Mantel übergestreift, die Hände sorgsam gefaltet im Schoß, neben sich die Handtasche abgestellt, griffbereit zeigen die Henkel nach oben. Wie sie aufrecht dasitzt, in eleganter Abendgarderobe gekleidet, mit erstarrtem Körper und entrücktem Gesicht, wirkt es, als habe sie das lange vergebliche Warten auf die Türglocke hoffnungslos entmutigt.
Die Nachbarn haben auf ein lautes Knallgeräusch hin die Polizei alarmiert, berichteten aufgeregt, das im gleichen Augenblick abrupt die Klaviermusik verstummte. Drinnen im Salon finden die Polizisten den Mann, rücklings vom Hocker gefallen, ausgestreckt am Boden. Auf dem Flügel liegt ein altes langläufiges Gewehr, der stechende Geruch von Schwarzpulver erfüllt den Raum. In der Brust des Dirigenten klafft eine große Wunde, aus dem zerfetzten weißen Rüschenhemd sickert Blut. Der Notarzt kann nur noch den Tod feststellen. Die beiden Streifenpolizisten kennen das Paar persönlich. Entsetzt blicken sie auf Frau Sartorius herab. Auf die ernste Ansprache der Polizisten lächelt sie besorgt ,,Können wir nun losfahren, wir kommen sonst zu spät zur Vorstellung‘‘. Der eine Uniformierte fragt unbeholfen den Kollegen ,,Was sollen wir denn jetzt tun – müssen wir ihr nicht Handschellen anlegen?‘‘
Der Kommissar, keineswegs rührselig betroffen, sondern skeptisch rational, spricht sie als Verdächtige an:
,,Wo ist ihr Mann?‘‘
Sie schweigt lange, stiert ins Leere, sagt schließlich ,,Wir müssen los, Marianne hat heute Abend ihre Premiere.‘‘
,,Gleich Frau Sartorius, gleich…‘‘ entgegnet der Kommissar milde ,,…gleich können sie ins Auto steigen. Wer immer sie auch ist, sie werden Marianne schon nicht verpassen. Sagen sie mir bitte vorher nur noch eines: Wo ist bloß ihr Mann, wollen sie nicht gemeinsam in die Vorstellung gehen?‘‘
Als müsse sie Güte mit seiner Ahnungslosigkeit walten lassen, stößt sie einen leichten Seufzer aus:
,,Mein Mann? Mein Mann ist gestorben.‘‘
,,Ja, ich weiß, er ist tot, aber wo ist er jetzt?‘‘
Langsam hebt sie den Kopf und schaut den Kommissar unverständlich an:
,,Er liegt auf dem Friedhof, begraben. Ich bringe jede Woche frische Blumen an sein Grab – seit zwanzig Jahren. Können wir jetzt abfahren?"
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Die Untersuchung bringt erstaunliche Fakten und Verbindungen in dem Fall zum Vorschein. Marianne gibt es wirklich. Sie war die Lieblingsschülerin der Klavierlehrerin und dank ihrer geduldigen Förderung wurde sie eine bedeutende Pianistin, die Weltruhm erlangte. Exakt an dem Todestag des Dirigenten vor zwanzig Jahren verpaßt Frau Sartorius einen Zug und begibt sich wieder zurück ins Haus. Vollkommen unvorbereitet öffnet sie die Tür zum Schlafzimmer in der oberen Etage und ertappt ihren Mann mit Marianne im Bett. Sie bricht zusammen, kann nicht mehr arbeiten, hat seitdem nie wieder eine Klaviertaste angerührt, zieht sich gänzlich ins Privatleben zurück, gründet anschließend die Stiftung für traumatisierte Frauen, die Opfer von Gewaltverbrechen geworden sind und meidet bis auf die Opernbesuche die Öffentlichkeit.
In der alten Krankenakte von Frau Sartorius, die beim Hausarzt liegt, sind erstmals Demenzsymptome einige Tage nach dem Schock vor zwanzig Jahren erwähnt. Der Arzt will sie seinerzeit zu einer genaueren Untersuchung in eine Spezialklinik bewegen, was sie aber jahrelang ignoriert. Erst als die gesundheitliche Beeinträchtigung eine häusliche Pflege erfordert, nötigt ihr Mann sie zu einer klinischen Untersuchung, die Alzheimer attestiert.
Die Pflegerin, die jahrelang die demente Sartorius betreut, bekommt heimlich mit, wie der Ehemann hinter ihrem Rücken die Entmündigung betreibt und geriert sich zu einer wichtigen Zeugin, die mit den Folgerungen ihrer Beobachtungen aber daneben liegt. In der Handtasche von Frau Sartorius findet die Polizei zwar eine Patientenverfügung, die, wie sich später herausstellt, ihr Mann unrechtmäßig erwirkt hat. Auf dem Dokument und Umschlag finden sich jedoch unbekannte Fingerabdrücke, als habe ihr irgendein Unbekannter den Brief am Tattag in die Tasche gelegt.
Mit der Entmündigung verfügt der Mann formaljuristisch über das gemeinsame Vermögen, das sich hauptsächlich aus dem Erbschaftsbesitz der Ehefrau zusammensetzt. Weitere kostspielige junge Geliebte haben mehr als das eigene Einkommen des Lebemanns aufgezehrt. Bei einer Scheidung stünde er nicht nur als hochgradig verschuldeter Bankrotteur da, auch seine tadellose Reputation wäre ruiniert.
Niemand sonst erfährt von der amourösen Liebschaft des Dirigenten mit der Pianistin, bis irgendwann die Tochter eine Schachtel mit verstaubten Tagebüchern der geistig versiegenden Mutter findet und Eintragungen über die Affäre liest. Die Mutter damit konfrontiert, reagiert gleichgültig, will oder kann sich nicht an Marianne erinnern, was sich die Tochter mit der fortgeschrittenen Demenz erklärt. Als ausgebildete Psychologin, die mittlerweile die Traumaeinrichtung der Stiftung leitet, stellt sie intuitiv einen psychosomatischen Zusammenhang zwischen der Affäre des Vaters und der Erkrankung der Mutter her. Der Vater, den sie bis dahin abgöttisch liebt, fällt in Ungnade, aber auch von der Mutter ist sie tief enttäuscht, davon, daß sie ihn nach der Schande gedeckt und weiter eine heile Welt vorgespielt hat. Die Tochter spielt eine Schlüsselrolle in der Geschichte, gerät zeitweilig sogar ins Visier der Ermittlungen.
Was auch dem Sohn widerfährt, einem erfolglosen Schriftsteller, der mehr desaströsen Alk. als der Literatur zugetan ist, aber mit ganzer Leidenschaft seinen Vater haßt, in dessen Schatten er zeitlebends ein intellektuelles Kümmerdasein fristet. Er hat sich früh im Streit von der Familie abgesondert und führt eine labile Existenz. Auf ihn projiziert sich das klassische Motiv des Vatermords. Im ganzen Ensemble entpuppt er sich dennoch als die einzige moralisch integre Figur. Auch er wußte von der Affäre. Marianne hat es ihm gebeichtet. Er empfand es aber bereits als Genugtuung, anstelle des Vaters zeitweilig der legitime Geliebte der bewunderten Pianistin zu sein. Für die Mutter hat er nur selbstgerechte Verachtung übrig.
Ihre Schwäche ist seiner zu ähnlich, als daß er sie respektieren könnte.
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Soweit der Abriß der Story. Was recht übersichtlich beginnt, überlagert und verschränkt sich mit den Komplikationen, die naturgemäß die Alzheimerproblematik aufwirft und endet mit einem überraschenden Freispruch für Frau Sartorius. Einen in der Rechtsgeschichte einmaligen ,,vorläufigen Freispruch‘‘, wie der Richter es formuliert; weder sei der Fall gerichtstauglich noch verhandelbar und muß die Institutionen der Rechtstheorie zur Referenz zurück gewiesen werden. Selbstredend erlaubt unser Rechtesystem eine solche gerichtliche Beurteilunglücke nicht, doch wollte ich auch in der Jurisprudenz innovativ sein.
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Kommissar und Verdächtige verwickeln sich im Lauf der Vernehmungen in ein Gegenspielerduo. Sie macht immer wieder unterschwellige Andeutungen, daß sie sich besser erinnern kann als die Demenz es vermuten läßt, aber nie so klar, daß der Kommissar sie überführen könnte. Und er läßt nichts unversucht, greift gar zu illegalen Mittel, als er einen Freund bittet, als Pfleger getarnt ihr Vertrauen zu erschleichen. Ohne Erfolg, Sartorius präsentiert die Alzheimererkrankung wie im Lehrbuch. Und genau das nährt das kriminalistische Mißtrauen des Chefermittlers, der getrieben von seinem Gerechtigkeitssinn anfängt, sich autodidaktisch in die Krankheit zu vertiefen, macht sich mit der fachlichen Medizinwissenschaft vertraut, leistet quasi ein privates Studium, traktiert mit seinem Laienwissen die Experten und kollidiert mit mächtigen Wirtschaftskreisen. Die Profiteure der Demenz sind sehr an einer gerichtlich notierten Schuldunfähigkeit in dem prominenten Falle interessiert, was den Kommissar noch zusätzlich anspornt, den Beweis anzutreten, daß die Verdächtige sehr wohl gemordet haben könnte. Er steht jedoch mit seiner forensischen Analyse und altmodischem Vernunftbegriff, der einzig dem sachlichen Urteilsvermögen verpflichtet ist, sich weder der öffentlichen Meinung noch dem ökonomischen Druck oder den Disziplinierungsversuchen der Staatsanwaltschaft beugen will, von vornherein auf verlorenem Posten.
Nach der Verhandlung sitzt er in einem Nebenraum allein der freigesprochenen Sartorius gegenüber. Er weiß, er hat verloren und ist ohne Chance, jemals die kriminalistische Wahrheit durchzusetzen und schaut sie prüfend an. Sie erwidert den Blick und fragt
,,Sind sie sehr enttäuscht über den Freispruch?‘‘
Er schüttelt den Kopf, wenig überrascht über die Offenbarung, war er doch von ihrem doppelten Spiel die ganze Zeit überzeugt
,,Nein. Mögen Sie in der Hölle schmoren. Was immer ihr Mann ihnen angetan hat, mir ist es egal. Aber nicht egal sind mir die Folgen des Urteils, laufen doch tausende von verbitterten Menschen herum, die sich die Demenz als Alibi besorgen können. Davor graut mir wirklich. Mögen sie in der Hölle schmoren, aber, lieber Gott, hoffentlich allein.‘‘
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Aus einer E-Mail an eine Freundin, Oktober 2013:
Für mein Drehbuch gibt es einen ersten Kaufinteressenten, irgend eine Produktionsgesellschaft. Die Literaturagentur in München verlangt nun aber, daß ich einiges umschreiben soll, mehr oder minder das Skript in eine TV-Format taugliche Schmonzette für’s gemütliche deutsche Wohnzimmer verwandeln, in Art einer seichten Tatortgeschichte, wo auf’s Erbärmlichste die Realität auf dem Kopf gestellt wird. Vor allem soll die noble Dame nicht als Mörderin dastehen.
Na ja, einen warmen Geldregen könnte ich gut gebrauchen, doch müßte ich dann meinen Kommissar im Stich lassen.
So baue ich erst einmal weiter Möbel und Musikinstrumente.P.S.: Schlußendlich hat es die Agentur auf die backlist gesetzt und an eine britische Produktionsgesellschaft verkauft.
Von dem Honorar konnte ich ein Jahr leben.
Preisfrage: Welche Figur im Kriminalfall verkörpert den Autor?