Zitat von JoLu: Diese Flucht, diese mangelnde Empathie, die Rücksichtslosigkeit, sein Ego-Trip…
Glaub mir, ich kann das gut nachvollziehen. Ich habe es selbst erlebt, zu welchen unverständlichen und unsozialen Verhaltensweisen man greift, wenn man von Hormonen geflutet ist. Man verliert jegliche Bodenhaftung, aber das ist niemals ein langfristiger Zustand. Man bewegt sich auf Wolke 7 und sieht nur sich und das neue Objekt. Und alles andere wie moralische Werte, die man normalerweise vertritt, sind weggeblasen.
Und ich verstehe auch Dich, wie unbegreiflich es Dir gerade bei ihm vorkommt. Du siehst ihn nun von einer Seite, die Du niemals an ihm gesehen hast. Rücksichtslosigkeit, Empathielosigkeit, Gleichgültigkeit Dir und den Kindern und seinem bisherigen Leben gegenüber und hemmungloser Egoismus, der über jegliche sonstigen Gefühle, die er damit anderen zumutet, einfach hinweg fegt. Wie ein Sturm in der Wüste oder ein Schneesturm. Er ist gnadenlos.
Das, was war, gilt nichts mehr. Es war ja schon lange nichts mehr, aber für diese Erkenntnis brauchte er Mandy, die ihm nun zeigt, was er versäumt hat und nachholen muss.
Die beiden profitieren jetzt enorm voneinander, aber sie kennen sich nicht. Sie kennen den Sx, den Körper des anderen, aber sie kennen nicht das Wesen des anderen und die Eigenschaften, die darunter liegen. Das kommt alles später, wenn der Hormonrausch nachlässt und ganz allmählich der Verstand wieder einsetzt. Aber da musst Du in Wochen rechnen oder Monaten.
Was er da tat, ist so was von rücksichts- und gefühllos. Das hätte nicht mal ich damals geschafft, dass ich an Weihnachten mein Köfferchen packte und einfach zum Neuen gefahren wäre. Aber Weihnachten war diese Affärenbeziehung ohnehin schon schwierig gewesen, viel zu schwierig und ein ewiger Eiertanz aus Wünschen,Sehnsüchten und Abweisen seinerseits. Ich war in eine Bredouille geraten, aus der ich nicht mehr heraus kam . Heute vermute ich so was wie Liebessucht, emotionale Abhängigkeit, in die ich unbemerkt geraten war. Daher hielt ich eisern an der Affäre fest, obwohl ich ja sah, wie er sich verhielt und welche Auswirkungen das auf mich hatte.
Ich erinnere mich an eine Situation im Winter. Schnee und Eis und er fuhr mich zum Bahnhof, weil ich Sonntag Abend wieder nach Hause fuhr. Wir waren relativ früh dran, hatten vorher über Urlaubsziele gesprochen und in mir keimte eine Ahnung auf, ob er vielleicht erwog, mit mir zu verreisen. Aber nein, ich wusste gleichzeitig, dass das nicht so war, wie ich es mir gewünscht hätte. Er wäre nie mit mir in den Urlaub gefahren, denn 24/7- Betrieb hätte ihn völlig überfordert.
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Wir standen am Bahnsteig, ich sehe noch die Lichter, höre den Krach von einfahrenden Zügen, die quietschenden Bremsen und begann zu weinen, weil mir auf einmal bewusst wurde, dass aus dieser Beziehung niemals was werden würde. Die Tränen flossen und ich konnte einfach nicht aufhören und heulte und heulte. Zum Glück standen wir ziemlich am Ende des Bahnsteigs, wo nicht mehr so viele Leute standen.
Und er stand da, die Hände in den Hosentaschen und stierte vor sich hin. Keine Reaktion auf meine Tränen, keine Berührung, kein tröstendes Wort. ich war auch darüber fassungslos und ich wusste, der ist jetzt froh, wenn Du weg bist. Er stellte nur die kalte Frage, warum ich weinte. Ich erwiderte was von wegen, dass ich traurig bin, dass ich weg muss, aber das war gelogen. Ich wusste, dass ich mich in einem Kartenhaus befand das jederzeit einstürzen konnte. Und ich allein hielt dieses Kartenhaus noch mühsam zusammen.
Er gab mir auch eine Antwort: Da kann ich jetzt auch nichts machen.
Gefühllos, kalt, ohne jegliche Zuwendung.
Ich stieg Tränen überströmt in den Zug und fand zum Glück einen Sitzplatz, wo ich nicht von anderen gesehen wurde. Ich weinte weiter und konnte nicht aufhören. Der Schaffner kam und ich reichte ihm Tränen überströmt meine Fahrkarte. Er war irgendwie peinlich berührt und sah zu, dass er weiter kam. Was ging ihn auch eine heulende Frau an.
Erst eine halbe Stunde später, als ich umsteigen musste, versiegten die Tränen wieder. Noch eine Stunde Fahrzeit, in der ich nicht mehr weinte. Dann ging ich zum Auto und schaufelte den Schnee vom Auto und dann kam eine Wut über mich auf diesen kalten Menschen, dem ich mein Herz hingetragen hatte. Da, ich geb es Dir, mach es heil und dann gibst Du es mir wieder, wenn es sich glücklich fühlt.
Und dann kam die Ruhe über mich. Die Lage war verfahren, aussichtslos, aber ich ging nicht, hoffte wieder auf Brösel seiner Aufmerksamkeit (das kann man hier öfters lesen), auf ein kleines Bißchen Nähe, das die Kälte kompensierte, die von ihm ausging. Es war tröstlich, dass ich noch mein Zuhause hatte, wo es doch harmonisch zuging. Wie gut, dass ich einen Ort hatte, an dem ich ich sein durfte und wo ich frei atmen konnte. Ich hatte mich in etwas verrannt, was ich heute nicht mehr verstehen kann. ich hätte es beenden müssen, aber auch dieses Festhalten und Festklammern an etwas Aussichtsloses war Teil meines Wesens. Auch unbegreiflich.
Jeder schleppt Wesenszüge mit sich rum, die er eigentlich nicht begreift und die werden meist in der Kindheit angelegt. Da beginnt alles und da wird der Mensch zu dem geformt, der er später ist.
Vielleicht hast Du in diese Ehe auch etwas hinein interpretiert, was nicht da war oder zu wenig. Oft braucht es erst Abstand, um ins Nachdenken und ins Nachfühlen zu kommen. Dazu ist noch alles zu frisch, zu neu, zu emotionsbeladen, um klarer zu sehen. Aber die Zeit wird kommen, wo Du beginnst zu rekapitulieren. Und ja, es gehört auch zu seinen Wesenszügen, dass er wie ein Bulldozer über Deine Gefühle hinweg trampelt und es ist ihm sch.gal, wie es Dir damit geht. Denn jetzt zählt nur er und diese Trulla Mandy, die sicher auch nicht klar bei Verstand ist.
Dass Ihr jetzt traurig seid, weiß er, aber es berührt ihn nicht. Auch das sollte Dir zu denken geben.